22 Nationalitäten bei Werder – und laut Sportchef Baumann keine Probleme

„Das Gesamtkonstrukt passt absolut“

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Bremen/Zell - Von Malte Rehnert. Seit gestern Abend weilt Werder im Trainingslager im Zillertal. Neun Tage lang sind die Profis rund um die Uhr zusammen. Auf dem Platz und im Hotel. Da beschäftigen sich die Spieler automatisch mehr miteinander als im normalen Alltag in Bremen. Für die Integration neuer Spieler „kann so ein Trainingslager hilfreich sein“, meint Werder-Sportchef Frank Baumann. Aber nicht nur dafür.

Man lernt den Menschen hinter dem Fußballer besser kennen und, das weiß Baumann aus eigener Erfahrung, „spricht auch mal über andere Themen“. Und zwar in verschiedenen Sprachen, denn Werder hat aktuell 21 Nationalitäten im Kader. Plus den ukrainischen Trainer Viktor Skripnik, demnach sogar 22. Multikulti in Grün-Weiß – gewiss nicht immer kinderleicht, aber „es funktioniert sehr, sehr gut“. Findet Baumann.

„Das macht doch den Fußball als Spiegelbild der Gesellschaft so interessant“, sagt der 40-Jährige: „Die Globalisierung ist da. Man sieht, dass es auch mit vielen Nationalitäten in einer großen Gruppe klappen kann. Bei uns war das nie ein Problem.“

Damit Fußballer aus unterschiedlichen Ländern oder gar Kontinenten und Kulturen harmonieren, bedarf es aber einiger Arbeit. Und die Verantwortlichen müssen vieles beachten beziehungsweise einfordern von den ausländischen Spielern.

Als ersten und wichtigsten Punkt nennt Baumann die Sprache. „Unsere Spieler sollen so schnell wie möglich Deutsch lernen. Das gehört zum Beruf Profifußballer dazu. Das bieten wir auch an – und wir achten darauf, dass es ausführlich umgesetzt wird.“ Dolmetscher, die gerne auch im eigenen Verein gesucht und gefunden werden (wie Gabriella Toth aus der Frauenmannschaft, die gelegentlich für den Ungarn Laszlo Kleinheisler übersetzt), sollen immer weniger eingesetzt werden. Deutschkurse sind inzwischen Pflicht bei Werder.

Vorbei die Zeiten, als zum Beispiel ein Hugo Almeida (Portugiese) oder ein Diego (Brasilianer) sich weigern durften, intensiv zu lernen – und deswegen nie in der Öffentlichkeit Deutsch sprachen. Die heutige Generation bei Werder ist deutlich fleißiger. Theodor Gebre Selassie (Tschechien) oder Santiago Garcia (Argentinien) etwa können sich ziemlich gut in der fremden Sprache artikulieren – und die (fast) Neuen arbeiten darauf hin. Sambou Yatabare (Mali) versuchte es bisher „mit einer App“ und urteilt: „Es ist verdammt schwierig. Am besten lernt man es durch sein Umfeld.“ Viel mehr als „Wie geht’s?“ und „Alles klar?“ geht noch nicht. Im August beginnt für den 27-jährigen Afrikaner dann aber der Deutschunterricht: „Und dann mache ich hoffentlich große Fortschritte.“

Auf dem Platz wird derzeit gerne mal mehrsprachig kommuniziert. Kein Wunder, beim Blick auf die Vierer-Abwehrkette (wenn sie denn so zusammengesetzt wird). Der Tscheche Gebre Selassie und der Argentinier Garcia außen, der Senegalese Fallou Diagne (spricht Französisch) und der Finne Niklas Moisander innen. Baumann glaubt jedoch nicht, dass Komplikationen auftauchen und erinnert mit einem Schmunzeln an das glorreiche Werder-Jahr 2004: „In unserer Double-Saison waren in der Abwehr auch nicht so viele Deutsche dabei. Und das hat auch geklappt.“ Ümit Davala (Türkei), Valerien Ismael (Frankreich), Mladen Krstajic (Serbien) und Paul Stalteri (Kanada) – so sah es oft aus in der Meister- und Pokalsieger-Saison.

Ein Bild aus gemeinsamen Tagen: Frank Baumann (rechts/damals noch Werder-Profi) und Ailton. Dass der brasilianische Lebemann damals „nicht komplett eingesperrt“ wurde, findet der Bremer Sportchef gut. „Er hätte sonst nie seine ganze Stärke ausspielen können“, meint Baumann. - Foto: nordphoto

Und vorne stürmte Ailton, der abseits des Platzes als nicht gerade leicht erziehbar galt und in so manches Fettnäpfchen tapste. „Bis zu einem gewissen Grad hat er die deutschen Tugenden gelernt“, erinnert sich Baumann. Pünktlichkeit und Disziplin, die Regeln, die für den Sportchef auch 2016 extrem wichtig sind, gehörten mitunter allerdings eher nicht dazu. Trotz der einen oder anderen Geldstrafe: Der Brasilianer Ailton war bei Werder mega-erfolgreich. Und Baumann weiß auch, warum: „Hätte man ihn damals komplett eingesperrt, hätte er niemals seine ganze Stärke ausspielen können.“ Ailton hatte hier und da Freiheiten, die er laut Baumann brauchte.

Auch die ausländischen Spieler des derzeitigen Kaders wolle Werder „nicht komplett umerziehen“, betont Baumann: „Man muss eben auch die Kulturen und Mentalitäten ein bisschen verstehen und das Ganze mit Fingerspitzengefühl angehen. Da haben wir ein ganz gutes Händchen – auch unser Trainerteam.“ Chefcoach Skripnik sogar besonders, meint Baumann: „Ich glaube, in dieser Hinsicht ist es ein Vorteil, dass unser Trainer auch kein Deutscher ist. Er kann sich in die Lage der ausländischen Spieler hineinversetzen. Das hilft.“

Und wenn Skripnik nicht hilft, dann hilft vor allem Tim Barten. Er ist eine Art „Integrationsbeauftragter“ bei Werder. „Tim kümmert sich grundsätzlich darum, dass sich neue Spieler schnell eingewöhnen“, sagt Baumann, der diese Aufgabe früher selbst erledigte. Als Assistent von Geschäftsführer Klaus Allofs war er auch für Reiseplanungen zuständig und musste unter anderem darauf achten, dass bei dem einen oder anderen Auslandstrip Visa da waren, wenn Visa gebraucht wurden. „Beispielsweise, wenn afrikanische Spieler nach England einreisen wollten.“ Schwierigkeiten habe es laut Baumann nie gegeben.

Genauso wenig wie bei kulturellen Besonderheiten wie dem Essen oder der Religion. „In Deutschland hat sich eine internationale Küche etabliert. Das ist bei uns auch so“, sagt er. Alle ausländischen Spieler kämen damit bestens zurecht. Und wenn Moslems wie Diagne sich streng nach dem Fastenmonat Ramadan richten, „ist das auch nichts Außergewöhnliches mehr“, findet Baumann: „Das hat sich alles längst eingespielt, ist Erfahrungssache.“

Gleiches gilt für die Cliquenbildung innerhalb einer Mannschaft. Wer die gleiche Sprache spricht, hockt oft zusammen. Absolut okay, meint Baumann – wenn es nicht zu einer Isolation führt. „Man muss das ein bisschen im Auge behalten und bei der Kaderzusammenstellung berücksichtigen“, betont der Bremer Sportchef und verrät noch, was für ihn in einem Multikulti-Team die größte Herausforderung ist: „Abschätzen zu können, wie gut so eine große Gruppe funktioniert, welche Charaktere zusammenpassen. So ein Gesamtkonstrukt zusammenzubauen, ist wohl das Schwierigste.“ Mit dem momentanen Ergebnis bei Werder ist Baumann total zufrieden: „Es passt – absolut.“

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