Werder-Neuzugang Lamine Sane im Interview

„Man muss den Sturm erstmal vorbeiziehen lassen“

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Deutschunterricht in der Schiedsrichterkabine: Werder-Profi Lamine Sane lobt Lina Schömann als sehr gute Lehrerin.

Bremen - Von Björn Knips. Der Ort ist schon etwas ungewöhnlich: In der Schiedsrichterkabine pauken Werders Afrikaner Sambou Yatabare, Fallou Diagne und Lamine Sane regelmäßig Deutsch. Sie haben hörbar Spaß dabei. Sane lobt Lehrerin Lina Schömann – und sie umgekehrt die Profis: „Die machen das richtig gut – und ich habe ihnen gesagt, dass die Deutschen diesen französischen Akzent ganz besonders mögen.“

Sane kann nach nur vier Wochen in Bremen sogar schon kurze Sätze bilden. Dem Neuzugang von Girondins Bordeaux ist seine rasche Integration ganz wichtig. Der 29-Jährige hat auch schnell Freunde gefunden – und dem neuen Kumpel Sambou Yatabare gleich seinen Ferrari geliehen. Das ging schief, Yatabare baute einen Unfall. Sane nimmt es locker. Entspannt schaut der Innenverteidiger im Interview auch auf die Zukunft von Werder. Mit etwas mehr Offenheit könnten die Ergebnisse schon bald besser werden.

Monsieur Sane, würden Sie mir Ihr Auto leihen?

Lamine Sane: Würde ich gerne, aber ich habe keins mehr.

Sind Sie Ihrem Kollegen Sambou Yatabare böse, dass er Ihr Auto beschädigt hat?

Sane: Nein, ich bin nicht sauer. Ich habe Sambou gesagt, dass es nur ein Gegenstand ist. Ein bisschen enttäuscht bin ich aber schon, weil ich das Auto wirklich mochte.

Vor diesem Unfall gab es ein Teambuilding – eine Torfkahnfahrt. Haben Sie sich nicht gewundert, was sich die Deutschen alles so einfallen lassen?

Sane: Das war wirklich interessant. Das kannte ich aus Frankreich nicht. Aber ich habe schon verstanden, worum es ging – und es hat auch ganz gut funktioniert.

Was genau?

Sane: Bei dem Ausflug waren alle ganz anders. Wenn wir trainieren oder spielen, dann ist jeder auf seine eigene Leistung konzentriert und etwas verschlossen. Auf dem Boot konnte man die Kollegen mal von einer ganz anderen Seite erleben, jeder war offener. Ich würde sogar so weit gehen und sagen: Wenn wir auch beim Spiel offener miteinander umgehen, dann wird es langfristig die Ergebnisse verbessern.

Warum ist es so schwierig, auf dem Platz offener zu sein?

Sane: Das hängt mit der vergangenen, sehr schwierigen Saison zusammen. Die ist noch in vielen drin. In Frankreich würde man sagen: ,Da muss man den Sturm erst einmal vorbeiziehen lassen.’ Damit dann alle von unten und gemeinsam anfangen können. Das braucht Zeit, aber das ist der richtige Weg.

Wie lange dauerte so ein Sturm?

Sane: Das kann man nicht so genau sagen. Aber unsere Voraussetzungen sind schon ganz gut, weil der Verein viele neue Spieler geholt hat. So wie mich, ich habe von dem Abstiegskampf eigentlich gar nichts mitbekommen. Diese neuen Spieler, dieses neue Blut kann die Grundstimmung verändern, um etwas Mitreißendes zu schaffen. Dadurch können die anderen vielleicht neuen Mut schöpfen. Okay, das hat bis jetzt noch nicht so gut geklappt, aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir so aus diesem Tief herauskommen.

Wie groß ist für Sie die Umstellung von der französischen zur deutschen Liga?

Sane: Das Spiel hier ist viel direkter. In Frankreich hat man viel mehr Zeit, wenn man den Ball bekommt. Dann kann man den Angriff gut vorbereiten. Wie man das auch bei den Bayern sieht, wenn sie nicht gleich angegriffen werden. Wir bekommen diese Zeit meistens nicht vom Gegner.

Wie zufrieden sind Sie dabei mit Ihrer Leistung?

Sane: Mir macht das Spaß. Durch dieses direkte Spiel ist viel mehr Schwung und Stimmung auf dem Platz. In Frankreich wird fast schon zu viel vorbereitet.

In Frankreich haben Sie aber sicher nicht so viele Gegentore kassiert wie hier. Liegt es vielleicht daran, dass Sie in den drei Pflichtspielen unterschiedliche Partner in der Innenverteidigung hatten?

Sane: Für mich ist diese Flexibilität kein Problem. Die Zahl der Gegentore ist nicht so schön, wird aber vom Bayern-Spiel sehr beeinflusst. Ich bin sicher, dass wir das im Laufe der nächsten Spiele normalisieren werden.

Aber es gab mindestens zwei Tore in jedem Pflichtspiel – woran liegt das?

Sane: Wir müssen hinten noch kompakter stehen. In Frankreich hatten wir ein Verteidigungszentrum, das uns Stabilität gegeben hat. Das müssen wir hier auch erreichen.

Wie sah dieses Zentrum aus?

Sane: Es bestand aus zwei Innenverteidigern und einem Sechser, der ganz klar defensiv orientiert war. Das war das Herzstück, das dem Team Halt gegeben hat.

Bei Werder gibt es sogar zwei Sechser.

Sane: Das stimmt, aber sie interpretieren die Rolle etwas offensiver. Bei uns in Frankreich war der einzige Sechser sehr defensiv. Aber das heißt nicht, dass wir nicht auch anders zum Erfolg kommen können. Es ist einfach etwas Neues für mich. Wir werden uns noch besser kennenlernen und einspielen.

Sanes Werdegang

Jetzt geht es gegen Borussia Mönchengladbach. Hat Werder gegen diesen Champions-League-Teilnehmer überhaupt eine Chance?

Sane: Da fallen mir eigentlich nur drei Worte ein: Wir müssen gewinnen! Sicher, Gladbach ist eine sehr starke Mannschaft. Das Spiel am Mittwoch gegen Manchester konnte ich leider nicht sehen, weil ich meinen Fernseher noch nicht hier habe.

Fühlen Sie sich auch ohne Fernseher in Bremen schon wohl?

Sane: Ja, sehr. Ich habe sogar schon eine Wohnung. Leider sind noch viele meiner Sachen in Bordeaux. Die Stadt gefällt mir sehr gut, sie ist nicht so riesig, das mag ich. Die Menschen sind sehr sympathisch. Mir geht es gut hier. Und wenn dann bald auch die Ergebnisse stimmen, ist es perfekt.

Sie pauken bereits fleißig Deutsch und sollen das schon richtig gut können.

Sane: Ich habe eine sehr gute Lehrerin (lacht). Es ist wirklich keine einfache Sprache, aber ich komme ganz gut zurecht.

Haben Sie schon ein deutsches Lieblingswort?

Sane: Lebenslang grün-weiß (lacht). Ich kann auch schon ein paar andere Sachen wie ,Ich muss schlafen’, ,Ich muss zum Training’.

Das stimmt, die Zeit drängt. Also geben wir Gas: Wie ist es, mit 29 Jahren noch mal die Schulbank zu drücken?

Sane: Es macht Spaß, eine Sprache zu lernen, wenn man in dem Land auch lebt. Integration funktioniert am besten, wenn man die Sprache beherrscht.

Können Sie schon besser Deutsch als Ihr Bruder Salif?

Sane: Wie bitte? Salif ist schon seit drei Jahren in Deutschland. Neulich hat er ein Interview von mir bei Radio Bremen gesehen, da habe ich ein bisschen Deutsch gesprochen. Er hat mich danach angerufen und sich über meine Aussprache lustig gemacht (lacht).

Sie, Sambou Yatabare, Fallou Diagne – Werder ist ziemlich afrikanisch. Wie sehr hilft Ihnen das?

Sane: Ich bin ein sehr geselliger Typ, ich gehe auf die Leute zu. Ich brauche kein afrikanisches Bremen. Natürlich ist es schön, so nette Kollegen wie Sambou und Fallou zu haben. Wir verstehen uns super.

Es heißt immer, Ihr Knie müsse besonders gepflegt werden. Was bedeutet das?

Sane: Ich weiß nicht, ob es an Deutschland oder speziell an Bremen liegt. Ich wurde hier so gut behandelt, dass ich an jedem Training, an jedem Spiel teilnehmen konnte. Da klopfe ich wirklich auf Holz. Hier wird offenbar alles richtig gemacht.

Wie geht es für Sie bei der Nationalmannschaft des Senegals weiter, werden Sie im Januar beim Afrika-Cup spielen?

Sane: Ich bin gekommen, um Werder zu helfen. Das hat absolute Priorität. Der Afrika-Cup ist etwas Tolles, aber ich denke nur an Werder.

Also fahren Sie nicht hin?

Sane: Vielleicht (lacht).

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