Rettungs-Experte Vestergaard als Mutmacher

„Wir haben eine coole Truppe“

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Gegenwart und Vergangenheit: Jannik Vestergaard steht im Weserstadion und zeigt sein Jubelbild aus dem Jahr 2013.

Bremen - Von Malte Rehnert. Das Foto ist knapp drei Jahre alt und zeigt einen ekstatisch jubelnden Jannik Vestergaard. Am 27. Mai 2013 köpfte der Däne im Relegations-Rückspiel beim Zweitligisten 1. FC Kaiserslautern das 2:1, beendete nach dem 3:1-Hinspielsieg endgültig das Zittern und feierte den Klassenerhalt mit der TSG Hoffenheim. Zum Interview, das vor dem Maulkorberlass für die Werder-Profis geführt wurde, wird dem 23-jährigen Bremer Abwehrchef das Bild vorgelegt.

Er lächelt, mag die Pose von damals allerdings nicht nachstellen: „Das ist albern, die Emotion muss von innen kommen.“ Dafür spricht Vestergaard aber über die wundersame Rettung und sagt, warum sie ihm Mut macht für die aktuelle Situation im Abstiegskampf. Und er gibt für den Keller-Krimi am Montag (20.15 Uhr) gegen den VfB Stuttgart einen gewagten Tipp ab.

Herr Vestergaard, hier ist Ihr Jubelbild aus der Hoffenheim-Zeit. Was verbinden Sie damit?

Jannik Vestergaard: Das, was drauf zu erkennen ist: pure Emotion und Euphorie. Aber auch eine Saison voller Frustration, die dann plötzlich ein positives Ende genommen hat. Deshalb waren es nach einer negativen Zeit im Nachhinein gute Erfahrungen, weil alles glücklich endete. Und über ein Tor freut man sich natürlich immer.

Sie waren mit Hoffenheim 2013 so gut wie weg vom Fenster, retteten sich am letzten Spieltag nach 0:1-Rückstand mit einem Sensationssieg (2:1) in Dortmund in die Relegation – und schafften tatsächlich den Klassenerhalt. Eine verrückte Zeit?

Vestergaard: Die Saison war richtig hart – mit dem Abstiegskampf, den wenigen Punkten und den vielen Trainern, die wir hatten. Dortmund hatte in der Woche danach das Champions-League-Finale – und gegen uns haben sie mit der gleichen Aufstellung gespielt. In der ersten Halbzeit konnten wir froh sein, dass wir nicht mit 0:4 hinten lagen. Und plötzlich begann das Märchen. Zwei Elfmeter, Rote Karte und keine Auswechselmöglichkeit mehr für Dortmund. Da stand dann Kevin Großkreutz im Tor. Und dann noch der Dortmunder Ausgleich in der Nachspielzeit, der korrekt, aber mutig zurückgepfiffen wurde. Wir haben uns dann auf die Relegationsspiele gefreut, weil wir ja eigentlich schon abgestiegen waren. Oft ist das anders, dass man Angst vor solchen Spielen hat, weil man so viel zu verlieren hat. Für uns waren es damals Bonusspiele.

Wie viel Mut macht Ihnen das Erlebnis von 2013 für 2016?

Vestergaard: Ich weiß: Selbst wenn es ganz schwarz aussieht, kann alles gut werden. Und die Situation mit Hoffenheim war deutlich kritischer als unsere jetzt. Wir haben es selbst in der Hand. Das hatten wir damals nicht, da mussten wir auch noch auf andere Ergebnisse schauen. Ich habe es am eigenen Körper gespürt, dass alles möglich ist. Deswegen habe ich auch einen festen Glauben daran. Im Fußball spielt auch der Kopf extrem viel mit.

Erzählen Sie Ihren Mitspielern von der spektakulären Rettung?

Vestergaard: Ich versuche, es jedem ein bisschen mitzugeben. Ich stelle mich nicht vor die Mannschaft und halte eine lange Rede, aber wir sprechen schon mal darüber. Ich teile diese Erfahrung gerne.

Sie haben damals gute Noten in den entscheidenden Spielen bekommen – Sie haben also gute Nerven?

Vestergaard: Ich glaube, ich werde nicht so schnell nervös. Und ich weiß, dass ich der beste Jannik bin, wenn ich einen kühlen Kopf behalte. Man sieht mich nicht oft in Situationen, wo ich jemanden schubse oder sonst irgendwas. Ich kann mich ziemlich gut kontrollieren und auf das Wesentliche fokussieren.

Ist das bei Ihren Teamkollegen genauso?

Vestergaard: Ja, schon. Die erste Halbzeit gegen den HSV klammere ich mal aus, denn da waren wir einfach nicht da. Man hat aber auch schon gesehen, dass wir voll da sind, wenn es darauf ankommt. Wie gegen Wolfsburg oder Bayern. Wir waren aggressiv, aber im Rahmen des Erlaubten. Wir haben vom Kopf her eine coole Truppe, die mit solchen Situationen umgehen kann.

Was spricht für Werder im Endspurt?

Vestergaard: Dass wir eigentlich eine gute Tendenz gezeigt haben. Das mag nach der ersten Halbzeit gegen den HSV ein bisschen komisch klingen, aber gegen Wolfsburg, in München und in der zweiten Halbzeit gegen Hamburg haben wir gut gespielt. So müssen wir in den letzten drei Spielen über 90 Minuten auftreten – und dann sind wir in der Lage, alle drei Mannschaften zu schlagen.

Worauf wird es gegen Stuttgart, Köln und Frankfurt besonders ankommen?

Vestergaard: Auf Präsenz, Aggressivität und Zielstrebigkeit.

Wie beurteilen Sie die Gesamtsituation im Abstiegs-Krimi: Wird es ein Dreikampf zwischen Werder, Stuttgart und Frankfurt um den einen Platz, der sicher zur Rettung reicht?

Vestergaard: Das interessiert mich nicht. Es können auch andere Mannschaften die letzten drei Spiele verlieren. Es bringt uns aber nichts, wenn wir unsere nicht gewinnen. Unser Fokus liegt nur auf uns – so soll es sein. Wenn wir auf andere gucken, geht der Fokus verloren.

Sie gucken sich nicht mal die Restprogramme der Konkurrenz an und rechnen auch nicht?

Vestergaard: Ich weiß, wer noch gegen wen spielen muss. Aber das war es dann auch.

Bei Werder sind die Abläufe auch in der Krise nahezu gleich. Müssen in einer solchen Phase nicht neue Reize gesetzt werden? Andere probieren mehr – der VfB Stuttgart etwa ist ins Kurztrainingslager nach Mallorca geflogen.

Vestergaard: Jeder verfolgt seinen eigenen Weg. Wir haben nach einer normalen Vorbereitung gegen Wolfsburg und Bayern sehr gute Leistungen gezeigt. Impulse kann man auf unterschiedlichen Wegen der Mannschaft geben.

Ihr Trainer Viktor Skripnik steht öffentlich in der Kritik. Wie erleben Sie ihn momentan?

Vestergaard: Wie der ganze Verein ist auch er voll in dieser Situation drin. Er lebt das alles mit, ist 100 Prozent Werder Bremen. Man merkt natürlich, dass es für ihn nicht einfach ist. Aber ich finde, dass er damit sehr gut umgeht. Er versucht, uns Mut zuzusprechen, uns gut vorzubereiten und uns heiß zu machen. Gemeinsam werden wir es in den letzten drei Spielen schaffen.

Aber gelingt Skripnik das Mut- und Heißmachen? Von außen betrachtet, sieht es manchmal nicht danach aus.

Vestergaard: Wenn Sie in Hamburg in der Halbzeit in der Kabine gewesen wären, hätten Sie gesehen, was los war. Einiges. Die Reaktion von uns hat man dann sofort draußen auf dem Platz gesehen. Daran liegt es nicht.

Für das Stuttgart-Spiel haben mehrere Ultra-Gruppierungen einen Stadion-Boykott angekündigt. Ihre Meinung dazu?

Vestergaard: Natürlich würden wir sie gerne im Stadion sehen und hören. Das würde einen Unterschied machen, keine Frage. Aber das ist einzig und allein deren Entscheidung. Ich werde ihnen nicht sagen, was sie zu tun haben. Keiner kann sie zwingen, ins Stadion zu kommen. Ich kann nur sagen, dass wir die Unterstützung, die wir hier insgesamt immer bekommen, sehr schätzen. Wir haben geile Fans – und wir brauchen sie dringend, gerade im Moment.

Wie intensiv denken Sie – trotz der schwierigen Lage – über Ihre eigene Zukunft nach?

Vestergaard: In erster Linie zählt der Abstiegskampf. Ich bin Werder-Spieler – es wird viel spekuliert, aber ich möchte keine Energie darauf verschwenden. Ich brauche die komplette Energie, die ich in meinem Körper habe, für die momentane Situation. Alles andere muss ausgeblendet werden.

Trotzdem eine Nachfrage: Ihre Mutter stammt aus Krefeld, Ihre Großeltern wohnen dort in der Nähe. Borussia Mönchengladbach ist quasi nebenan und soll großes Interesse an Ihnen haben. Was sagen Sie dazu?

Vestergaard: Nichts – genau wie zu den ganzen anderen Gerüchten. Alles, was nichts mit Werder zu tun hat, möchte ich nicht kommentieren.

Dann zurück zu Werder: Können Sie sich vorstellen, in der kommenden Saison in der Zweiten Liga zu spielen?

Vestergaard: Ich glaube nicht, dass wir hier Zweite Liga spielen. Darum kümmere ich mich nicht, meine Gedanken sind jetzt voll fokussiert auf die Erste Liga mit Werder.

Als nächstes geht es gegen Stuttgart. Wie geht das Heimspiel am Montag aus?

Vestergaard: Wir gewinnen 2:0.

Zu null hat Werder in dieser Bundesliga-Saison noch nie gespielt – eine gewagte Prognose.

Vestergaard: Es ist mutig, das stimmt (lacht). Aber ich glaube daran. Wir werden aggressiv sein, nach vorne spielen und den Gegner attackieren.

Warum rettet sich Werder?

Vestergaard: Weil wir eine gute Mannschaft sind. Das werden wir jetzt in allen drei Spielen zeigen. Dann bleiben wir drin und können uns Gedanken machen, wir wir in der nächsten Saison konstanter werden. Das war bisher unser Hauptproblem.

Packen Sie es mit Ihrem Club diesmal ohne Relegation?

Vestergaard: Ja.

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