Nach dem Desaster: Kapitän Fritz nimmt die Mannschaft in die Pflicht 

„Wir müssen uns vertrauen können“

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Clemens Fritz kann gar nicht anders, der Werder-Kapitän schaut immer positiv in die Zukunft.

Bremen - Von Björn Knips. Frühschicht im Weserstadion. Bereits um 9 Uhr hatte Trainer Viktor Skripnik die Mannschaft am Dienstagmorgen ins Weserstadion bestellt – zur visuellen Aufarbeitung des Desasters von Lotte. Gut eine Stunde dauerte die unangenehme Wiederholung vom Pokalaus beim Drittligisten. Und Clemens Fritz war natürlich dabei.

„Der Trainer hat die Punkte klar angesprochen, das war sehr gut“, verriet der Kapitän später im Interview mit der Kreiszeitung. Der 35-Jährige nutzte die Gelegenheit, die Mannschaft öffentlich in die Pflicht zu nehmen, Coach Skripnik zu stützen und die Angst vor dem Bundesliga-Auftakt am Freitag beim FC Bayern zu verscheuchen.

Clemens Fritz, wie sehr schmerzt das Pokalaus noch? 

Clemens Fritz: Das nagt natürlich an einem. Man hat eine lange Vorbereitung hinter sich, geht hoch motiviert in die Saison, will sich zeigen – und dann versagen wir als Mannschaft. Das muss man auch mal so klar sagen. Das Trainerteam hat uns gut eingestellt. Das sind ganz einfache Sachen. Wir haben drei Tage über Standardsituationen gesprochen – und sehen dann dabei schlecht aus und kriegen nach einer Ecke das erste Tor. Es waren so viele Unkonzentriertheiten in unserem Spiel. Wir waren nie richtig in den Zweikämpfen. Es waren viel zu viele Punkte, die nicht gepasst haben, um zu gewinnen. So verlierst du jedes Spiel. Da muss sich jeder einzelne Spieler in die Pflicht nehmen.

Nach dem Spiel stand sofort wieder der Trainer in der Kritik, es gab Skripnik-Raus-Rufe. Fühlt man sich als Spieler dafür mitverantwortlich?

Fritz: Natürlich. Wir sind doch diejenigen, die auf dem Platz die Leistung abrufen müssen. Er kann uns nur Dinge an die Hand geben, die wir umsetzen sollen. Das haben wir schlecht gemacht. Ich kann mich nur wiederholen: Wir haben als Mannschaft versagt, das darf uns nicht wieder passieren.

Jetzt könnte man aber auch behaupten, der Trainer erreicht die Mannschaft nicht mehr. 

Fritz: Ich wusste, dass das kommt.

Viktor Skripnik hat aber selbst gesagt, dass seine Anweisungen offenbar nicht in den Köpfen der Spieler hängen geblieben sind. 

Fritz: Man kann doch nach einem schlechten Spiel nicht sagen, dass einen der Trainer nicht mehr erreicht. Das ist Blödsinn. Wir haben doch eine Woche zuvor im Test gegen Ingolstadt gezeigt, wie kompakt wir stehen und wie gut wir gemeinsam verteidigen können. Wir haben bei dem 1:0-Sieg auch nach vorne gute Akzente gesetzt. Da sieht man doch, was möglich ist. Und wenn man dann sieht, was wir gegen Lotte für individuelle Fehler gemacht haben, muss man doch nicht über den Trainer reden. Wir machen sogar den Ausgleich. Dann musst du als Bundesligist das Spiel kontrollieren. Doch wir haben uns das Leben lieber selbst schwer gemacht. Da müssen wir als Mannschaft anders auftreten.

Die Stimmung in Bremen war bis zum Pokalspiel bestens – vor allem nach der Verpflichtung von Max Kruse. 

Fritz: Das ist doch der Punkt. Es wird eine Verpflichtung getätigt und schon heißt es hier wieder: alles schön, alles gut, es läuft von alleine. Das ist es aber nicht, das haben wir in Lotte gesehen. Ich habe schon im Vorfeld gesagt, man darf jetzt nicht alles an Max festmachen und ihm diese Verantwortung auf seine Schultern legen. Wir müssen die Verantwortung innerhalb der Mannschaft verteilen.

Nicht nur das Pokalaus tat weh, die Verletzung von Kruse fühlt sich wie der nächste Niederschlag für Werder an. Empfindet das die Mannschaft genauso? 

Fritz: Das Wichtigste ist, dass sich die Mannschaft von diesen emotionalen Schwankungen im Umfeld frei macht. Auf einmal ist alles super und kurz darauf bricht alles wieder zusammen – so zu denken, das können wir uns als Mannschaft nicht leisten. Wir müssen uns vertrauen können. Wie willst du denn mit diesen Stimmungsschwankungen konstant Leistung bringen? Das funktioniert nicht. Max ist halt jetzt verletzt, Claudio Pizarro auch. Philipp Bargfrede fehlt uns ebenfalls. Das sind wichtige Spieler, aber das müssen wir als Mannschaft kompensieren.

Geht das?

Fritz: Ja. Wir sind sehr geschlossen. Das war vergangene Saison unser Plus, das müssen wir wieder umsetzen. Wir haben doch gesehen, was damit möglich ist. Man kann so viel über Taktik oder Laufwege reden, aber das Wichtigste ist doch: Man muss im Kopf voll da sein, konzentriert sein, aktiv sein, voll in die Zweikämpfe gehen. Der Rest kommt erst danach.

Wie hart war die Videoanalyse vom Lotte-Spiel? 

Fritz: Natürlich war es wichtig, uns das noch mal vor Augen zu führen und selbstkritisch zu sein. Der Trainer hat die Punkte klar angesprochen, das war sehr gut.

Gab es Zuckerbrot oder Peitsche? 

Fritz: Das ist nicht wichtig. Der Trainer hat es gut gemacht – Punkt.

Die Werder-Fans haben Angst, dass es jetzt zum großen FC Bayern geht, befürchten ein Debakel. Wie ist die Mannschaft gestimmt? 

Fritz: Ich will aus jedem Spiel das Optimum herausholen. Es ist der falsche Weg zu sagen: Jetzt bloß nicht in München die Hütte voll kriegen. Wir sollten dahinfahren und über unsere Leistungsgrenze hinausgehen. Man hat doch gesehen, was für einen Drittligisten möglich ist. Für uns ist auch alles möglich.

In der Vorbereitung haben alle Werder-Profis immer betont, sie freuen sich auf diesen schweren Saisonauftakt bei den Bayern, weil die halbe Welt zuschaut. Hat sich das nun geändert? 

Fritz: Die Freude dürfen wir uns durch das Spiel in Lotte nicht nehmen lassen. Ja, das Ausscheiden tat weh, aber jetzt müssen wir nach vorne schauen – und zwar positiv.

Ist es auch die Chance, dem Trainer Rückendeckung zu geben und ihn damit aus der Schusslinie zu nehmen? 

Fritz: Definitiv, das kommt natürlich auch noch dazu. Es liegt an uns, das wieder zu ändern.

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