Sachverstand ist vorhanden – aber auch die Handlungshärte?

Baumann, der neue Chef: Was er hat, was er braucht

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Als Spieler war Frank Baumann ein stiller, aber anerkannter Anführer. Als Geschäftsführer warten neue Herausforderungen auf ihn.

Bremen - Von Carsten Sander. Als er sich vor einem Jahr von Werder Bremen verabschiedete, wollte er erstmal eines machen: Rasen mähen. Es war ein Scherz im Stil des Frank Baumann, kurz und trocken. Wie der Rasen nach dem Mähen. Doch künftig wird die Gartenarbeit wieder vernachlässigt werden.

Denn Baumann kehrt zum SV Werder zurück, wird Mitglied der Geschäftsführung und übernimmt als Nachfolger des entlassenen Thomas Eichin die sportliche Leitung des Fußball-Bundesligisten. Eine große Aufgabe, in die der 40-Jährige sicher erst noch hineinwachsen muss. Ein Überblick über das, was der Bremer Ehrenspielführer schon mitbringt und was er noch lernen muss

Was er schon hat

Sachverstand: Frank Baumann verfügt über sehr viel davon. Erworben hat er sein Fachwissen in 260 Bundesliga-Spielen und 28 Einsätzen für die deutsche Nationalmannschaft. Neun Jahre lang trug er zudem die Kapitänsbinde bei Werder Bremen – und das nicht, weil er so ein netter Kerl ist, sondern weil der damalige Trainer Thomas Schaaf ihn als Diskussionspartner und verlängerten Arm auf dem Feld brauchte und über die Maßen schätzte.

Sensible Antennen: Was geht vor in einer Mannschaft? Wie ist die Stimmung, wie die Strömung? Frank Baumann hat nach der eigenen, langen Profi-Karriere und der Zeit als „Käpt’n Baumi“ das Gespür für die Vorgänge innerhalb eines Teams. Einer ist unzufrieden, einer hebt ab, einer schludert, einer überdreht – Baumann wusste immer mit den Mitspielern umzugehen. Er war dabei meistens jemand, der ruhig nach innen wirkte, nur selten wurde er laut. Und wenn, dann geschah auch das nur intern. Dass er auch öffentlich mal auf den Putz gehauen hat, waren absolute Ausnahmen. Aber es kam vor.

Manager-Rüstzeug: Er hat es sich in zwei Jahren als Assistent von Geschäftsführer Klaus Allofs geholt und später als Sportdirektor und Manager der Bremer U 23 ausgebaut. Frank Baumann kennt die formellen Vorgänge bei Transfers, weiß, was in Spielerverträgen stehen sollte und was nicht. Von den Kniffen und Tricks der Spielerberater sollte er sich nicht mehr überraschen lassen. Baumann hat gewissermaßen den Gesellenbrief in der Tasche an seinem „Meister“ arbeitet er aber erst ab der kommenden Woche.

Großes Ansehen: Alle mögen Baumann – kann man das so sagen? Ja, kann man. Der Kapitän des Double-Teams von 2004 ist „everybody’s darling“, ein Sympathieträger. Er steht auf der Skala der beliebtesten Werder-Spieler aller Zeiten im oberen Bereich – dort, wo sich Namen wie Marco Bode, Pico Schütz, Wynton Rufer, Ailton und Johan Micoud finden.

Was er noch braucht

Handlungshärte: Jetzt gilt’s für Frank Baumann. Er hat keinen Klaus Allofs mehr vor sich, keinen Thomas Eichin. Fortan muss er selbst die Entscheidungen treffen und vertreten, auf die jeder schaut. Auch die unbequemen, unpopulären. Und es wird sich erst noch zeigen, ob er über die für den Geschäftsführerposten nötige Handlungshärte verfügt. Beispielsweise bei Entlassungen – speziell, wenn es sich bei den Betroffenen um ehemalige Mitspieler wie Trainer Viktor Skripnik und dessen „Co“ Torsten Frings handeln sollte.

Frontmann-Qualitäten: Sagen wir es so: Frank Baumann war bislang niemand, der vor jede Kamera gesprungen ist. Vielmehr war der Hintergrund sein bevorzugter Lebensraum. Doch damit ist Schluss. Der Geschäftsführer Sport ist immer auch ein bisschen das Gesicht des Vereins, er vertritt Werder in vielen Themen nach außen. Jedenfalls war es bisher so. Frank Baumann wird den Job schwerlich anders interpretieren können, es mangelt in der Geschäftsführung und im Trainerstab an geeigneten Frontmann-Alternativen.

Mitarbeiterführung: So richtig Chef war Frank Baumann noch nicht. Weil er aber offenbar insgeheim wusste, dass er es mal werden würde, stand vor einem Jahr gleich hinter Rasen mähen und Urlaub machen der Punkt „Fortbildung in Teamführung“ auf dem Programm. Wenn er in der kommenden Woche seinen Platz in der Geschäftsführung übernimmt, hat Baumann gleich einen ganzen Stab an Mitarbeitern zu delegieren. Insgesamt haben die drei Geschäftsführer die Verantwortung für 160 Werder-Mitarbeiter.

Das richtige Näschen: Es ist das Wichtigste überhaupt für einen Sportchef. Talente aufspüren, verpflichten, weiterentwickeln, mit Gewinn verkaufen – nur so überlebt Werder Bremen in der Liga. Baumann übernimmt nun den Part des Aufspürens und Weiterverkaufens – also Grundlage und Königsdisziplin im Fußball-Business. Greift er dauerhaft daneben, sieht es schlecht aus für Werder. Seinen ersten Flop hat der neue Sportchef dummerweise schon in der Vita stehen. Als er 2012 nach Klaus Allofs und vor Thomas Eichin interimsweise die Verantwortung inne hatte, ging die Verpflichtung des jungen Verteidigers Mateo Pavlovic auf sein Konto. Es war ein absoluter Fehlgriff und bleibt hoffentlich eine Ausnahme – so wie früher ein baumannscher Wutanfall als Kapitän.

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