Werder-Boss Filbry: „Entscheidungshoheit muss bei uns bleiben“ / Ideen für faireren Wettbewerb

Ein Investor? Nicht um jeden Preis

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Es ist nicht so, dass Klaus Filbry händeringend nach Investoren sucht. Der Werder-Boss beschäftigt sich zwar mit dieser Art der Erschließung neuer Geldquellen. „Ich glaube aber nicht, dass da in den nächsten ein, zwei Jahren Ergebnisse zu erwarten sind“, meint der 47-Jährige.

Bremen - Werder Bremen sucht nach neuen Geldquellen – da könnte der Begriff „Investor“ auch an der Weser zum Modewort werden. Denn ein solches Modell hält im Fußball-Oberhaus zunehmend Einzug.

Der FC Bayern ist mit drei am Club beteiligten Unternehmen wieder einmal Spitze. Hertha hat sich eine solche Finanzspritze fürs Überleben besorgt. Ähnlich sieht es beim Hamburger SV aus, der schon vor der notwendigen Ausgliederung der Profi-Abteilung dem Milliardär Klaus-Michael Kühne Anteile zugesichert hat, damit der sofort den Geldbeutel öffnet. Der VfB Stuttgart macht sich gerade für die Daimler AG hübsch. So viel Panik herrscht bei Werder aber noch nicht.

„Natürlich beschäftigen wir uns mit dem Thema Investor“, sagt Klaus Filbry, Werders Vorsitzender der Geschäftsführung: „Ich glaube aber nicht, dass da in den nächsten ein, zwei Jahren Ergebnisse zu erwarten sind.“ Schließlich hätte sich schon seit 2003 so etwas ereignen können. Damals entstand die SV Werder Bremen GmbH & Co. KGaA, das Unternehmen für den Profifußball. Der Verein hält 100 Prozent an dieser Kommanditgesellschaft auf Aktien, ist aber satzungsmäßig bereit, 20 Prozent an einen Investor abzugeben und diesem dafür einen Sitz im Aufsichtsrat anzubieten. Doch zu einem Abschluss kam es bislang nie. Auch, weil Werder wählerisch ist. Denn zwei von drei Investoren-Modellen kommen für die Bremer nicht in Frage: der Finanzinvestor und der Mäzen.

„Clubs als reine Geschäftsmodelle zu sehen, ist der falsche Weg. Und bei einem Finanzinvestor steht an erster Stelle Gewinnoptimierung“, sagt Filbry. Außerdem würden solche Unternehmen, die einst der damalige Finanzminister Franz Müntefering als „Heuschrecken“ tituliert hatte, die Kontrolle des Clubs anstreben. Hertha hat es trotzdem gewagt, dem Private-Equity-Unternehmen Kohlberg Kravis Roberts & Co. L.P. (KKR) fast zehn Prozent seiner Anteile verkauft. Aus der Not heraus. Der hochverschuldete Club soll von den Banken kein Geld mehr bekommen haben (siehe Extra-Text).

„Die Entscheidungshoheit im sportlichen und wirtschaftlichen Bereich muss immer bei uns bleiben“, fordert Filbry. Deshalb sei auch der Einstieg eines Mäzens – wie Kühne beim HSV – in Bremen undenkbar. „Dort wurde signifikanter Einfluss genommen – über öffentliche Druckszenarien und die Installierung des Generalbevollmächtigten als Aufsichtsratsvorsitzender. Das ist nicht der Weg, den wir gehen würden“, stellt der 47-Jährige klar.

Werder strebt die Zusammenarbeit mit einem strategischen Investor an – so, wie es die Bayern mit adidas, Audi und jetzt auch Allianz vorgemacht haben. „Diese Investoren pflegen ein partnerschaftliches Verhältnis, in dem es für beide Seiten positive Ergebnisse geben soll“, sagt Filbry. Das Problem: Mit Ausnahme der Bayern hat das bislang keiner geschafft. Der Rekordmeister profitiert von seiner immensen Popularität. Die drei Bayern-Sponsoren wollen sich offensichtlich vor ungeliebter Konkurrenz beim europäischen Top-Club schützen. Mit Anteilseigner adidas ist es nun zum Beispiel undenkbar, dass der FC Bayern plötzlich mit Nike-Trikots aufläuft.

Das hat sich der Sportartikelhersteller aus Herzogenaurach 77 Millionen Euro kosten lassen – vor bereits mehr als zehn Jahren. So eine Größenordnung ist für Werder undenkbar. Zum Vergleich: Im Zuge des KKR-Deals wurde Hertha BSC mit 220 Millionen Euro bewertet. Werder soll etwas mehr wert sein – vielleicht 250 Millionen Euro. Das würde bei einem Verkauf von zehn Prozent der Anteile 20 Millionen Euro in die Kasse spülen. Klingt viel, ist es aber heutzutage nicht mehr. „Das Geld kann bei zwei, drei Spielern schnell weg sein, wenn sich ein Spieler schwer verletzt oder sportlich nicht funktioniert“, sagt Filbry und erinnert an Bremer Transferflops wie Wesley, Carlos Alberto, Denni Avdic. Werder habe das letztlich nicht verkraften können.

Andere Clubs könnten das, meint Filbry und nennt den VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen, die als Werksclubs von VW und Bayer massiv unterstützt werden. Mit Sondergenehmigung, denn eigentlich fordert die 50+1-Regel immer die absolute Mehrheit des Vereins und nicht eines Unternehmens oder Investors. Doch Wolfsburg und Leverkusen waren schon vor Einführung der Regel Werksclubs, und ihre Besitzer stehen nicht im Verdacht, Anteile zu verkaufen und den Club damit zum Spielball irgendwelcher Scheichs zu machen. Genau das will der deutsche Fußball mit seiner in Europa einmaligen Sonderregel verhindern. Nur aus Sicht von Filbry gelingt es ihm längst nicht mehr – dabei erinnert er an 1899 Hoffenheim mit Mäzen Dietmar Hopp, Hannover 96 mit Martin Kind und Rasenballsport Leipzig mit Dieter Mateschitz und dessen Dosen-Imperium als Strippenzieher. „Das sind Beispiele, die sich nicht mit dem Grundgedanken der 50+1 Regel decken“, betont der Werder-Boss: „Wenn diese Regel sauber gelebt würde, würde das dem Wettbewerb sehr gut tun.“ Gleiches gelte für das Financial Fairplay der Uefa, das den Vereinen nur gestattet, auszugeben, was eingenommen wird. Und damit sind Einnahmen aus dem operativen Geschäft gemeint – nicht übermäßige Zuwendungen von Einzelpersonen oder Unternehmen. „Es werden Werbewerte gegengerechnet, die nicht marktrealistisch sind. Das müsste man mal sauber hinterfragen“, glaubt Filbry und hat ein Beispiel parat: „Der VfL Wolfsburg hat einen sehr hoch dotierten Werbevertrag mit VW.“ Allein seit dem Amtsantritt von Ex-Werder-Manager Klaus Allofs beim VfL vor knapp zwei Jahren haben die Niedersachsen für neue Spieler fast 70 Millionen Euro an Ablösen bezahlt.

Neben Einschränkungen in diesem Bereich wünscht sich Filbry auch eine andere Verteilung der TV-Gelder – und hält den Vorschlag von Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke für diskussionswürdig: „Es muss nicht nur der Tabellenstand zählen, sondern auch, welches Interesse der Club generiert. Die Sky-Tabelle, welches Spiel von wievielen geguckt wurde, ist ein guter Indikator. Auch die Zahl der Auswärtsfans. Wir haben 150 Anmeldungen aus Hoffenheim bei einer Kapazität von 4000 Auswärtsfans. Das ist nicht gut. Das zeigt, dass dort das Interesse nicht so groß ist.“

Eine weitere Möglichkeit für mehr Gerechtigkeit sieht Filbry in einer Gehaltsobergrenze wie im amerikanischen Sport, wo jeder Club das gleiche Budget zur Verfügung hat. Aus den USA würde er auch gern das Draft-System importieren, das den in der abgelaufenen Saison schlechtesten Teams den Erstzugriff auf die besten Talente ermöglicht. Aber das sei durch die Vereinsstrukturen in Deutschland nicht umsetzbar.

Es ist nicht zu überhören: Filbry wünscht sich, dass das Millionen-Geschäft Fußball nicht zum Milliarden-Geschäft wird. Wohl wissend, dass die Einnahmen für Clubs wie Werder endlich sind. „Wir drehen hier ein extrem großes Rad. Ein, zwei Millionen kann es immer mal wieder raufgehen. Aber aufgrund der Stadiongröße und dessen, was wir vermarktet haben, sind keine großen Wachstumssprünge möglich.“

Bleiben also nur zwei Auswege: Investoren, um den immer mehr werdenden „Vitamin-B-Clubs“ (Filbry) Paroli zu bieten – oder eben Beschränkungen, wie sie Filbry favorisiert.

kni

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