Ex-Trainer Muzzicato erinnert sich an die Anfänge von Ousman Manneh

Das reife Ausnahmetalent

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Ousman Manneh hat seinen großen Traum bei Werder Bremen verwirklicht – der 19-jährige Flüchtling aus Gambia ist Bundesliga-Profi.

Bremen - Von Malte Rehnert. Während des Telefonats sieht Fabrizio Muzzicato seinen ehemaligen Spieler plötzlich im Fernsehen und stellt erfreut fest: „Der ,Ous’ ist immer noch der gleiche Junge wie vor zwei Jahren, als wir uns kennengelernt haben.“

Der ,Ous’ – das ist Werders Stürmer Ousman Manneh (19), den der 35-Jährige als erster Trainer in Deutschland unter seinen Fittichen hatte. In der U 19 des Blumenthaler SV. Diese Mannschaft hatte sich Gambia-Flüchtling Manneh für seinen Start in der neuen Heimat ausgesucht – rund zwei Jahre später spielt er in der Bundesliga (drei Einsätze) und hat einen Profivertrag bis 2018. „Ich freue mich sehr für ihn, das ist doch klar“, sagt Muzzicato: „Er hat den Sprung geschafft.“ 

Und das als erster Fußballer seines Heimatlandes. 2011 gab es zwar schon mal einen Gambier in der Bundesliga, doch Dawda Bah wurde beim FC Augsburg nur ein Mal eingewechselt. Dann verletzte sich der heute 32-Jährige schwer und ging 2013 nach Finnland. Vor Manneh hat noch nie ein Spieler aus dem westafrikanischen Land in der Startelf eines deutschen Erstligisten gestanden. Dass es dem jungen Bremer gelang, überrascht Muzzicato nicht sonderlich. Der aktuelle Coach des Bremen-Liga-Spitzenreiters Bremer SV urteilt: „,Ous’ ist ein Ausnahmetalent, dazu hungrig und ehrgeizig, Er ist intelligent, sympathisch, bodenständig und fokussiert – insgesamt eine sehr gute Kombination.“

All diese Attribute sind dem gebürtigen Bremerhavener mit italienischen Wurzeln schon damals aufgefallen. Im Sommer 2014. Da hatte sich Manneh nach Probetrainings in Huchting und Borgfeld für die Blumenthaler A-Jugend (Regionalliga) entschieden. „Seit ich klein war, wollte ich immer nur Fußball spielen. Auch, als ich nach Bremen kam“, erinnert sich Manneh. „Das habe ich den Leuten, die ich kannte, gleich gesagt.“ Einer davon war Muzzicato. Und dem Coach war schnell klar, dass der damals 17-Jährige „ein Glücksfall“ für den BSV war. 

„Das hat man nach drei, vier Minuten gesehen, dafür brauchte man kein Experte zu sein. Ousman war da bereits eine imposante Erscheinung, physisch top.“ Dass der 1,89 Meter lange Angreifer nicht nur groß, sondern auch fußballerisch stark ist, sah Muzzicato zum ersten Mal bei einem Vorbereitungsturnier. Im Spiel gegen den U 19-Bundesligisten SV Meppen. Dieses Erlebnis hat sich im Gedächtnis des Trainers eingebrannt: „Wir haben zwei Mal 30 Minuten gespielt. Ousman hat fünf Tore gemacht, ist spielend leicht an den Gegnern vorbeigangen. Das war nicht normal.“ Schon da habe er gewusst, „dass Ousman wohl nicht lange bei uns sein wird.“

Mannehs rasanter Aufstieg

In der „coolen Zeit“, wie Muzzicato die gemeinsamen Monate nennt, habe sich Manneh auch abseits des Platzes gut integriert: „Wir hatten noch fünf, sechs andere Afrikaner im Kader. Das hat ihm geholfen. Er hat sich gleich wohlgefühlt.“ Der 35-Jährige habe den jungen Gambier auch mehrfach in dessen Flüchtlingsunterkunft in Bremen-Lesum besucht. „Wir haben sehr viel über Fußball gesprochen, er kennt sich richtig gut aus. Und wir haben uns unter anderem auch über Systeme ausgetauscht“, sagt Muzzicato. 

Mannehs unbegleitete Flucht aus seinem diktatorisch beherrschten Heimatland (seine Mutter und seine Schwestern leben noch dort) war dagegen eher kein Thema. „Das ist seine Privatsache“, meint Muzzicato. So sieht es auch Manneh, der gegenüber „werder.de“ kürzlich sagte: „Ich muss nicht immer wieder danach gefragt werden, denn dann erinnere ich mich an das, was passiert ist. Und dann kommt alles wieder hoch.“

Dass Manneh „viel mehr erlebt hat als ein normaler Junge“, habe ihn laut Muzzicato schnell erwachsen werden lassen: „,Ous’ ist schon ein gestandener Typ, erstaunlich reif. Bei uns war er mit seiner Art gleich ein Führungsspieler.“ Damals verständigte sich der Gambier ausschließlich auf Englisch, inzwischen kann er ganz gut Deutsch. „Das spricht auch für seinen Charakter“, findet Muzzicato, „er weiß, wie wichtig es ist, schnell zu lernen.“ 

Zur Schule geht Manneh mittlerweile nicht mehr, den Sprachunterricht setzt er aber fort. In Blumenthal finden sie es extrem schade, dass der Stürmer schon nach recht kurzer Zeit wieder weg war. Kein Wunder, nach 15 Treffern in elf Regionalliga-Spielen. „Er hat in fast jedem Spiel wahnsinnig gute Tore geschossen, Fallrückzieher oder Soli über 60 Meter, bei denen er fünf Gegenspieler aussteigen ließ“, schwärmte Peter Moussalli, Sportlicher Leiter des BSV, bei „werder.tv.“ und fügte an: „Was mir noch im Kopf geblieben ist: Dieses Strahlen im Gesicht, er war immer freundlich und höflich, hat immer abgeklatscht. Einfach ein guter Junge!“

Das dachte Werder auch, warb intensiv um Manneh und setzte sich schließlich gegen namhafte Konkurrenz (Hamburger SV, FC. St. Pauli Schalke 04) durch. „Bremen ist mein zweites Zuhause geworden. Hier habe ich Freunde gefunden, die mir helfen können. Warum soll ich also weggehen?“, fragt Manneh: „Außerdem hat Werder viele junge Spieler in die Bundesliga gebracht.“

Nouri: „Ich habe da nicht gezaubert“

Bis es bei ihm soweit war, dauerte es jedoch eine Weile. Im Juli 2015 sorgte er beim Testspiel der Werder-Profis in Wilhelmshaven zwar mit einem Viererpack binnen 15 Minuten für Aufsehen, entschwand wenig später aber erst mal wieder in die U 23. Zu Chefcoach Alexander Nouri und Co-Trainer Florian Bruns, die mittlerweile für die Profis verantwortlich sind. 

„Wir hatten bei Ousman viel Phantasie, aber er brauchte einfach noch Zeit“, erinnert sich Nouri. Inzwischen sei Manneh bereit für die Bundesliga, glaubt der 37-Jährige: „Er hat eine Konstanz entwickelt – und das auf hohem Niveau. Deswegen haben wir ihm das Vertrauen geschenkt. Gezaubert habe ich da nicht, das hat er sich alles erarbeitet.“ Auch Bruns ist voll des Lobes: „Ousman hat Mut und ist frech. Er ist sehr fleißig, laufstark, hat einen guten Torabschluss und ist unangenehm für den Gegner. Und er gibt auch in jedem Training 100 Prozent, ist mit Herz und Seele dabei. Man merkt: Er will es unbedingt schaffen.“

Einen großen Schritt hat Manneh mit seinen ersten Bundesliga-Einsätzen gemacht. „Es fühlt sich großartig an. Ich bin sehr glücklich, dass ich die Chance bekommen habe“, erzählt er mit leuchtenden Augen: „Das war einer der größten Träume meines Lebens.“ Gerne würde er irgendwann „einer der besten Stürmer der Welt werden“ – er weiß aber, dass es schon schwierig genug ist, sich auf Dauer bei Werder durchzusetzen. 

„Wir haben sehr gute Stürmer, die gerade noch verletzt sind“, sagt er und meint Claudio Pizarro und Max Kruse: „Sie haben viele Tore geschossen und einen größeren Namen als ich.“ Muzzicato ist ziemlich gespannt, wie die weitere Karriere des Emporkömmlings verläuft: „Es war der richtige Zeitpunkt und der richtige Trainer für sein Debüt. Doch jetzt muss man abwarten, ob es weiter so steil nach oben geht.“

Seinen Landsmann Bakery Jatta hat Manneh jedenfalls überholt – zumindest vorerst. Der 18-Jährige, an dem Werder ebenfalls mal interessiert war, hat im Sommer einen Profivertrag bis 2019 beim Hamburger SV unterschrieben, dort bisher aber nur in der Reserve (Regionalliga Nord) gespielt. 

Auch Jatta (wie Manneh ein Flüchtling) kennt Muzzicato bestens, er hat ihn vor seinem HSV-Wechsel ein halbes Jahr lang beim Bremer SV trainiert. Wer der Bessere von den beiden ist, mag Muzzicato nicht beurteilen: „Das ist wirklich sehr schwierig für mich zu sagen. Ich denke, die Zwei werden ihren Weg im Profigeschäft machen. Aber es gehört natürlich auch immer Glück dazu.“

mr

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