96-Coach Schaaf über Abstiegssorgen, Werder und Schiri-Frust

„Der Fußball hat keine Zeit mehr“

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Hannovers Trainer Thomas Schaaf sieht in seiner Mannschaft genügend Potenzial, den Klassenerhalt zu schaffen.

Hannover - Von Björn Knips. Thomas Schaaf erkundigt sich als erstes nach dem Wetter in Bremen und fühlt sich wieder einmal bestätigt, als er von leichtem Schneefall in der Heimat hört. „Hier in Hannover ist es oft ein bisschen besser“, sagt der 54-Jährige. Seit Ende vergangenen Jahres trainiert Schaaf Hannover 96, seine fünf Bundesliga-Spiele gingen allesamt verloren. Trotzdem wirkt er nicht niedergeschlagen und schon gar nicht nervös.

Im Gegenteil. Er nimmt sich in der HDI-Arena viel Zeit für das Interview mit dieser Zeitung und gibt sich angriffslustig. Der längjährige Werder-Coach ist fest davon überzeugt, dass 96 den Klassenerhalt noch schaffen kann. Seinem Ex-Club macht er auch Mut und stellt sich schützend vor Viktor Skripnik.

Herr Schaaf, Hannover 96 ist Tabellenletzter – und Ihre Ex-Clubs Werder Bremen und Eintracht Frankfurt schweben ebenfalls in großer Abstiegsgefahr. Die Tabelle könnte im Moment kaum schlimmer für Sie sein, oder?

Thomas Schaaf: Für mich ist jetzt nur die Situation bei 96 entscheidend. Ich habe hier so viel zu tun, dass mir gar keine Zeit bleibt, um auf andere zu schauen. Es ist verdammt intensiv. Wir versuchen, alle Ressourcen auszuschöpfen, um irgendwie den Dreh reinzubekommen, die Situation zu verbessern.

In Hannover wird schon viel über die Zweite Liga gesprochen. Sie wurden gefragt, ob Sie dann überhaupt bleiben. Glaubt hier keiner mehr an den Klassenerhalt?

Schaaf: Natürlich hat man gehofft, dass man durch die Veränderungen im Winter sofort positive Ergebnisse bekommt. Das ist nicht passiert. Und dann denkt man wieder darüber nach, wie wenige Spiele man seit einem Jahr gewonnen hat. Das hängt hier wie eine Glocke drüber. Zugegeben, durch eine Partie wie gegen Augsburg werden eher Zweifel gehegt, als Optimismus verbreitet. Aber es nicht vorbei. Oft sieht unsere Gesellschaft leider eher das Negative, anstatt den kleinen Fitzel Positives mitzunehmen.

Verstehen Sie sich als Mutmacher?

Schaaf: Ich habe jedenfalls den festen Glauben, etwas verändern zu können. Ich weiß, dass wir besser Fußball spielen können. Ja, wir sind in einer schwierigen Situation gefangen, aber die kann sich durch einen Erfolg explosionsartig ändern.

Aber wie soll das gelingen, zumal Ihnen immer mehr wichtige Spieler fehlen – wie nun auch der gesperrte Hugo Almeida?

Schaaf: Natürlich tun uns alle Ausfälle weh. Aber es hat bislang nicht geklappt. Wir haben nur eine Chance: Wir müssen es besser machen.

Reicht die Zeit dafür?

Schaaf: Natürlich. Es kann sich doch schon mit einem Spiel die Ausgangssituation verändern. Unser nächster Gegner Stuttgart hat es vorgemacht und andere Clubs in der Vergangenheit auch.

Der VfB hat aber gerade in der Offensive eine ganz andere Qualität als Hannover?

Schaaf: Trotzdem blieben die Ergebnisse beim VfB in der Hinrunde aus. Jetzt kriegen sie es besser hin. Aber auch wir haben die Qualität, in der Liga zu bleiben.

Hilft Ihnen Ihre Erfahrung im Abstiegskampf?

Schaaf: Durchaus. Man weiß, was auf einen zukommen kann, wie die Spieler sich fühlen. Wissen schadet nie, aber eine Garantie ist das nicht.

Sie haben Werder 1999 als Feuerwehrmann in den letzten vier Spielen vor dem Abstieg gerettet. Taugt das noch als Mutmacher, von dem Sie Ihren Profis berichten können?

Schaaf: Einerseits schon, aber andererseits kann man sich darauf doch nicht verlassen. Es ist kein Selbstläufer, es ist harte Arbeit.

Sie sind nach der Niederlage gegen Augsburg gefragt worden, ob Sie an Rücktritt denken. Mussten Sie dabei nach erst fünf Bundesliga-Spielen als 96-Coach nicht ein wenig schmunzeln?

Schaaf: Ein bisschen schon, weil ich daran wirklich überhaupt keinen Gedanken verschwende. Ich wusste doch, dass es hier schwierig wird. Warum sollte ich da jetzt aufgeben? Wir arbeiten gut, auch wenn die Ergebnisse noch fehlen.

Ist es Ihnen unangenehm, dass Sie sich Niederlagen von Werder wünschen müssen, damit Hannover erstklassig bleibt?

Schaaf: Ich wünsche mir keine Niederlagen von Werder, ich wünsche mir Siege von Hannover. Es wird immer noch ein Bezug von mir zu Werder hergestellt. Das ist auch okay. Aber die Zeit, die ich mit Werder erlebt habe, die ist gut verpackt. Jetzt heißt meine Aufgabe Hannover 96.

Spätestens in einer Woche müssen Sie aber an den SV Werder Bremen denken, wenn es im Weserstadion wahrscheinlich schon zum Schicksalsspiel für beide Clubs kommt.

Schaaf: Das ist kein Schicksalsspiel. Danach kommen noch genügend Spiele. Aber ich gebe zu: Es wird schon ein besonderes Spiel für mich, weil ich dort viele Menschen kenne.

Wie ist es daheim in Brinkum nahe Bremen, wenn Sie mit Ihrem Hund spazieren gehen? Werden Sie dann gebeten, Werder nicht weh zu tun?

Schaaf: Nein, alle sind sehr freundlich und wünschen mir für Hannover viel Glück. Da wird dann wenig über Werder gesprochen.

Wie sind die Menschen in Hannover?

Schaaf: Sehr freundlich, ich wurde von allen mit offenen Armen empfangen – Verantwortliche, Spieler, Fans, alle.

Die Fans sind ein gutes Stichwort. In Bremen ist die Unterstützung im Abstiegskampf riesengroß, in Hannover gibt es dagegen viele Pfiffe. Warum?

Schaaf: Das hat sich in Bremen so entwickelt – auch durch die großen Erfolge in der Vergangenheit. Ich denke einfach, dass die Fans jetzt etwas zurückgeben wollen. In Hannover gibt es übrigens auch nicht nur Pfiffe. Ganz im Gegenteil. Die Zuschauer haben uns in jedem Spiel über weite Strecke fantastisch unterstützt.

Viktor Skripnik ist in Bremen als Trainer stark in die Kritik geraten. Sie kennen ihn sehr gut, er war Ihr Spieler – leiden Sie da ein bisschen mit, wenn Sie das mitbekommen?

Schaaf: Gott sei Dank habe ich das nicht so mitbekommen. Aber ich weiß, dass Viktor alles tut, um das Optimale für Werder herauszuholen. Man sollte ihm weiterhin die volle Unterstützung geben.

Als Sie Ende Dezember bei 96 eingestiegen sind, hat Skripnik sich zwar für Sie gefreut, aber auch geärgert, dass Sie ihn nun nicht mehr beraten können.

Schaaf: Ich habe ihn nicht beraten. Wir haben sicherlich mal miteinander telefoniert. Es ist ja auch mal gut, mit jemandem zu reden, der nicht involviert ist, bei dem man sich nicht über die Wirkung der Worte Gedanken machen muss. Wir hatten immer und haben immer noch ein gutes Verhältnis.

Ruht das nun, weil sie Konkurrenten im Abstiegskampf sind?

Schaaf: Wir haben in der Tat schon länger nicht mehr telefoniert und würden im Moment sicher auch nicht viel über Hannover oder Werder sprechen.

Immer mehr Trainer bemängeln, dass sie zu schnell an den Pranger gestellt werden. Sehen Sie das genauso?

Schaaf: Der Fußball hat keine Zeit mehr. Und der Trainer ist in einer Position, in der er für alles verantwortlich gemacht wird, obwohl er nicht alles mitbestimmen kann. Ich hätte nichts dagegen, wenn sich das mal ändern würde, wenn wir in einigen Dingen nicht total ausgeschlossen würden.

Wo fühlen Sie sich ausgeschlossen?

Schaaf: Zum Beispiel beim Thema Schiedsrichter. Hier wird nur über uns entschieden, aber nicht mit uns. Für mich ist es ein Hammer, dass mein Trainerkollege Roger Schmidt für drei plus zwei Spiele gesperrt wird und eine Geldstrafe bekommt, ohne in der Situation die Chance gehabt zu haben, eine Klärung mit dem Schiedsrichter herbeiführen zu können.

Wie wollen Sie da eingreifen?

Schaaf: Wir Trainer haben über viele Jahre versucht, durch Gespräche das Verhältnis zu den Schiedsrichtern zu verbessern. Wir haben Vorschläge gemacht, wie man die Spielführung zugunsten der Unparteiischen vereinfachen kann. Das wurde fast alles ignoriert. Was wir in Leverkusen erlebt haben, ist ein klares Zeichen, dass es im Moment absolut nicht funktioniert. Roger Schmidt hat etwas falsch gemacht, aber er hat niemanden beleidigt oder tätlich angegriffen. Es geht sicherlich auch um Deeskalation, davon kann bei der Spielunterbrechung von Herrn Zwayer nicht unbedingt die Rede sein.

Also sollten Schiedsrichter und Trainer dringend miteinander sprechen.

Schaaf: Es gab schon so viele runde Tische. Das war nicht befriedigend. Wir Trainer müssen sehr viel über uns ergehen lassen. Aber aussteigen sollte man aus der Kommunikation auch nicht. Es muss sich aber auch mal etwas verändern.

Die wichtigste Frage zum Schluss: Können Hannover 96 und Werder gemeinsam die Klasse halten?

Schaaf: Ja! Alle dürfen noch hoffen. Einige Teams haben gezeigt, wie es gehen kann.

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