Ex-Werder-Profi Razundara Tjikuzu sucht sein Glück in Namibia – und steht sich dabei selbst im Weg

Der Missverstandene

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Schwieriger Typ: Razundara Tjikuzu lebt nicht in den Townships, wie man zuletzt in seiner Heimat vermutete. Den eigenwilligen Lebensstil, der ihm schon zu Profi-Zeiten nachgesagt wurde, pflegt er noch immer.

Windhoek - Von Florian Gontek. Razundara Tjikuzu, 35, hat Millionen verdient und wieder verprasst. Googelt man den Namen des ehemaligen Werder-Profis, liest man von Alkohol, durchzechten Nächten und geschwänzten Trainingseinheiten. Zuletzt soll das einst größte Versprechen des namibischen Fußballs sogar im Township gelebt haben. Eine Spurensuche.

Embashus heißen sie in Namibia: Dem Land, benannt nach der größten Trockenwüste der Erde. Embashus sind kleine Wellblechhütten, in denen Menschen wohnen, die kaum etwas haben. In Katutura reihen sich diese Hütten aneinander – ein Epizentrum der Armut. „Ort, an dem wir nicht leben möchten“, lässt sich Katutura aus Tjikuzus Muttersprache Otjiherero ins Deutsche übersetzen.

Hier also soll Razundara Tjikuzu nun wohnen. 140 Bundesliga-Spiele hat der Außenverteidiger zwischen 1999 und 2006 für Werder Bremen, Rostock und Duisburg gemacht, in der Türkei unter anderem für Trabzonspor gespielt und den türkischen Pokal gewonnen, im Europacup Auswärtssiege in Arsenals Highbury und beim AC Parma gefeiert. Robust, schnell, dynamisch war er. Fragt man seine einstigen Arbeitgeber in der Bundesliga, weiß kaum jemand, was Tjikuzu heute macht. Er ist ein Phantom, über das selbst in seinem Heimatland nur wenig bekannt ist.

Nun sitzt dieses Phantom im Cafe Schneider im Zentrum Windhoeks, der Hauptstadt Namibias, trinkt Roiboos-Tee und lächelt. Ein Sportler-Treffpunkt. „Nein“, sagt Tjikuzu, der ein graues, bunt-bedrucktes T-Shirt, eine rote Shorts und klobige Sneakers trägt und mit seinem Blackberry herumspielt: „Ich habe doch nicht in einer Holzhütte gelebt. Ich hatte große Verträge.“ Seine weißen Zähne blitzen.

Die Geschichte mit den Townships sei ein Märchen, versichert er. In verschiedenen afrikanischen Medien und der namibischen Öffentlichkeit schwirrt dieses Gerücht seit Jahren umher: Kein Guthaben fürs Handy könne sich der Ex-Profi mehr leisten, kein Taxi zum Training. „Alles Scheiße“, sagt Tjikuzu. Lediglich Teile seiner Familie würden in Katutura leben, andere Verwandte in seiner Geburtsstadt Swakopmund an der namibischen Atlantikküste. Tjikuzu selbst residiert angeblich im Süden Windhoeks in einer der Neubausiedlungen der Stadt, die hier wie Pilze aus dem Boden sprießen. Seit drei Jahren lebt Tjikuzu wieder hier. Behauptet er jedenfalls. Einen Schlüssel zur Wohnung hat er beim Treffen nicht.

Dieser Freitag ist ein ganz typischer im Leben des 47-maligen namibischen Nationalspielers. Es gibt wenig zu tun. Momentan arbeitet „Raschi“, wie er genannt wird, an einem Comeback in der Premier League – allerdings der namibischen. Bei der Auswahl der Universität von Namibia (UNAM), einem aufstrebenden Team, möchte Tjikuzu nach einer halbjährigen Pause ein Comeback wagen. Vielleicht auch beim aktuellen namibischen Pokalsieger Tigers FC. Hier hat er in der Saison 2012/13 seine erste Station in seinem Geburtsland gehabt. Wichtig ist für ihn nun vor allem eines: Wo gibt es mehr Geld zu verdienen?

Er trainiere jeden Tag, sagt er. Mit der Mannschaft und individuell. Mag man seinen Worten glauben, könnte Tjikuzu auch noch in der Bundesliga spielen. Tjikuzu ist aber schon 35. Sogar leicht drüber. Doch das Talent dazu habe er, sagt Tjikuzu – keine Frage.

Das fanden 1995 auch die Talentspäher von Werder Bremen. Als einer der besten Spieler der Küstenschulen Namibias lotsten sie den 15-jährigen Razundara an die Weser. Ein Jahr lang sollte sich der technisch versierte Junge im Club-Internat beweisen können. Obwohl er zuvor kein Wort Deutsch sprach, machte er in wenigen Monaten seinen Hauptschulabschluss. Er schlug sich so gut, dass ihn sein Trainer bei den Amateuren nach wenigen Einsätzen gleich mit zu den Profis nahm: Thomas Schaaf. „Thomas war für mich Vater-Ersatz und der beste Trainer, den ich je hatte“, sagt Tjikuzu noch heute. Ansprechpartner waren für den damals 19-Jährigen wichtig. Auf dem Platz funktionierte Tjikuzu, er machte in seiner ersten Bundesliga-Saison gleich 25 Spiele.

Doch neben dem Feld plagte ihn das Heimweh. „Ich habe viel in die Heimat telefoniert. Viele sagten, pass auf, dass du nicht dein ganzes Geld vertelefonierst.“ Ablenkung war wichtig für ihn – den Lebemann.

Gemeinsam zog der Nachwuchsspieler mit Größen wie Claudio Pizarro und Ailton um die Häuser. Eine andere Kategorie. Immer begleitet wurde der junge Afrikaner auch vom Boulevard. Einer der aufregendsten Außenverteidiger der Bundesliga mit Hang zum wilden Leben. Ein gefundenes Fressen.

Tjikuzu schildert eine Szene aus seiner Bremer Zeit. In einer Bar sei er gewesen, als er das Licht eines Blitzgerätes bemerkte. „Willst Du mal ein gutes Bild haben?“, habe er den Fotografen gefragt, der ihn wie ein Schattenmann durchs Nachtleben begleitete, und hielt das Weizenglas in die Kamera. Abgedrückt. Titelbild.

Solche Geschichten habe es viele gegeben, sagt Tjikuzu. Journalisten hätten ihm seine Karriere kaputtgeschrieben.

Einmal, zu seiner Rostocker Zeit, hatte Tjikuzu bereits einen Vorvertrag beim Hamburger SV unterzeichnet, als der Alkohol auf einer Studentenparty so verlockend war, dass er nicht widerstehen konnte und anschließend in einem Hotel gesehen und fotografiert wurde. Rostock kündigte ihm, nachdem er bereits zuvor mit 2,14 Promille im Blut Fahrerflucht begangen hatte und seine Gnadenfrist ungenutzt ließ. Auch der Hamburger SV wollte ihn danach nicht mehr und setzte weiter auf seinen Landsmann Collin Benjamin, der zwar als weniger talentiert, dafür aber als gewissenhaft, diszipliniert und fleißig galt.

Tjikuzu wechselte nach Duisburg. Mainz und einem gewissen Jürgen Klopp, von dem er nach eigener Aussage heiß umworben wurde, sagte er vorher ab. Der Familie wegen. Ein Fehler, meint der Namibier heute, Klopp hätte ihn vielleicht mit nach Dortmund genommen. Dem Verein, für den er zu Bremer Zeiten schwärmte. Er ließ seine Karriere in der Türkei ausklingen und stieg bei seiner letzten europäischen Station, Kasimpasa Istanbul, aus der Süper Lig ab.

So wohl wie in Bremen habe er sich danach nie wieder gefühlt. „Viele alte Freunde leben hier“, sagt Tjikuzu. Lieber heute als morgen wäre er wieder dort, wo auch seine Tochter Emily (13) lebt – eines seiner fünf Kinder. Als Spielerberater würde sich Tjikuzu an der Weser gerne ein Standbein aufbauen. Er hat in Namibia einen Management-Kurs begonnen und beim Sportclub Windhoek eine Nachwuchsmannschaft als Trainer übernommen. Jungen Spielern den Weg weisen. Talenten, wie er selbst eines war.

„Tjikuzu war für mich in seiner Bundesliga-Zeit einer der besten Rechtsverteidiger im deutschen Fußball, ein unglaublicher Spieler“, sagt Ronnie Kanalelo, der aktuelle Trainer Tjikuzus beim UNAM FC. Kanaleo, Torwartlegende in der einstigen deutschen Kolonie und nur als „The Magnet“ bekannt, wollte um den Ex-Profi ein schlagkräftiges Team aufbauen. Tjikuzu sollte Dreh- und Angelpunkt seiner jungen Mannschaft werden, so war es besprochen. Allerdings war Tjikuzu zum Zeitpunkt des Gesprächs mit Kanalelo schon seit einer Woche wie vom Erdboden verschluckt.

Auf einer Farm erreicht man Tjikuzu telefonisch, als man ihn um einen weiteren Foto- und Gesprächstermin bittet. „Rufe mich gleich noch mal an, hier ist viel zu tun und das Netz ist schlecht – gerade geht es nicht“, sagt Tjikuzu. Er macht das ein Dutzend Mal. Bitten um einen Rückruf schlägt er aus. Erst nach einer Woche meldet er sich. Sieben Tage zu spät.

Thomas Schaaf wollte sich nicht zu seinem Ex-Zögling äußern. Auch Kanalelo hat die Lust verloren. Tjikuzu? Wieder nur ein Missverständnis.

Über den Autor: Florian Gontek, Jahrgang 1993, stammt aus Ostwestfalen und hospitiert derzeit bei einer deutschsprachigen Zeitung in Windhoek.

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