Cheftrainer Skripnik über seinen SV Werder, ein Telefonat mit Schaaf und den Krieg in der Ukraine

„Ich wollte nur drei Jahre Geld verdienen und dann weg“

Seit einer Woche hat Viktor Skripnik bei Werder das Sagen – und die Profis wie (von rechts) Luca Caldirola, Ludovic Obraniak und Santiago Garcia hörten gestern im Bürgerpark gebannt zu. Dort versammelte der neue Cheftrainer seine Mannschaft zu einer Laufeinheit – so wie er es selbst unter Thomas Schaaf erlebt hatte.
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Seit einer Woche hat Viktor Skripnik bei Werder das Sagen – und die Profis wie (von rechts) Luca Caldirola, Ludovic Obraniak und Santiago Garcia hörten gestern im Bürgerpark gebannt zu. Dort versammelte der neue Cheftrainer seine Mannschaft zu einer Laufeinheit – so wie er es selbst unter Thomas Schaaf erlebt hatte.

Bremen - Vorne mit V oder W? In der Mitte mit K oder C? Der Vorname des neuen Werder-Cheftrainers sorgt immer wieder für Diskussionen. Also Herr Skripnik, was ist nun richtig? „Viktor mit V und K“, sagt der Ukrainer, der seit 18 Jahren beim SV Werder unter Vertrag steht – erst acht Spielzeiten als Profi, dann als Trainer. Damit wäre das geklärt.

Doch es gibt noch so viele Fragen – und der 44-jährige Ex-Profi, der 138 Bundesliga-Spiele für Werder bestritten und 2004 das Double geholt hat, beantwortet sie alle, auch die wichtigste: Skripnik erklärt im Interview, wie er als Nachfolger von Robin Dutt Werder vor dem Abstieg retten will.

Herr Skripnik, warum steigt Werder nicht ab?

Viktor Skripnik: Weil wir Werder Bremen sind. So ein attraktiver und berühmter Verein muss immer in der Bundesliga spielen.

Ist die Mannschaft gut genug für den Klassenerhalt?

Skripnik: Davon bin ich fest überzeugt. Die Spieler brennen – und sie können auch attraktiven Fußball spielen. Das haben sie in der letzten Zeit leider etwas vergessen. Irgendwann wird zum Beispiel ein Eljero Elia wieder der Mann, den jeder liebt. Auch Petersen wird eine wichtige Rolle spielen, genau wie Makiadi oder Lukimya in Mainz als sie uns sehr geholfen haben. Wir werden nicht nur kämpfen und beißen, sondern durch unsere Klasse im Team überzeugen.

Warum hat das zuletzt nicht geklappt, warum wird das unter Ihrer Regie anders?

Skripnik: Über die Vergangenheit sollen andere reden. Wir haben eine gute Mannschaft übernommen. Aber natürlich haben wir auch gesehen, dass wir ein paar Dinge ändern wollen.

Sie haben bereits einige personelle Änderungen vorgenommen, werden weitere folgen?

Skripnik: Das Wichtigste ist doch der Erfolg. Den hatten wir zum Auftakt – und das war ganz wichtig für den Trainerstab. Jetzt sind wir die Trainer, die zweimal gewonnen haben. Den Eindruck haben die Spieler von uns. Kommen Sie jetzt mal zum Training: Da wird wieder etwas mehr gelacht. Das sind nämlich keine Roboter. Die Spieler waren sehr mit sich beschäftigt, waren unzufrieden mit sich, haben an sich gezweifelt. Jetzt hatten sie endlich Erfolg und haben sich diesen freien Dienstag verdient. Ich habe ihnen gesagt: „Jungs, genießt das, aber ab Mittwoch wird wieder hart gearbeitet.“

Was werden Sie an Ihrem freien Tag tun?

Skripnik: Ich werde das Telefon wegschmeißen und viel schlafen oder spazieren gehen. Das wird jetzt nicht jeden Dienstag so sein, aber ich bitte da um Verständnis: Die letzte Woche war echt anstrengend – nicht nur für mich, auch für die Mannschaft.

Ist es anstrengender als erwartet?

Skripnik: Diesen Medienrummel habe ich zehn Jahre nicht erlebt. Klar, beim Double 2004 war auch richtig was los. Aber da war ich einer von 25 Spielern, Thomas Schaaf war auch noch da. Und es gab kein Internet auf dem Handy. Das war angenehmer. Als Trainer stehe ich jetzt im Mittelpunkt. Mein Telefon brennt. Das bimmelt und brummt den ganzen Tag. Die Erwartung ist groß. Diesen Druck spürst du ständig.

Die Spieler loben Ihre lockere Art und Ihre Späße – wann ist bei Ihnen Schluss mit lustig?

Skripnik: Ich bin schon in der Pause in Mainz ernster geworden. Das Gegentor hat mich richtig genervt. Wir waren zu dritt und sind halbherzig zum Ball gegangen. Das geht nicht. In der zweiten Halbzeit war das viel besser, da haben wir uns wie verrückt in die Schüsse geschmissen. Diesen Unterschied habe ich den Spielern jetzt noch mal per Video gezeigt. Zum Beispiel Theo Gebre Selassie und Santiago Garcia: sie waren dann deutlich mutiger. Das war gut. Denn ohne aktive Außenverteidiger funktioniert keine Raute. Ich war selbst einer, das ist unangenehm, du musst immer hin und her marschieren – und irgendwann bist du platt, dann habe ich gesagt: „Thomas (Schaaf, d. Red.), vielen Dank und Tschüss!“ Das heißt: Du musst hart trainieren, um aktiv sein zu können. So wie Garcia in der zweiten Halbzeit, als er das 2:1 einleitet. Das hat in der ersten Halbzeit gefehlt, die Spieler hatten Angst, Fehler zu machen. Ich sage meinen Spielern: „Ihr sammelt im Spiel positive und negative Aktionen – und am Ende müssen es einfach nur mehr positive sein.“ Schaffen sie das, werden sie immer mutiger.

Haben Sie das von Ihrem langjährigen Trainer Thomas Schaaf gelernt?

Skripnik: Nein, das nicht. Das ist meine Erfahrung als Trainer in der Jugend. Die Pubertät ist einfach unglaublich. Du kommst zum Training der U17 und weißt nicht, was dich bei einem Spieler erwartet. Heute redet er mit dir, morgen nicht mehr – und du weißt nicht warum. Seitdem schaue ich auch auf die Stimmungen der Spieler. Klar, das sind Profis, aber sie sind auch wechselhaft in ihren Stimmungen. Zum Beispiel Elia. Er beschäftigt sich zu sehr damit, was früher war. Als ich als neuer Trainer kam, war er noch nicht bereit, sich zu präsentieren. Das hat sich geändert. Er ist jetzt einer der Besten im Training – fast wie der „alte“ Elia. Ich habe ihm gesagt: „Junge, du kannst alles, du hast 2010 im WM-Finale gespielt. Wir gehen jetzt gemeinsam Schritt für Schritt wieder nach vorn.“

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Hatten Sie eigentlich schon Kontakt zu Thomas Schaaf?

Skripnik: Wir haben vor dem Chemnitz-Spiel telefoniert und er hat mir gesagt: „Junge, mach’ deinen Weg, ich freue mich für dich.“

Sie werden in Bremen schon als Schaaf-Klon gefeiert – ehrt oder nervt Sie das?

Skripnik: Wieso soll mich das nerven? Es stimmt doch. Ich habe nur keinen Schnauzbart…

Was machen Sie, wenn es mal kein Fußball sein soll?

Skripnik: Ich bin ein Musical-Fan geworden. Ich habe Mamma Mia, Tarzan und Rocky gesehen – es ist toll, wie die sich präsentieren, das gefällt mir.

Sie sind der erste Ukrainer, der in einer der fünf Top-Ligen in Europa als Trainer arbeitet. Wie sind die Reaktionen in der Heimat?

Skripnik: Wie überall, da ist alles dabei. Die einen sind stolz auf mich, die anderen gespannt, ob es klappt – und die Bösen sagen, ich wäre nur die billigste Lösung.

Haben Ihnen so prominente Ukrainer wie die Klitschkos gratuliert?

Skripnik: Natürlich kenne ich Vitali Klitschko, aber er hat als Politiker gerade ganz andere Dinge zu tun. Sergej Bubka, den ich mal in Bremen kennengelernt habe, hat mir gratuliert. Natürlich bin ich stolz, dass ich hier mein kleines Land repräsentieren kann.

Sie sprechen die kritische Lage in der Ukraine an, wie sehr beschäftigt Sie das?

Skripnik: Es ist einfach schrecklich, dass wir in diesen Zeiten in Europa einen Krieg haben. Ich bin nicht nur unzufrieden mit dem, was da passiert, sondern ich habe auch Angst davor, was sich daraus entwickeln kann.

Was wünschen Sie sich für die Ukraine?

Skripnik: Ich kenne die Vorteile, die die Europäische Union bieten kann. Ich lebe seit vielen Jahren hier und schätze es. Ich wünsche mir, dass sich mein Land ohne Einflüsse von außen so entwickeln kann, wie es sich die Mehrheit der Menschen in der Ukraine wünschen.

Sie sind bereits seit 18 Jahren in Deutschland, ärgern Sie sich, dass Sie noch immer leichte Probleme mit der Sprache haben?

Skripnik: Ich ärgere mich über meine ersten Jahre in Deutschland. Das war eine schwierige Zeit für mich, und ich habe dann entschieden: Ich mache nix mit der Sprache. Ich wollte nur drei Jahre Geld verdienen und dann weg.

Wirklich?

Skripnik: Wirklich. Dann kam Willi Lemke und hat mich zu einem neuen Vertrag überredet. Aber da hatte ich schon viele Fehler in der Sprache gespeichert. Außerdem hatten wir Ailton, Pizarro, Tjikuzu und Stalteri, mit denen sprichst du auch nicht wirklich Deutsch. Natürlich habe ich mich auch mit Marco Bode unterhalten. Irgendwann hat er zu mir gesagt: „Wenn ich gewusst hätte, dass es dein Ziel war, so lange zu bleiben, hätte ich dich intensiver korrigiert.“ Wir hatten damals wirklich ein tolles Team. Oliver Reck, Dieter Eilts, Andi Herzog, Michael Schulz und Bernd Hobsch haben mir sehr geholfen. Wir hatten viel Spaß – auch auf dem Freimarkt oder beim Sechstagerennen. Aber dort sprichst du nicht über Grammatik. Da hat mich doch keiner korrigiert und gesagt, das ist der falsche Artikel, das ist die falsche Endung. Hauptsache ich wusste, worum es geht.

Ist es eine Überlegung, jetzt, wo Sie medial so im Mittelpunkt stehen, Deutsch-Unterricht zu nehmen?

Skripnik: Meine besten Lehrer sind meine Kinder. Aber sie sagen auch: „Habe keine Angst, sei wie du bist.“ Wenn ich jetzt hier vor Ihnen sitzen würde und in jedem zweiten Satz mir den richtigen Fall überlegen müsste, würde Ihnen das auch keinen Spaß machen. Das wäre irgendwie künstlich. Für meine Arbeit ist es kein Problem, sonst würde ich jetzt nicht die Profis von Werder trainieren. Ich kann schon vermitteln, was ich will.

Und das am Spielfeldrand am liebsten im Trainingsanzug.

Skripnik: Ich stelle mich da auch mit Krawatte und Frack hin, wenn wir dann auf jeden Fall gewinnen. Aber eigentlich wäre das nicht der echte Viktor Skripnik.

kni/mr

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