Aufsichtsrat Bode schließt „überschaubare Verschuldung“ nicht aus / Aber: „Geld ist keine Garantie“

„Ein Abstieg wäre die größere Katastrophe“

Ein nachdenklicher Marco Bode: Der Ex-Profi und heutige Aufsichtsrat ist durchaus für einen Strategiewechsel bei Werder, will dabei aber nicht nur das Geld im Blick haben.
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Ein nachdenklicher Marco Bode: Der Ex-Profi und heutige Aufsichtsrat ist durchaus für einen Strategiewechsel bei Werder, will dabei aber nicht nur das Geld im Blick haben.

Bremen - Als Werder-Profi war Marco Bode extrem beliebt, als Aufsichtsrat ist das etwas anders. Denn das Kontrollgremium mit Willi Lemke an der Spitze steht bei vielen Fans in der Kritik, weil es angeblich die Personalpolitik der sportlichen Leitung blockiert und damit für den Absturz des Bundesligisten mitverantwortlich ist. Jetzt fordert Geschäftsführer Klaus-Dieter Fischer einen Strategiewechsel und regt eine „überschaubare Verschuldung“ an (wir berichteten). Ein Tabubruch, denn so etwas hat der Aufsichtsrat bei Werder bislang immer konsequent abgelehnt. Doch Bode will diesen neuen Weg in sportlich schlechten Zeiten nicht mehr ausschließen, um den Abstieg zu verhindern. Der 45-Jährige erklärt im Interview, wie er sich die Zukunft des Traditionsclubs vorstellt.

Herr Bode, der Aufsichtsrat wird in der sportlichen Krise wegen seiner vermeintlichen Transfersperre von vielen Fans zum Sündenbock gemacht. Ärgert Sie das?

Marco Bode: Ich würde lügen, wenn ich jetzt das Gegenteil behaupten würde. Aber damit muss ich leben. Weil wir verständlicherweise alles intern behandeln, kann ich hier auch nicht alle Vorwürfe entkräften. Ich plädiere allerdings dafür, die Dinge nicht zu einfach zu sehen. Der Eindruck, der Aufsichtsrat blockiere alles, was die Geschäftsführung vorschlägt, ist Unsinn.

Die Geschäftsführung hätte den Kader im August aber gerne noch mit Bryan Ruiz verstärkt, wurde jedoch vom Aufsichtsrat ausgebremst. Fehlt dieser Spieler jetzt, und war es ein Fehler von Ihnen und Ihren Kollegen nein zu sagen?

Bode: Geschäftsführung und Aufsichtsrat ringen immer wieder um den richtigen Weg, um die richtige Strategie. Wir müssen bereit sein, alle Optionen zu diskutieren. Das können wir aber nicht in der Öffentlichkeit tun.

Klaus-Dieter Fischer, Geschäftsführer und Vereinspräsident, hat einen Strategiewechsel gefordert und eine „überschaubare Verschuldung“ angeregt, um einen wohl teureren Abstieg zu verhindern. Was halten Sie davon?

Bode: Ich glaube auch, dass ein Abstieg die größere Katastrophe wäre. Es muss das erste Ziel sein, das zu verhindern. Da darf eine überschaubare Verschuldung nicht ausgeschlossen werden. Natürlich kann es Sinn machen, im Winter noch einmal zu investieren. Aber wir müssen uns auch fragen: Woher kommt das Geld und habe ich einen Plan, wie ich diese Verbindlichkeiten irgendwann wieder abbaue? Der Gedanke, man braucht nur zu investieren, dann hat man auch Erfolg, ist verlockend. So einfach ist es aber nicht.

Wie sieht Ihre Strategie für Werder aus?

Bode: Wir haben immer noch große Stärken, die uns auszeichnen – zum Beispiel die unglaubliche Identifikation der Fans mit dem Club. Unsere Erfolge der Vergangenheit, unsere Tradition sehe ich auch nicht als Belastung, sondern als Vermögen. Wir verteten bestimmte Werte. Wir haben die Werder-Familie. Es herrscht immer eine gewisse Unaufgeregtheit im Club. Gleichzeitig müssen wir kreativ und innovativ sein. Und jetzt hat auch der Letzte kapiert, dass ein Element die Integeration junger Spieler sein muss – und das nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. Ich will mich vom Geldthema ein Stück weit lösen. Wir müssen uns einfach auf unsere Stärke, aus wenig viel zu machen, besinnen. Ich wünsche mir den kontinuierlichen Aufbau eines Teams.

Klingt in der heutigen Zeit mit den vielen fremdfinanzierten Vereinen etwas romantisch – und nur so dürfte für Werder künftig kaum noch Platz in der Bundesliga sein.

Bode: Das eine schließt doch das andere nicht aus. Natürlich müssen wir uns innovativ aufstellen. Wir sind offen für strategische Partner. Wir müssen unsere finanzielle Kraft stärken, aber nur darauf will ich die Strategie nicht reduzieren.

Es gibt Unternemer in Bremen, die sich bei Werder finanziell stark engagieren wollen, dafür aber einen Rücktritt von Aufsichtsratschef Willi Lemke zur Bedingung machen. Was halten Sie davon?

Bode: Werder hat immer noch eine große Kraft. Wir sind immer noch sehr attraktiv für Partner und Sponsoren – und hoffentlich auch für strategische Partner. Deswegen führt die Geschäftsführung auch entsprechende Gespräche, das unterstütze ich. Dass einige Unternehmer das möglicherweise von der Person Willi Lemke abhängig machen, erscheint mir aber etwas fragwürdig.

Müsste man zum Wohle des Vereins Willi Lemke bitten, den Weg für diese Investoren frei zu machen?

Bode: Ich will die Personalie Lemke hier nicht diskutieren.

Wie würden Sie das Geld von den Investoren einsetzen?

Bode: Geld ist keine Garantie für Erfolg, aber gut eingesetzt, kann Geld Erfolg natürlich wahrscheinlicher machen. Man muss sich aber von dem Gedanken lösen, dass einmal zehn Millionen Euro oder ein Transfer alle Probleme löst. Es ist nur ein Hebel, der Chancen auf mehr Erfolg und damit auf Wachstum ermöglicht – nicht mehr.

Wie beurteilen Sie die sportliche Situation?

Bode: Der Start ist misslungen. Wir sind Letzter – und die Tabelle ist nun mal die Währung im Fußball. Wir stecken schon sehr früh in einer schwierigen Situation. Das habe ich so nicht erwartet. Nach der Vorbereitung habe ich gedacht, dass wir nicht in diese Situation geraten.

Warum ist es trotzdem passiert?

Bode: Wir haben es in unseren guten Spielen, oder guten Phasen innerhalb der Spiele, verpasst, einen Sieg durchzusetzen. Ich denke an Hoffenheim oder an Freiburg. Aber knapp daneben ist eben auch vorbei. Wir hatten allerdings hier und da auch Glück, nicht verloren zu haben – vor allem in Leverkusen. Die Leistungen der Mannschaft stimmen mich aber insgesamt optimistisch. Es gab ja keine Auflösungserscheinungen und die Einstellung war in Ordnung. Wir müssen uns in drei, vier Punkten verbessern, dann geht es aufwärts.

Welche Punkte sind das?

Bode: Der entscheidende Punkt ist das Defensivverhalten. Wir haben uns im Vergleich zur Vorsaison im Spiel nach vorne verbessert, aber lassen da im Defensivverhalten gewisse Lücken. Die müssen wir schließen. Man muss sich auch fragen, wie geht man gegen welchen Gegner an die Sache ran.

Also wieder ein paar Schritte zurück und so einfach spielen wie zu Beginn der Dutt-Ära?

Bode: Auf keinen Fall. Ich will keinen Rückschritt. Sich hinten reinzustellen und die Bälle lang nach vorne zu schlagen, das kann es nicht sein. Wenn wir den Ball haben, ist eine Entwicklung zu sehen. Wenn wir ihn nicht haben, gibt es noch Verbesserungspotenzial. Daran müssen wir arbeiten – und das tun Robin und das Team ja auch.

Als Trainer eines Tabellenletzten steht ein Trainer automatisch in der Kritik. Ist das bei Robin Dutt gerechtfertigt?

Bode: Wenn du Letzter bist, fehlen dir ein Stück weit die Argumente – das geht ihm so und mir auch. Aber ich gebe Robin gerne noch mal das Signal: Hier in Bremen sind die Dinge etwas anders. Wir sind davon überzeugt, dass er in den nächsten Wochen mit der Mannschaft den Turn-around schaffen kann. Deswegen soll er ruhig und intensiv weiterarbeiten und alles andere von sich abprallen lassen.

Reicht die Qualität der Mannschaft, um drin zu bleiben?

Bode: Die Mannschaft ist nicht schlechter als letztes Jahr, und die Qualität reicht aus, um drin zu bleiben. Wir dürfen der Mannschaft natürlich nicht das Signal geben, macht so weiter und dann geht es von allein. Das wäre fahrlässig. Wir dürfen ihr aber auch nicht das Signal geben, ihr seid zu schlecht, ihr schafft das sowieso nicht.

Was wünschen Sie sich für Werder?

Bode: Siege! Damit wir auch zu einer etwas ruhigeren Diskussion über unsere Strategien zurückkehren können. Und wir sollten öffentlich nicht mehr so viel über die Finanzen sprechen. Denn Werder ist viel mehr als nur ein „klammer Club“.

kni

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