Kapitän erklärt den Rücktritt vom Rücktritt

Die Abstiegsangst zwingt Fritz zum Umdenken

Lebenslang Grün-Weiß – Clemens Fritz mag Werder in sportlich ganz schwierigen Zeiten einfach nicht verlassen. - Foto: Gumz

Bremen - Von Björn Knips. Clemens Fritz sitzt auf dem Podium und lächelt. Ein bisschen gequält sieht das aus. Der Werder-Profi hat bei Pressekonferenzen zu Vertragsverlängerungen schon mal mehr gestrahlt. Aber nun ist es ja auch ein Rücktritt vom Rücktritt – und irgendwie kein ganz freiwillliger. „Wahrscheinlich nicht“, antwortet der 35-Jährige auf die Frage, ob er auch ohne Abstiegsgefahr und Zukunftsangst des Clubs weitergemacht hätte.

Fritz fühlt sich, wie er sagt, „verantwortlich, Werder und den Jungs zu helfen“. Sein Auftritt vor den Medien gehört schon dazu, der Verein will kurz vor dem Angst-Thriller am Montag gegen den VfB Stuttgart (20.15 Uhr/Sky) mit der Überraschung vom Kapitän Positives verbreiten und damit ein wenig ablenken.

Sportchef Thomas Eichin spricht dabei von einer „klaren Botschaft, die Clemens aussendet: Auch verantwortlich zu sein für gewisse Dinge und jeden Weg mitzugehen.“ Mit Blick auf die „starken Leistungen von Clemens in den letzten Wochen“ sei das sogar „ein starkes Signal an jeden hier“, so Eichin.

Fritz als Leuchtturm einer Mannschaft, die im dunklen Bundesliga-Keller hockt. Auch Claudio Pizarro besitzt so eine Strahlkraft. Deswegen wird mit dem 37-Jährigen auch schon über die Zukunft verhandelt. Der Peruaner soll ebenfalls um ein Jahr verlängern. Eichin bestätigt Gespräche mit Pizarro-Berater Carlos Delgado, der gerade in Bremen weilt. „Es ist doch kein Geheimnis, dass wir Claudio gerne noch mal ein Jahr bei uns sehen würden. Und Claudio ist grundsätzlich auch bereit dazu“, verrät Eichin. Anders als Fritz hat Pizarro aber erst am Montag betont, dass er in der Bundesliga bleiben will. Die Zweite Liga wird sich ein Star wie Pizarro wohl kaum antun.

Fritz würde sich diese Erfahrung auch gerne ersparen. Aber er geht das Risiko ein. Nicht nur dieses. Bei seiner Rücktrittsankündigung Anfang des Jahres hatte der Mittelfeldspieler noch betont, er wolle auf dem Höhepunkt seiner Leistungssärke abtreten. „Natürlich habe ich alle Eventualitäten durchgespielt, es können Verletzungen dazu kommen“, sagt Fritz und setzt dann zu einem verbalen Beweis für die Richtigkeit seiner Entscheidung an: „Wichtig ist für mich, dass ich mich körperlich in einer absolut sehr guten Verfassung befinde. Ich traue mir durchaus zu, noch ein weiteres Jahr auf diesem Niveau zu spielen. Ich weiß, dass da viel Arbeit hintersteckt. Aber ich spüre diese Lust, diese Freude und dieses Feuer noch in mir. Sonst hätte ich diese Entscheidung nicht getroffen.“

"So kann es nicht zu Ende gehen“

Die physischen Voraussetzungen sind also gegeben. Daran gibt es auch keinen Zweifel. Fritz spielt eine starke Saison, gehört fast in jedem Spiel zu den Besten seines Teams. Er ist ein Anführer, ein richtig guter Kapitän – auch außerhalb des Platzes. Dazu ist er das Gesicht des Clubs, bei Medien- und Marketingterminen Werders Vorzeigeprofi. Das alles zusammen macht ihn so wertvoll.

„Solche Figuren findet man nicht so leicht auf dem Transfermarkt“, sagt Eichin. „Es ist toll für die jungen Leute, mit so einer Legende arbeiten zu dürfen“, sagt Trainer Viktor Skripnik. Deswegen hat Werder auch so sehr um Fritz gekämpft. Erst mit kleinen Sticheleien, dann mit größeren Schubsern – verbaler Art natürlich. „Ich wurde immer wieder angesprochen – von der Mannschaft, vom Trainerteam, von Thomas Eichin.“ Und dann sei da vor drei Wochen dieses Augsburg-Spiel gewesen. Der große Schock. Nicht schlecht gespielt, 1:0 geführt, aber 1:2 verloren. Gegen eine zuvor noch schlechter platzierte Mannschaft. Die Abstiegsangst war überall spürbar. Auch bei Fritz: „Danach kam bei mir das Gefühl hoch: So kann es nicht zu Ende gehen.“

Der 35-Jährige war nun gesprächsbereit. Dann ging alles ganz schnell. Der aktuelle Kontrakt wird einfach um ein Jahr verlängert, der Anschlussvertrag nach hinten verschoben. Schon lange steht fest, dass Fritz nach der Karriere und einem Sabbatjahr eine Ausbildung bei Werder absolvieren wird – im Management oder Trainerbereich.

Alles noch weit weg. Fritz konzentriert sich auf die Gegenwart, auf den Abstiegskampf – und sorgt sogleich für die nächste positive Botschaft: „Ich bin total davon überzeugt, dass wir die Klasse halten werden. In der Mannschaft steckt mehr. Ich möchte dazu beitragen, dass es wieder in die richtige Richtung geht.“ Also nach oben, wo Werder stand, als Fritz vor zehn Jahren an die Weser kam.

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