Handball-Star Herbert Lübking im Interview über Triumphe der Vergangenheit und den Sport von heute

„Für den Weltmeistertitel gab es 50 Mark“

Herbert Lübking kann auf eine unvergleichliche Handball-Karriere zurückblicken.

Wehdem - Herbert Lübking war einer der ersten Handball-Stars, galt in den 60er- und 70er-Jahren als einer der Besten der Welt. In der Bundesliga spielte er für Grün-Weiß Dankersen und den TuS Nettelstedt, die heute der ersten und zweiten Bundesliga als GWD Minden und TuS N-Lübbecke auftreten. Im Juli 1966 wurde Lübking mit der deutschen Nationalmannschaft letzter Weltmeister im Feldhandball. 50 Jahre später lässt der Mindener im Interview mit Sportredakteur Maik Hanke den großen Triumph und seine Laufbahn Revue passieren.

Herr Lübking, vor 50 Jahren sind Sie Weltmeister geworden bei der letzten je ausgespielten Feldhandball-Weltmeisterschaft. Inwiefern hat sich das Gefühl, Weltmeister zu sein, im Laufe von 50 Jahren verändert?

Herbert Lübking: Das Gefühl hat sich eigentlich gar nicht verändert. Das ist eine schöne Erinnerung insofern, dass wir uns mit dieser Mannschaft, nachdem alle Spieler ihre Laufbahn beendet hatten, angefangen haben, uns jedes Jahr zu treffen. Dann werden da diese Erinnerungen, die Spiele, die wir bei der Weltmeisterschaft 1966 gemacht haben, nochmal durchgenommen.

Welche einschlägigen Erinnerungen haben Sie an das letzte Spiel gegen die DDR und den Titelgewinn?

Dass es kurz vor Schluss Unentschieden stand, wir aber das bessere Torverhältnis hatten [es wurde in einer Gruppenphase gespielt, Anm. d. Red.] und die damalige DDR noch einen Schuss aufs Tor gemacht hat, der Schiedsrichter aber abgepfiffen hat. Und wir haben gesagt: Gott sei Dank, dass unser Torwart Günther Wriedt den Ball gehalten hat. Wär er drin gewesen, hätte der Schiedsrichter vielleicht noch einen zweiten Pfiff hinterhergemacht und wir wären kein Weltmeister geworden.

Wissen Sie noch, wie nach dem Schlusspfiff die Feier aussah? Ist das mit den Szenen zu vergleichen, die man gesehen hat, als Deutschland im Januar Handball-Europameister wurde?

Nein, es ist etwas ganz anderes gewesen früher. Das Einzige, was die Spieler damals für den Weltmeistertitel bekamen, waren 50 D-Mark. Davon haben wir uns einen gemütlichen Abend gemacht. Mehr war gar nicht.

Gab es offizielle Feierlichkeiten?

Feierlichkeiten gar nicht. Wir haben den Abend zusammengesessen und sind den nächsten Tag wieder nach Hause gefahren.

Wie ist es dieses Jahr, gab es eine 50-Jahr-Feier?

Vom Handball-Bund ist nichts passiert. Die Spieler hatten sich aber in Nürnberg getroffen. Unserer Einladung war der Präsident des DHB gefolgt. Da wollten wir eigentlich, dass es das letzte Mal ist, aber jetzt haben wir doch schon wieder Termine gemacht, dass wir uns nächstes Jahr in Fulda treffen. Es geht weiter.

Es war 1966 die letzte Weltmeisterschaft im Feldhandball. Danach gab es auch in Deutschland nur noch bis 1975 Meisterschaftsspiele. Warum ist diese Sportart ausgestorben?

Ausgestorben ist sie nur deswegen, weil der gesamte Ostblock an der Feldhandball-Weltmeisterschaft nicht mehr teilgenommen hatte. Auch einige Mannschaften aus dem Westen: Spanien hat nicht mehr teilgenommen, Frankreich, und so weiter. Die haben sich auf Hallenhandball konzentriert. Ich selbst war ein Verfechter des Feldhandball-Spiels und muss einfach sagen: Man hätte das Internationale vergessen können, aber national hätte man weiterspielen können.

Was meinen Sie?

„Die Zeit“ bezeichnete Lübking 1969 als „Pelé des Handballs“.

Beim letzten Endspiel sind noch 10.000 Zuschauer gekommen, obwohl der Deutsche Handball-Bund schon festgelegt hatte, dass die Feldhandball-Meisterschaft nicht mehr stattfinden wird. Man hätte weiterspielen können. Man hatte zu dem Zeitpunkt noch nicht so viele große Hallen. Man musste mit kleinen Hallen vorlieb nehmen. Das Feldhandball-Spiel ist aber noch fortgesetzt worden insofern, dass die Vereine immer bei ihren Sportfesten noch Großfeld-Handball gespielt haben als Tradition. Auch wir haben als Dankerser Mannschaft noch lange Jahre – das ging bis ins Jahr 2000 hinein – mit einer Traditionsmannschaft gegen ehemalige Endspielgegener wie Ansbach und Solingen gespielt. Ich bedauere es sehr. Heutzutage fangen einige Vereine wie Nettelstedt bei Sportfesten wieder an, auf dem Großfeld zu spielen, aber die Zuschauer sind einfach weg. Man kann nur noch von einer Tradition sprechen.

Sehen Sie noch eine Chance, dass dieser Sport jemals wiederkommt?

Nein, glaube ich nicht. Dafür ist das Hallenhandball-Spiel zu attraktiv geworden und es ist profihaft geworden. Daher glaube ich nicht, dass das Feldhandball-Spiel nochmal wiederkommt – leider.

Warum ist Hallenhandball so viel attraktiver als Feldhandball? Was sind die größten Unterschiede der beiden Spielarten?

Der Zuschauer sitzt nah dran beim Hallenhandball. Beim Feldhandball war es so, dass elf Mann zu einer Mannschaft gehörten, aber praktisch wie in der Halle nur sechs gegen sechs gespielt haben, aber auf einem großen Feld. Die Spieler mussten läuferisch gut sein, mussten einen starken Wurf haben, mussten Kondition haben. Für mich war es ideal, dass man im Sommer Großfeld spielen konnte. Da holte man sich Kondition und konnte im Winter in die Halle gehen.

Haben Sie sich eher als Feldhandballer gesehen?

Nein, ich habe beides gerne gespielt. Feldhandball war im Sommer, Hallenhandball im Winter. Ich habe auch viel mehr Länderspiele in der Halle gemacht als auf dem Feld.

Wie schwer ist denn der Wechsel zwischen den beiden Sportarten?

Für manche war es ganz schwierig und für manche leicht. Ich weiß zum Beispiel, dass bei uns in der Mannschaft viele, wenn es draußen geregnet hat, überhaupt nicht werfen konnten mit dem Ball. Bei mir war es so, ich habe den Ball nie gekrallt, sondern lose in die Hand gelegt. Für mich machte das also keinen Unterschied, ob es geregnet hat oder nicht. Es war teilweise so, dass die Spieler gesagt haben: Lasst das mal mit der Werferei sein, ihr kommt ja gar nicht richtig zum Tor. Lass mal den Herbert lieber werfen. (lacht)

Sie wurden bereits Mitte der 60er-Jahre als bester Handballer der Welt bezeichnet. Galt das für Halle und Feld gleichermaßen?

Am Anfang war das im Feld, und als die Halle hinterher kam, haben mich mehrere internationale Trainer beziehungsweise Spieler so bezeichnet. Ich will mich gar nicht so bezeichnen, aber das war für mich schon eine Anerkennung.

Kann man das sagen: Sie waren sowas wie der Franz Beckenbauer des deutschen Handballs? Nur vielleicht nicht ganz so berühmt.

Naja, Franz Beckenbauer hat dafür ja viel Geld bekommen. Wir haben damals gar nichts von der ganzen Sache gehabt. Wir mussten den ganzen Tag über arbeiten, haben abends trainiert. Selbst in der Bundesliga. Die Spieler hatten alle ihren Job, heute sind es Berufsspieler. Wenn wir mit unserer Feldhandball-Weltmeister-Mannschaft zusammensitzen, sagen wir immer, dass es die Spieler heute viel leichter haben als wir und es gut bezahlt kriegen. Im Grunde war damals keine Möglichkeit, fürs Handball Geld zu nehmen. Es wurde ja selbst bis zu den Olympischen Spielen 1972 untersucht, ob irgendwo mal eine Mark geflossen war. Das konnte nicht festgestellt werden und war auch nicht so. Dann konnten die Spieler an den Olympischen Spielen teilnehmen.

Sie arbeiteten als Großhandelskaufmann bei Melitta.

Das war ab 1965. Vorher war ich 18 Monate eingezogen zur Bundeswehr. Davor habe ich Großhandelskaufmann gelernt bei der Esso AG, Firma Westphal. Und dann später 32,5 Jahre bei der Firma Hucke.

Hans Hucke hatte sie 1970 zum TuS Nettelstedt gelotst. Vorher waren sie mit Dankersen Deutscher Meister geworden, haben dreimal in Folge den Europapokal im Feldhandball gewonnen. Ihr Wechsel zu Nettelstedt in die Kreisklasse war eine Sensation.

Der Wechsel nach Nettelstedt war alleine berufsbezogen. Wäre eine Möglichkeit gewesen, dass ich eine 1970 in Dankersen eine schriftliche Absicherung von der Firma Melitta bekommen hätte, dann hätte das ganz anders ausgesehen.

Sie kamen 1970 nach Nettelstedt und sind sechsmal in Folge aufgestiegen – von der Kreisliga in die Bundesliga. Wie war sowas möglich?

Wir haben eine gute Mannschaft gehabt. Als ich dort hinkam, haben wir in den ersten Jahren gar keine anderen Spieler gehabt. Nur die Mannschaft, die bei Nettelstedt vorhanden war, und trotzdem haben wir die Aufstiege gehabt. Hinterher war es natürlich automatisch, als der Erfolg kam, dass viele Spieler aus der Umgebung mitmachen wollten. Da brauchte man sich gar nicht anstrengen, die sind so nach Nettelstedt gekommen. Heute ist alles ganz anders. Die Mannschaften kann man gar nicht mehr vergleichen.

Was meinen Sie?

Wenn sich die Fußball-Weltmeister treffen würden, da würde alles arrangiert. Wenn wir uns mit der Feldhandball-Weltmeistermannschaft treffen, machen wir alles selber. Jeder bezahlt seine Anreise, jeder bezahlt seine Unterkunft, sein Essen, alles. Heute werden Handballer, wenn sie Meister werden, ganz anders gesponsert. Man sieht es im Grunde genommen: Gensheimer, der nach Frankreich geht [Nationalspieler Uwe Gensheimer wechselt von den Rhein-Neckar Löwen zu Paris Saint-Germain, Anm. d. Red.], was der gute Mann fürs Handballspielen verdient. Das sind Zahlen, die ein Normalsterblicher nicht im ganzen Leben verdient, was der in einem Jahr kriegt. Und das im Handball. Wenn man dann fragen würde: Das, was die Handballer heute kriegen, hätte man gerne damals genommen. Das ist ganz selbstverständlich. Wir haben aber, behaupte ich, die schönere Zeit gehabt. Das sieht man daran, dass man sich heute noch einmal im Jahr trifft, dass da im Grunde genommen Zusammenhalt herrscht.

Geld ist das eine, Ansehen das andere. Finden Sie, Sie werden rückblickend ausreichend wertgeschätzt?

Ja. Dafür, was man früher geleistet hat und erreicht hat, ist das schon außerordentlich. Gott sei Dank hat man damals einen Beruf gehabt. Wissen Sie, man hat ja allerhand Ehrungen gehabt, aber davon kann man sich heute auch nichts kaufen. Da sind die Leute heute besser gestellt. Die verzichten auf eine Ehrung und kassieren da dementsprechend für.

Was haben Sie nach Ihrer aktiven Laufbahn gemacht? War Ihre Trainerstelle beim TBV Lemgo Anfang der 80er Ihre letzte Station im Handball?

Nein. Ich habe die Dankerser Jugend trainiert, die Dankerser Fünfte, ich habe Lahde trainiert, Möllbergen. Alles Mannschaften ringsherum. Die kamen dann immer an, wenn Sie vor dem Abstieg standen und in der Saison nicht klarkamen. Dann hab ich gesagt: Ihr seid hier aus der Region, ich helfe euch. Und wir sind nie abgestiegen. Im Gegenteil, wir haben mit diesen Mannschaften den Abstieg verhindert und sind im nächsten Jahr mit der gleichen Truppe aufgestiegen. Irgendwann kam dann aber ein Punkt, wo man gesagt hat: Jetzt ist Schluss, Feierabend.

Ihre Handball-Begeisterung ist aber weiter vorhanden, oder?

Ja, gut, wenn ich Lust habe, gucke ich mir Spiele von Dankersen oder Nettelstedt an.

Wem drücken Sie eigentlich mehr die Daumen, GWD Minden oder TuS N-Lübbecke?

Wenn die beiden Mannschaften gegeneinander spielen, dann soll der Bessere gewinnen. Gut wäre es für die Vereine, wenn beide in der Bundesliga spielen würden, weil die Kämpfe immer attraktiv sind und Lokalsport dahinter steckt. Dann ist die Halle auch ausverkauft. Das wäre wirklich gut. Obwohl ich einfach fest davon überzeugt bin, dass es angebracht wäre, sich mal zu überlegen, ob sie sich nicht einmal zusammentun würden. Da es ja heutzutage im Handball nur um Geld geht, muss man sehen, ob man mitspielen will oder auf- und absteigen will oder ob man mal im oberen Bereich mitkämpfen will.

 

Zur Person

Der Mindener Herbert Lübking ist eine der größten Handball-Legenden überhaupt. - Foto: Pollex

Herbert Lübking (74) ist eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des deutschen Handballs. Mit Grün-Weiß Dankersen wurde er 1967 und 1970 Deutscher Feldhandball-Meister und gewann dreimal in Folge den Europapokal (1968-1970). Sein Wechsel zum TuS Nettelstedt in die Kreisliga sorgte 1970 für Aufsehen. Mit sechs Aufstiegen in Folge führte er den TuS in die Bundesliga. In 139 Länderspielen für Deutschland warf er 650 Tore. 1966 wurde er Handball-Weltmeister – bei der letzten Austragung auf dem Großfeld. Er nahm 1972 an den Olympischen Spielen teil. Lübking lebt in Minden.

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