Die Ronzettis aus Levern sind eine Fußballer-Familie

„Fratelli d’Italia“ – das Herz schlägt im Takt

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Die Ronzettis sind verbunden mit dem Fußball: Giovanni (v.l.), Salvatore, Giustina, Rosario, Ciro und Giorgio.

Levern - Von Maik Hanke. Am liebsten wollen sie Tore schießen, bis ihnen die Beine abfallen. Die Ronzettis aus Levern sind eine echte Fußballer-Familie, die dem Kreis und der Region seit mehr als 30 Jahren den Stempel aufdrücken. Die Brüder Ciro, Rosario und Salvatore sowie Ciros Kinder Giustina, Giorgio und Giovanni sind Kicker aus Leidenschaft. Für Giustina führte der Weg sogar in die Frauen-Bundesliga.

Wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft heute Abend gegen die italienische spielt und es um nicht weniger als den Einzug ins Halbfinale bei der Europameisterschaft in Frankreich geht, herrscht in der Familie Ronzetti Einigkeit: „Deutschland ist ein geiles Land, aber wir mögen italienischen Fußball“, sagt Ciro Ronzetti.

In den Adern von Ciro und seinen Brüdern Rosario und Salvatore fließt italienisches Blut, und wenn es um Fußball geht, schlägt ihr Herz im Takt der Hymne „Fratelli d’Italia“ – „Brüder Italiens“.

Sie sind Fan der italienischen Nationalmannschaft und vom SSC Neapel. Ursprünglich kommen die Leverner aus San Giovanni, einem Stadtteil der süditalienischen Metropole. Ciro war fünf Jahre alt, als sein Vater 1970 erstmals nach Deutschland kam. Zuerst nach Stemshorn, drei Jahre später nach Lemförde.

Ciro: „Was gab es Besseres als Fußball?“

Früher kamen viele italienische Gastarbeiter in die Region – Vater Ronzetti arbeitete bei ZF –, ihre Kinder trafen sich nach der Schule immer zum Bolzen und lebten sich so ein. „Was gab es Besseres als Fußball?“, sagt Ciro. Heute würde man von der integrativen Kraft des Fußballs sprechen.

Es war der Anfang eines Lebens, aus dem Fußball nicht mehr wegzudenken sein sollte. „Fußball hat unser ganzes Leben geprägt“, sagt Ciro. „Wir haben Taufen liegen gelassen und sind zum Fußball gefahren.“ Salvatore bringt es auf den Punkt: „Fußball ist Leidenschaft.“

Salvatore Ronzetti (l.) stürmt für Levern in der Altliga. 

Ihre große Fußballer-Zeit ist mittlerweile vorbei. Ciro ist 51 Jahre alt, Rosario 48 und Salvatore 43. Vor zehn Jahren schieden sie aus der ersten Mannschaft des TuS Levern aus. Sie spielen aber immer noch. Alle zusammen bei den alten Herren des TuS Lemförde, Rosario und Salvatore helfen dank eines Zweitspielrechts manchmal noch bei der Zweiten des TuS Levern aus. Und im Winter spielen sie alle für Levern die Altliga-Hallensaison – Ciro in der Ü50, Salvatore und Rosario in der Ü40.

„Ganz ohne Fußball geht es nicht“, sagt Rosario. „Da fehlt irgendwas.“ Wobei, schiebt Ciro ein, ein paar Pausen sind auch mal ganz gut – die Knochen... „Es stört mich, dass ich alt geworden bin“, sagt er.

Ciro spielte für mehrere Vereine, war auch Spielertrainer und Trainer. Sein Heimatverein ist aber der TuS Levern. Neun Jahre lang ging er für die Leverner in der Bezirksliga auf Torejagd, viermal hintereinander setzte er sich dort die Torjägerkrone auf. „Wir wollen Tore schießen. Es gibt doch nichts Schöneres, als wenn man das Ding einnetzt“, sagt Vollblutstürmer Ciro über sich und seine Familie. So viel zu Italienern und ihrem Catenaccio. „Catenaccio ist Katastrophe“, finden die Ronzettis – so gern sie italienischen Fußball auch mögen.

Ein anderes Klischee, dass italienische Stürmer im Strafraum manchmal ganz schön tief fliegen, kann auch Ciro nicht von der Hand weisen. Manchmal, erzählt er, habe auch er sich im Strafraum fallen gelassen, bevor er von einem gegnerischen Bein getroffen worden wäre: „Das war zum Vorbeugen“, scherzt er. Daher sei er nie ernsthaft verletzt gewesen.

Und dann ist da noch das dritte Klischee: die Heißblütigkeit der Italiener. Wer Ciro mal beim Fußball erlebt hat, stellt seine Leidenschaft für den Sport nicht infrage. „Wenn er Fußball schaut, ist es, als wenn er mitspielt. Er ist immer voll drin“, sagt seine Ehefrau Inge.

Aber manchmal ging es auch über Leidenschaft hinaus, manchmal wurde es auf dem Platz hitzig. Wie viele Rote Karten sich Ciro in seiner Laufbahn eingehandelt hat, weiß er nicht mehr. „Fünf, sechs, sieben, acht?“ Er zuckt mit den Schultern.

Eine rekordverdächtige Strafe musste sein Bruder Salvatore absitzen. 2013 wurde er von der Kreisspruchkammer zu 15 Monaten Sperre verurteilt, weil er einen Gegenspieler geschlagen hatte. „Aber man muss wissen, was vorher passiert ist“, erklärt Salvatore, und Ciro springt ihm zur Seite: „Da gehört schon viel zu, bis einer explodiert.“

Die Brüder erzählen von einer dunklen Seite des Fußballs, die sie im Laufe der Jahre kennengelernt haben. Es gab Momente, in denen auf dem Platz der Spaß aufhörte: Die Ronzettis berichten von hinterlistigen Hieben und Tritten von Verteidigern, wenn der Schiedsrichter gerade mal nicht aufpasste, von verbalen Sticheleien bis hin zu plumpen ausländerfeindlichen Beleidigungen. Man solle sie im Pizzaofen verbrennen, soll ein Gegenspieler ihnen mal gesagt haben.

April 1999: Der fünfjährige Giorgio Ronzetti (2.v.l.) steht vor seinem ersten Fußballspiel mit seiner zwei Jahre älteren Schwester Giustina. Onkel Rosario (l.) und Vater Ciro sind mächtig stolz.

Die Zeiten haben sich geändert. Ciros Kinder Giustina, Giorgio und Giovanni kennen solche Schauergeschichten nicht mehr. Aber gerade die älteren Beiden schlugen früh einen gänzlich anderen Weg ein als ihr Vater. Also, Stürmer sind sie auch geworden, aber in einer anderen Liga. Giustina spielt aktuell in der zweiten Frauenfußball-Bundesliga für den Herforder SV, wurde dort vergangene Saison Torschützenkönigin mit 23 Treffern.

Über den TuS Levern, den FC Oppenwehe und den SV Friesen Lembruch kam die heute 24-Jährige nach Herford. Schon früh hatten sich hochklassige Vereine um sie bemüht, 2011 wagte sie den Sprung zu einem Probetraining – und überzeugte. Danach schaffte sie mit Herford sogar für eine Saison den Aufstieg in die erste Bundesliga.

„Das ist alles harte Arbeit“, sagt Giustina. „Ich trainiere bis zu achtmal die Woche.“ Sie steht aber nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern geht auch regelmäßig ins Fitnessstudio und arbeitet – als gelernte Kauffrau – für den Verein in Teilzeit im Büro.

Giorgio verpasst Sprung zu den Profis

Damit bereitet sie sich bereits auf das Leben nach dem Fußball vor. Sie glaubt nicht, dass sie spielen kann, bis sie 30 ist. „Das macht der Körper sonst nicht mit“, sagt sie. Bereits 2014 erlitt sie einen Kreuzbandriss, fiel monatelang aus, verpasste einen Großteil der Saison in der ersten Bundesliga. Auch der mentale Druck sei hoch.

April 1999: Der fünfjährige Giorgio Ronzetti (2.v.l.) steht vor seinem ersten Fußballspiel mit seiner zwei Jahre älteren Schwester Giustina. Onkel Rosario (l.) und Vater Ciro sind mächtig stolz.

Bereits vor einigen Jahren musste sie morgens früh um fünf Uhr aufstehen und draußen ihre ersten Runden laufen, um noch vor der Arbeit ihr Pensum zu schaffen, ehe sie nach Feierabend noch nach Herford zum regulären Training fuhr. „Ich musste viel aufgeben“, erklärt sie. „Aber ich bereue das nicht.“ Sie kann zurzeit vom Fußball leben und will „einfach die nächsten Jahre noch genießen“.

Auch Giorgio hatte auch das fußballerische Rüstzeug für den Sprung in den Profi-Bereich. Ihm fehlte es als Jugendlicher allerdings an der Disziplin. Er war bereits auf dem Weg zur Karriere, spielte sechs Jahre für den VfL Osnabrück, davon zweieinhalb in der Junioren-Bundesliga. Auch den Sprung in die Niedersachsenauswahl schaffte er. Aber dann wurde ihm alles zu viel.

„Als Kind hat jeder den Traum, Fußballprofi zu werden. Mit 16 hat sich das geändert“, erklärt Giorgio. „Ich hatte nicht mehr den Willen und die Disziplin.“ Als Teenager hatte er zu viele andere Dinge im Kopf. Heutzutage reicht es dann nicht mehr für die Karriere. „Ich hätte den großen Sprung schaffen können. Aber ich habe die Chance nicht genutzt.“

Nicht nur Giustina und Giorgio haben einen Riesenaufwand betrieben. Auch für Mutter Inge wurde der Fußball zum Teilzeitjob. Dreimal die Woche brachte sie Giorgio nach Osnabrück zum Training. Ciro schätzt, er ist für seinen Sohn insgesamt bestimmt 250 000 Kilometer gefahren. Zum Training genauso wie zu Spielen bis nach Berlin, Dresden, Cottbus.

Inge Ronzetti findet, sie hat alles richtig gemacht. „Wenn ich als Mutter Vollzeit gearbeitet hätte, hätten die Kinder darunter gelitten. Das wäre nicht gegangen. Mir war wichtig, die Interessen der Kinder zu unterstützen.“

Vor vier Jahren verließ Giorgio Osnabrück. Mittlerweile spielt der 22-Jährige für den SV Rot-Weiß Damme in der Bezirksliga. „Fußball ist immer noch ein ganz großer Bestandteil in meinem Leben und das wird sich auch nicht ändern.“

Giovanni Ronzetti trägt das Trikot des SuS Holzhausen.

Nur einer in der Familie fällt ein wenig aus der Reihe: Giovanni. Er sagt von sich selber, er sei „nie der große Fußballer“ gewesen. Er habe auch nie besonders gerne und besonders viel trainiert. Vergangene Saison spielte er mit dem SuS Holzhausen noch in der Bezirksliga, kommendes Jahr geht es wieder in der Kreisliga weiter. Giovanni reicht das, auch weil er als Azubi zum Einzelhandelskaufmann oft an den Sonnabenden arbeitet und die Wochenenden mit weiten Reisen zu Bezirksliga-Auswärtsspielen ganz schön voll werden. So vertritt immerhin einer noch den Namen Ronzetti im Kreis.

Aber auch für Ciro, Rosario und Salvatore wird es weitergehen. Rosario spricht für alle, wenn er sagt: „Ich spiele so lange, wie meine Knochen sagen: Du kannst noch.“

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