Bei Rehdens Ex-Stürmer Marcus Storey wurde 2013 Ecstasy nachgewiesen

Gedopt, erwischt, verschleiert

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Rehdens Ex-Stürmer Marcus Storey ging 2013 den Dopingfahndern ins Netz. Es wurde Ecstasy nachgewiesen.

Von Arne Flügge und Fabian Scheler. Juni 2013. Hochstimmung beim BSV Rehden. Der Fußball-Regionalligist hat in der ersten DFB-Pokalrunde das große Los gezogen. Triple-Sieger Bayern München kommt mit seinem neuen Trainer Pep Guardiola. Eine ganze Region ist vom Pokalfieber infiziert.

Die Vorbereitungen auf das Spiel des Jahrhunderts laufen auf Hochtouren. Und genau in diese Rehdener Glückseligkeit platzt Mitte Juni ein Telefonat, das Rehdens Vereinsboss Friedrich Schilling vom Norddeutschen Fußball-Verband (NFV) erhält. Er bekommt Bescheid, dass einer seiner Spieler, Marcus Storey, des Dopings überführt wurde. Bislang wurde der Fall nicht veröffentlicht. Erst durch hartnäckiges Bohren des gemeinnützigen Recherchezentrums „CORRECT!V“ kommt die Story Storey nun ans Tageslicht. Fast 30 offizielle Dopingfälle hat es im deutschen Fußball bisher gegeben. Der DFB verspricht Transparenz im Anti-Doping-Kampf. Doch der Fall Storey zeigt, wie einfach der Fußball eine positive Dopingprobe verschwinden lassen kann. Normalerweise veröffentlichen Vereine und Verbände positive Dopingfälle auf ihren Internetseiten. Doch der Fall Storey ist bis heute nicht zu finden.

War eine Party und falscher Umgang Schuld?

Rückblick: Zwei Monate vor dem Pokalspiel gegen Guardiolas Bayern ist der BSV Rehden zu Gast beim VfR Neumünster. Die Regionalliga-Saison ist Mitte Mai 2013 auf der Zielgeraden. Auf der Rehdener Bank sitzt der US-Amerikaner Marcus Storey. Bei der 0:2-Niederlage wird er nicht eingewechselt. Trotzdem muss er nach dem Spiel zur Dopingprobe. Ein Zufall. Alle Spieler, die im Kader stehen, können ausgelost werden. Das Ergebnis kommt ein paar Wochen später: Die Dopingkontrolleure haben Methylendioxymethamphetamine im Urin von Rehdens Stürmer gefunden – Ecstasy. Eine Droge die schmerzlindernd wirken kann und für Euphorie auf dem Platz sorgt. Woher kommt das Ecstasy? Marcus Storey selbst äußert sich auf Anfrage nur einmal, eine Party soll Schuld gewesen sein. „Ich bekam etwas ins Getränk und bin am nächsten Morgen woanders aufgewacht. Ich glaube, ich war mit den falschen Leuten unterwegs.“ Das ist alles.

Der Vertrag des Stürmers in Rehden endet am 30. Juni 2013. „Der Verband hat uns damals gesagt, dass wir nichts zu befürchten hätten, weil Storey in Neumünster nicht gespielt hat und er gesperrt wurde, nachdem der Vertrag bei uns ausgelaufen war“, sagt Vereinsboss Friedrich Schilling. Um die Analyse der A-Probe zu bestätigen oder zu widerlegen, hätte auch die B-Probe geöffnet werden müssen. Und das auf Kosten desjenigen, der diese Analyse beantragt. „Darauf hat Storey offensichtlich verzichtet. Und wir aus Kostengründen auch, denn er war kein Spieler mehr bei uns, hatte seine Strafe vom Verband bekommen und war längst wieder in den USA“, begründet Schilling die Haltung des Clubs.

Storey ist für zwei Jahre weltweit gesperrt.

Am 10. Juli 2013 spricht der Norddeutsche Fußballverband sein Urteil: Zwei Jahre lang darf Storey weltweit kein Spiel mehr machen. Das Urteil veröffentlichen weder der BSV Rehden noch der Norddeutsche Fußballverband oder der Deutsche Fußball Bund. Der Club sieht auch keinen Grund dafür, weil ein Spieler verurteilt wurde, der nicht mehr dem Verein angehört. Und weil der Verein selbst nicht sanktioniert wurde. Zudem sei, so Schilling, durch das Nichtöffnen der B-Probe, „ja auch nicht zu 100 Prozent nachgewiesen, dass der Spieler des Dopings überführt war. Man stelle sich mal vor, wir geben das raus, Storey lässt die B-Probe öffnen und ist dann gar unschuldig“, erklärt Schilling: „Wir können den Jungen doch nicht einfach so in die Pfanne hauen.“ Der DFB lässt sich selbst die Wahl, ob er Dopingfälle veröffentlicht. Der Verband und die Nationale Anti Doping Agentur dürfen „soweit erforderlich und angemessen“ Informationen über Spieler offenlegen, heißt es in den Durchführungsbestimmungen für Dopingkontrollen. Unterhalb des Profifußballs, also Regionalliga und abwärts, wird erstmal nur der Landesverband benachrichtigt, der die Spielklasse organisiert. Je regionaler die Struktur, desto enger liegen die Interessen der Akteure beieinander, desto größer die Gefahr einer internen Lösung – ohne dass die Öffentlichkeit davon erfährt.

Der Norddeutsche Fußballverband schreibt auf Nachfrage, sowohl er als auch der DFB hätten damals den Fall veröffentlichen können, aber nicht müssen. Der NFV verzichtete darauf. Storey habe zu dem Zeitpunkt seine Karriere ja bereits beendet gehabt – und weil „es sich nicht um systematisches, leistungssteigerndes Doping handelte“.

Der DFB und Rainer Koch werben immer wieder für größtmögliche Transparenz im Anti-Doping-Kampf. Das eigene Kontrollsystem sei das Beste Europas. Warum wird dann ein solcher Fall nicht veröffentlicht?

Koch, nach dem Rücktritt von Wolfgang Niersbach Übergangspräsident des DFB, verweist auf den Norddeutschen Fußballverband, der bei Fällen aus der Regionalliga zuständig sei. „Ohne Ihre Anfrage hätte ich gedacht, dass da alles nach Vorschrift gelaufen ist“, sagt Koch am Telefon: „Für den Rest müssen Sie den NFV fragen.“ Grundsätzlich müsse man abwägen zwischen dem Schutz persönlicher Daten und dem öffentlichen Interesse an Dopingfällen. „Das ist eine Gratwanderung. In diesem Fall hätte ich persönlich wohl auch zum Datenschutz tendiert“, sagt Koch.

Schilling beurteilt in diesem Fall die Haltung des DFB und des NFV als „absolut richtig. Wenn aber Storey noch Spieler bei uns gewesen wäre, hätten wir das auch öffentlich ausfechten müssen, da die Sperre dann auch für uns eine Auswirkung gehabt hätte“. Denn „das System funktioniert. Ein Spieler wurde erwischt und gesperrt“, sagt Rehdens 2. Vorsitzender Matthias Giese – und ergänzt: „Ein Thema, das außer für den Spieler, der längst weg ist, keine weiteren Auswirkungen hat, muss aber nicht ausgeschlachtet werden.“

Natürlich sei der Club von der Nachricht entsetzt gewesen, „aber wir können nicht jeden Spieler täglich selbst kontrollieren“, erklärt Schilling, „wir können einfach nur hoffen, dass die Spieler keinen Blödsinn machen, verantwortungsbewusst sind und müssen uns darauf verlassen, dass sie beim Arzt nachfragen, wenn sie ein Medikament verschrieben bekommen.“ Schließlich würde jeder Spieler vor der Saison einen Ehrenkodex unterschreiben. „Doch die 100-prozentige Sicherheit hast du nie“, weiß der Rehdener Vereinsboss.

HINTERGRUND

2013/2014 nur 70 Kontrollen in fünf Regionalligen

Eine Liste mit Fällen aller Sportarten veröffentlicht die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) in ihrem Jahresbericht, allerdings anonymisiert. Die Agentur arbeitet derzeit daran, eine „Datenbank für Disziplinarverfahren“ zu etablieren. Die soll einen transparenten Überblick geben, „auch wenn zunächst viele der Fälle aus datenschutzrechtlichen Gründen noch anonymisiert veröffentlicht werden“.

Seit dieser Saison führt die Nada alle Dopingkontrollen im Auftrag des DFB durch, sowohl im Wettkampf als auch im Training. Die Kontrolle über die Kontrollen behält jedoch der DFB. Der Verband finanziert das Programm, die Anti-Doping-Kommission betreut den Ablauf, bestimmt den Informationsfluss und entscheidet auch über die Strafen bei positiven Proben. Vorsitzender dieser Anti-Doping-Kommission ist DFB-Übergangspräsident Rainer Koch.

Jeder nicht veröffentlichte Fall schönt die Dopingstatistik des deutschen Fußballs. Die spiegelt ohnehin kaum wider, wie häufig im Fußball gedopt wird. Das Kontrollsystem im Fußball ist lückenhaft. Die meisten Dopingsubstanzen sind deutlich schwerer nachweisbar als Ecstasy. Dazu werden Fußballer sehr selten kontrolliert. 1700 Dopingkontrollen bezahlte der DFB in der Saison 2013/14 in den ersten drei Bundesligen. Klingt viel, verteilt sich aber auf mehr als 1000 Spieler.

In den fünf Regionalligen ist das Risiko, mit Doping aufzufliegen, noch viel geringer. Nur 70 Kontrollen gab es bei rund 2000 Spielern in fünf Ligen. Im gesamten Jahr ist weniger als ein Spieler pro Mannschaft überhaupt ein Mal getestet worden. Marcus Storey erwischte es trotzdem. Er hatte wohl Pech.

Hinweis: CORRECT!V. Das gemeinnützige Recherchezentrum ist unabhängig und wird alleine durch Spenden von Stiftungen und Bürgern finanziert. CORRECT!V betreibt auch die Seite fussballdoping.de. Näheres unter www.correctiv.org

fs

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