Bassum - Von Arne HelmsIn seinem Büro hängen sauber aneinandergereiht ein paar Urkunden und Ehrenteller. Auch die Auszeichnung „Danke, Schiri!“, die der Deutsche Fußball-Bund jährlich an 66 Unparteiische in der ganzen Republik vergibt, wird dort nun ihren Platz finden. Was Lothar Thrams in 47 Jahren mit der Pfeife im Mund erlebt hat, können Papier und Messing jedoch nicht erzählen. Seine klaren Ansagen und zackigen Gesten haben ihn zu einem Unikum auf den Sportplätzen im Landkreis gemacht. Im Interview gibt der 65-Jährige aber auch preis, wie ihn eine schwere Krankheit seit 1998 verändert hat.

© ksy
Bei Wind und Wetter: Lothar Thrams 2011 im Syker Waldstadion.
Herr Thrams, lassen Sie mich zu Wort kommen?
Thrams:Wieso denn nicht?
Allen Spielern, die ich zu Ihnen befragt habe, fiel dieser Satz ein: ‚Oh, der Thrams pfeift. Bloß die Schnauze halten.‘ Woher kommt das?
Thrams:Ich muss schnell eine Entscheidung treffen, und dann steht sie. Was sollen da lange Diskussionen? Damit halten wir doch das Spiel auf (lacht).
Auf Einwände lassen Sie sich gar nicht erst ein?
Thrams:Nein, ich ignoriere das seit einem Herzinfarkt und der By-Pass-Operation 1998. Heute unterbreche ich das Spiel kaum noch wegen Meckerns. Damals habe ich mit meinem Professor gesprochen. Und der meinte: „Es spricht nichts dagegen, dass Sie weiter pfeifen, wenn Sie sich nicht dabei aufregen und möglichst die Ohren auf Durchzug stellen.“
Andere hätten sich da eher zur Ruhe gesetzt.
Thrams:Ich bin seitdem eigentlich erst so richtig angefangen. Bei mir kommen fast ständig mehr als 100 Spiele pro Saison heraus. Vorher wurde Fußball nur am Wochenende gespielt. Seitdem auch in der Woche gespielt wird, sind die Schiedsrichter knapp.
Und Sie pfeifen vier Spiele pro Wochenende.
Thrams:Eher mehr. Da gab es Erlebnisse, dass ich am Samstag um 15 Uhr ein Frauenfußballspiel in St. Hülfe gepfiffen habe. 16.40 Uhr war ich durch mit pünktlichem Abpfeifen. Dann abrechnen und ins Auto nach Gessel-Leerßen, wo um 18 Uhr ein B-Jugend-Spiel nicht besetzt war. Um kurz nach halb sechs bin ich angekommen – und in Binghausen bei Twistringen haben sie mich noch geblitzt. 82 km/h in der 70er-Zone.
Und zum Dank werden Sie wieder mit: ‚Ach, der alte Thrams‘ begrüßt?
Thrams:Das kommt schon noch vor. Aber eher bei den älteren Spielern, die mich von früher kennen.
Stört Sie das?
Thrams:Nö, man hat einen gewissen Respekt. Ich komme eigentlich überall gut an. Und die Zahl der Platzverweise ist erheblich gesunken in den letzten zehn, zwölf Jahren.
Haben Sie die Karten früher schneller gezückt?
Fällt das schwer, wenn man wie Sie schon mal auf dem Platz verfolgt wurde?
Thrams:Nein, aber ich erinnere mich gut daran. In Einen war das am zweiten Ostertag 2007. Fortuna Einen gegen Amasya Spor Lohne II. Mit Rudelbildung und Schlägerei. Ich hatte drei Spieler wahrgenommen, die geschlagen hatten. Einen Einener, zwei Lohner, also von der ausländischen Mannschaft.
Als Sie einem der Lohner Rot gezeigt haben, ist der ausgerastet und hat Sie bis in die Kabine verfolgt.
Thrams:Einen Glaskasten hat der mit der Hand auch noch zerdeppert. Der blutete wie sonstwas. Der Spieler hat es aber nicht geschafft, in meine Kabine zu kommen. Weil sich ein anderes Schiedsrichtergespann, das nach mir dran war, vor die Tür gestellt hat.
Was hat Ihr Herz in der Situation gemacht?
Thrams:Ich bin mit Medikamenten ganz gut eingestellt und habe mich dann schnell wieder beruhigt. Ich war ja auch total schuldlos. Daran konnte ich überhaupt nichts machen.
Hat dieses Erlebnis etwas an Ihrer Einstellung geändert?
Thrams:Nein, ich pfeife immer noch gerne Partien mit ausländischen Spielern. Ich komme da gut mit klar. Wenn ich neu irgendwo hinkomme, dann gehe ich rein in die Kabine und sage eben wer ich bin, wo ich herkomme, wie alt ich bin, wie lange ich schon pfeife. Und dass ich – auch aufgrund meiner beruflichen Erfahrung als ehemaliger Postler und Gewerkschafter – versuche, keine Unterschiede zu machen. Und dann kriege ich Applaus in der Kabine.
Neben dem Skandal in Einen – was bleibt positiv hängen nach 47 Jahren?
Thrams:Nach meiner Krankheit im Jahr 2000 habe ich einen Brief vom Schiedsrichterausschuss bekommen, dass ich aufgrund meiner Leistungen nochmal wieder Kreisliga pfeifen darf. Das war eine Hochstufung, die mich gefreut hat. Dann das von mir geleitete Kreispokalendspiel 2006 zwischen Neubruchhausen und dem TuS Sulingen. Das war ein Highlight auf meine alten Tage. Und Uwe Seeler. Den habe ich auch mal vom Platz gestellt.
Bitte, was? Wen?
Thrams:Anfang der 70er-Jahre in Syke. Aber es war nicht der echte Uwe Seeler. Auf die sonst übliche Passkontrolle vor dem Spiel hatte ich verzichtet, weil ich direkt davor noch in Ippener pfeifen musste und knapp dran war. Das wollte ich in der Halbzeit machen. Während des Spiels musste ein Spieler verwarnt werden, ich fragte ihn nach seinem Namen. Und der meinte: „Uwe Seeler“. Und ich zu ihm: „Ich habe die Pässe nur überflogen. Aber der Name Uwe Seeler wäre mir aufgefallen.“ Dann habe ich das Spiel unterbrochen, bin ins Vereinsheim, wieder zurück und habe dem Spieler gesagt: „Bitteschön, Platzverweis.“ Damals gab es noch keine Karten.
Wogegen hat der falsche Seeler denn verstoßen?
Thrams:Er hat seinen wahren Namen nicht gesagt, tat dann auch so ein bisschen lächerlich. Aber er ist dann sofort runtergegangen. Der wusste genau, was passiert.
Da staunte vermutlich auch Ihre Frau nicht schlecht. Was sagt die dazu, dass Sie nur unterwegs sind?
Thrams:Meine Frau hat mich ja so kennengelernt. Insofern hat sie das immer toleriert. Wir müssen nicht am Wochenende – wenn alle ausgehen – Kaffeetrinken fahren. Wir können das in der Woche machen und haben dann auch Zeit dafür.
Und Urlaub?
Thrams:Wir haben eine Ferienwohnung im Harz. Dann pfeife ich am Sonntagnachmittag noch ein Spiel, und meine Frau fährt schon mit. Vom Platz aus geht’s dann los, schnell hin und spätestens Freitagabend zum Alt herren-Spiel kommen wir wieder zurück. Im Sommer oder Winter, wenn Pause ist, dann fahren wir schonmal ‘ne Woche länger.
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