Kritik von Thomas Tuchel

Ärger zum Abschied von Mats Hummels

Berlin - Zum vierten Mal in Serie verliert Borussia Dortmund ein großes Endspiel. Die Niederlage gegen Bayern im Elfmeterschießen verdarb Kapitän Hummels den Abschied vom BVB. Zudem verleitete sie Trainer Tuchel zu kritischen und selbstkritischen Aussagen.

Tief in der Berliner Vollmondnacht fiel Mats Hummels ins wunderbar weiche Bett seines Zimmers im Fünf-Sterne-Palais Grunewald, seine Ehefrau Cathy an der Seite - doch etwas fehlte. Statt des One-Night-Stands mit dem DFB-Pokal, den der Weltmeister so gerne des Nachts im Arm gehalten hätte, erlebte er einen Abschied zum Vergessen: "Ich bin unfassbar traurig. Es war ein Scheiß-Ende."

Und dies nicht nur für Mats Hummels, der zum Abschluss achteinhalb "geiler" Jahre bei Borussia Dortmund auch noch Knatsch mit Trainer Thomas Tuchel hatte. Nein, auch für den BVB, der als deutscher "Zweister" wieder so nah dran gewesen war. Beim Bankett der Enttäuschten in der backsteinernen alten Bahnhofshalle "Station" tröstete darüber keine Currywurst von der Bude, kein Popcorn, kein Bier hinweg - obwohl Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke bemüht war, die hervorragende Saison zu würdigen.

"Wir können Berlin erhobenen Hauptes verlassen", sagte Watzke in seiner Rede um kurz nach zwei, doch viele Spieler ließen zur Live-Musik in den Sofa-Ecken ihre Köpfe hängen. Nachdem sie mit ihren Silbermedaillen wieder bedröppelt im goldenen Lamettaregen mit einer Münchner Siegesfeier gestraft waren, wurden zudem Risse in der angeblich so heilen BVB-Welt offenbar.

Kritik von Tuchel und Knatsch wegen Auswechslung

"Er kann's besser", sagte Tuchel schmallippig über Hummels, der gegen seinen künftigen Verein von Krämpfen geplagt in der 78. Minute ausgewechselt worden war.

Von einem harmonischen goodbye des Weltmeisters konnte wahrlich nicht die Rede sein. Dafür sorgte nicht nur das ärgerliche 3:4 im Elfmeterschießen nach zuvor 120 torlosen Minuten. Auch der Dissens mit seinem Coach trug dazu bei. Denn Hummels widersprach nach seinem letzten Spiel im BVB-Trikot der Aussage von Tuchel, den Rasen auf eigenen Wunsch verlassen zu haben. „Ich habe nichts angedeutet. Wenn ich raus will, mache ich ein klares Zeichen“, kommentierte er verwundert. „Ich denke, der Trainer hat gesehen, dass es nicht mehr ging.“

Doch bei aller Enttäuschung über die neuerliche Pleite in Berlin fiel sein Rückblick auf achteinhalb Jahre beim BVB insgesamt positiv aus: „Es war einfach traumhaft. Hätte mir das jemand 2008, als ich gekommen bin, so hingelegt, hätte ich es blind unterschrieben. Es war ein sehr geiler, nervenaufreibender Teil meines Lebens.“

Noch vor dem EM-Start in drei Wochen will er bisher Versäumtes nachholen und seinen Vertrag beim FC Bayern unterzeichnen: „Ich habe mich mit dem ganzen Thema noch nicht beschäftigt“, sagte er bei Sky. „Ich wollte vor dem Finale nicht noch nach München fliegen. Das hat sich irgendwie nicht gut angefühlt.“

Bitter für die Borussia: In den kommenden Jahren will der 27-jährige Hummels dem FC Bayern helfen, dass der BVB weiter zweite Plätze einfährt. 2., 2., 7. und 2. in der Liga, 2., 2. und 2. im DFB-Pokal: Zweiter geht's kaum.

Die Aussicht ist verhangen. Ohne Hummels wird es nicht einfacher werden, Manager Michael Zorc muss wieder hohe Improvisationskunst beweisen. Tuchel sagte ohne wirkliche Hoffnung auf Besserung: "Die Wahrscheinlichkeit, gegen die Bayern zu gewinnen, wird auch nicht größer, wenn Pep Guardiola weg ist."

Es ist fast tragisch, dass sich die Dortmunder in einem Teufelskreis bewegen. Eine exzellente Saison fühlte sich am Samstagabend wie verloren an, nur weil ein Spieler zu viel seinen Elfmeter verschoss (Sven Bender und Sokratis).  

Tuchel zeigt sich auch slebstkritisch

Ähnlich kritisch wie mit Hummels ging Tuchel mit sich selbst ins Gericht. Der Coach machte sich Vorwürfe, bei der Bestimmung der Elfmeterschützen nicht mehr Einfluss genommen zu haben. So kam es, dass die im Spiel bärenstarken, aber am Ende völlig entkräfteten Defensivrecken Sven Bender und Sokratis auf eigenen Wunsch antraten - und verschossen. „Es wäre meine Aufgabe gewesen, das zu verhindern und andere in die Verantwortung zu nehmen“, bekannte Tuchel, „in Bundesliga-Spielen habe ich Manni und Papa noch nie bei Elfmetern gesehen. Das nehme ich auf meine Kappe.“

Die brutale Niederlage wiederum könnte Leistungsträger ins Grübeln bringen, ob mit dem BVB Titel zu gewinnen sind. Und das nach 234 Pflichtspielminuten gegen die deutsche Übermannschaft ohne Gegentor! Nach Leistungen auf Augenhöhe. Es ist wie die Fabel vom Hasen und dem Igel: Wo immer der Hase hinrennt, der Igel ist schon da.

Hinzu kommt, dass sich der BVB erneut betrogen fühlt. Wie 2013 im Champions-League-Finale, als Franck Ribéry seinen Ellbogen ins Gesicht von Robert Lewandowski schlug, wie 2014 im Pokal-Endspiel, als Hummels eigentlich das 1:0 erzielt hatte. Diesmal stach Ribéry seinem Gegenspieler Gonzalo Castro einen Finger ins Auge.

"Geschichte wiederholt sich. Wir haben einen Hattrick von Endspielen, die der Schiedsrichter wesentlich beeinflusst hat", sagte Hummels: "Niemand im Stadion hat nicht gesehen, was passiert ist." Auch nicht der Vierte Offizielle Bastian Dankert, "aus zehn Zentimetern!", wie Marcel Schmelzer maulte. Aber was hilft das schon.

"Du hast eine Ära geprägt"

Den Frust über das anhaltende Finaltrauma der Borussia, die das vierte große Endspiel in Serie verlor, konnte auch Hans-Joachim Watzke bei der anschließenden „Schwarzgelben Nacht“ in der denkmalgeschützten „Station“ nicht vertreiben. „Wenn man aus einem Spiel Stärke ziehen kann, dann aus diesem. Wir können Berlin erhobenen Hauptes verlassen“, befand der BVB-Geschäftsführer in seiner Rede. Begleitet vom Applaus der rund 1000 Ehrengästen sprach er Hummels seinen Dank aus: „Du hast eine Ära geprägt.“

Für weiteren Gesprächsstoff in der stylischen Location sorgte der Zweikampf zwischen Gonzalo Castro und Franck Ribéry Ende der 1. Halbzeit. Brust an Brust standen sich die beiden Gegenspieler gegenüber. Dabei fasste Ribéry dem Dortmunder Profi ins Gesicht - und erwischte diesen mit dem Ringfinger dessen Auge. „Wenn eine Tätlichkeit nicht regelkonform bestraft wird, finde ich das spielentscheidend“, klagte Außenverteidiger Marcel Schmelzer, „aber die Rote Karte ist nicht gekommen, obwohl der 4. Unparteiische, der die Aufgabe hat, das zu sehen, zehn Zentimeter daneben steht.“

Ähnlich verärgert kommentierte Hummels den Vorgang und verwies auf ähnliche Benachteiligungen in anderen großen Endspielen gegen die Bayern. So war sein eigentlich regelkonformer Treffer im Pokalfinale 2014 (0:2 n.V.) nicht anerkannt worden. „Geschichte wiederholt sich. 2013, 2014 und heute - wir haben einen Hattrick geschafft in Finalspielen, die die Schiedsrichter mit beeinflusst haben. Jeder hat gesehen, was war.“

dpa/sid 

 

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