029.08.09|Niedersachsen|Niedersachsen|
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Niedersachsen - POLLE (mk) n Europas größter Ziegenstall: Ein Projekt zur Erhaltung regionaler Wirtschaft oder industrielle Tierquälerei? Die Firma Petri-Feinkost (Petrella-Käse) plant auf der ehemaligen Landesdomäne Heidbrink im Weserbogen bei Polle (Kreis Holzminden) ein Milchziegengroßprojekt mit 7 500 Tieren. Natur- und Tierschützer schlagen Alarm.

Bis zu 7 500 Milchziegen sollen in dem Großbetrieb der Firma Petri gehalten werden. Dazu kommen nach Schätzungen von Tierschützern mindestens 12 000 Lämmer jährlich und hunderte Ziegenböcke. Sind diese Pläne vereinbar mit artgerechter Haltung, Naturschutz und Tourismus?
Drei Großställe mit jeweils bis zu 2 500 Milchziegen will Petri nur wenige Kilometer von seinem Stammsitz errichten. Direkt in einem Landschaftsschutzgebiet würden damit erstmals in Deutschland industriell Ziegen gehalten werden. Was sich sonst auf viele kleine Halter mit im Durchschnitt 100 Milchziegen verteilt, würde hier in reiner Stallhaltung eine gänzlich neue Dimensionen erreichen. Bislang bedient sich Petri mit Zukäufen am freien Markt, hält selbst keine Ziegen.
„Das ist ein Ziegenelend, das mit Tier-, Natur- und Umweltschutz unvereinbar ist“, sagt Thomas Schröder, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Tierschutzbundes. Und auch die Tierrechtler von Vier Pfoten üben seit Wochen massive Kritik: „Die Haltung tausender Ziegen in reiner Stallhaltung entspricht nicht den Bedürfnissen dieser Tiere, die einen sehr starken Drang nach freier Bewegung und Klettern haben“, betont Ina-Müller-Arnke, Nutztier-Expertin der Organisation. An die Spitze des politischen Protestes gegen das Projekt hat sich der Grünen-Landtagsabgeordnete und agrarpolitische Sprecher Christian Meyer gestellt. Neben Fragen des Tierschutzes sieht er die „direkt im Weserbogen gegenüber der Poller Burg“ geplante Massen-Ziegenhaltung als „unvereinbar mit den Belangen des Naturschutzes und der Landschaftspflege sowie des Tourismus am Weser-Radweg“. Gestern stellte Meyer im Landtag eine Anfrage an die Landesregierung, die ihm bestätigte, dass „nähere spezialgesetzliche Regelungen in Deutschland fehlen“. Empfehlungen der EU zur Ziegenhaltung, die dauerhafte Stallhaltungen untersagen, seien nur Soll-Bestimmungen. Grundsätzlich sei daher „eine ganzjährige Stallhaltung von Ziegen möglich“, so die Landesregierung. Die Grünen prüfen nun rechtliche Schritte gegen das Projekt. Meyer: „Das Land fördert hier Tierquälerei.“
Nicht nur Probleme der Tierrechte, sondern auch formaljuristische Fragen beschäftigen die Kritiker. Während sich die Firma Petri zum Thema in Schweigen hüllt, wird von den Gegnern angezweifelt, dass der seit 2006 zugesagte und im Februar vollzogene Verkauf des etwa 250 Hektar großen Geländes für 3,4 Millionen Euro einwandfrei verlief. Es hätten noch höhere Angebote vorgelegen, zudem hätte es nie eine Ausschreibung gegeben. „Hier gab es massiv Mauscheleien im Hintergrund“, sagt Meyer. Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) wohne nur wenige Kilometer entfernt und sei gut mit Firmen-Chef Claus Petri befreundet. Eine Frage wie die, ob das Gelände aus dem Landschaftsschutzgebiet „Wesertal“ herausgenommen werde, damit die Pläne für die Ziegenhaltung umgesetzt werden können, würde da auch mal auf dem „kurzen Dienstweg“ geregelt. Im Oktober entscheidet der Kreistag darüber.
Anwohner der Domäne fühlen sich durch das Projekt ebenfalls hintergangen. Ihnen drohen Geruchs- und Lärmbelästigungen, außerdem stehen höhere Kosten für die Abwasserentsorgung durch eine neue Pipeline in Aussicht. Die Kapazitäten reichen für die Petri-Produktion nicht mehr aus. Selbst der Landesverband der Ziegenzüchter hegt Bedenken. Derzeit würden in Niedersachsen 10 000 Ziegen im Voll- und Nebenerwerb gemolken. Bei 7 000 zusätzlichen Ziegen drohe ein harter Verdrängungswettbewerb.
Petri-Feinkost wartet nun ab: Bis zum 21. September haben Verbände und Behörden Zeit, zu den Plänen Stellung zu nehmen. Die Baugenehmigung steht noch aus. Droht dem Unternehmen ein Verbot des Projektes, hat es vorgesorgt: Binnen eines Jahres kann Petri vom Kaufvertrag zurücktreten.
Von Michael Krüger
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