Etelsen - Von Wilhelm Ostmann„Der Mann muss von allen guten Geistern verlassen gewesen sein“, so urteilt Werner Löwner, der auf dem Berkels in Etelsen wohnt, über das Verhalten von Francesco Scheltino, Kapitän des Passagierschiffsriesen „Costa Concordia“, der auf eine Untiefe vor der toskanischen Küste gelaufen ist und sich auf die Seite gelegt hat.

© Foto: Ostmann
Der 31 Meter lange Hochseeschlepper „Expert“, auf dem der Etelser Kapitän war. Zusammen mit seiner zehnköpfigen Mannschaft transportierte er mit ihm eine Bohrinsel auf einem Ponton so groß wie ein Fußballfeld nach Südafrika. · Repro: Ostmann
Die Katastrophe hat viele Menschenleben gefordert. Außerdem schweben die möglichen Umweltschäden durch den Treibstoff in dem Schiffswrack, der noch nicht abgepumpt ist, wie ein Damoklesschwert über dem Mittelmeer.
Löwner, 77 Jahre, weiß, wovon er redet. Er ist selbst Kapitän. Er hat sein Gewerbe von der Pieke auf gelernt. Er absolvierte eine Ausbildung zum Steuermann und besuchte dann die Schifffahrtsschule in Bremerhaven, die er mit dem Kapitänspatent in der Tasche verließ.
„Der italienische Kapitän hat den wichtigsten Grundsatz seines Berufs außer Acht gelassen. An erster Stelle steht die Sicherheit des Schiffs und damit seiner Passagiere“, betont Löwner. Die Fahrt zu dicht unterhalb der Küste der Insel Giglio hat die Katastrophe verschuldet. „Bei einer solchen Passage muss der größte Abstand zum Land eingehalten werden.“
Der Kapitän könne sich auch nicht auf eine Anordnung der Reederei berufen, dicht unter der Küste zu laufen, um den Passagieren ein besonderes Erlebnis zu bieten. „Die hat ihm gar nichts zu sagen. Der Kapitän hat auf seinem Schiff die absolute Befehlsgewalt. Er darf nicht das geringste Risiko eingehen.“
Bei den Schiffen von der Größe einer Kleinstadt würde nur das Servicepersonal aufgestockt. Die Anzahl des seemännischen bleibe wie auf kleineren Schiffen mit 800 oder 1 000 Passagieren gleich. „Auf diese Männer kommt es bei einer solchen Katastrophe aber an.“
Der größte Fehler des Kapitäns sei es aber gewesen, die Passagiere eine Stunde über die Karambolage mit dem Felsen im Unklaren gelassen zu haben. „In dieser Zeit hätten möglicherweise alle lebend von Bord kommen können.“
Löwner selbst war zwar nie Kapitän eines Passagierschiffs, kennt sich aber in den Grundsätze der Schiffsführung bestens aus: Er war Jahrzehnte lang als Kapitän tätig. Er stand auf der Brücke von Trawlern, als die deutsche Hochseefischerei ihren Höhe- und Bremerhaven ihr Mittelpunkt war.
Danach war er Kapitän in der Schleppschifffahrt. Er hat viele gefahrvolle Situationen überstanden. Mit dem Hochseeschlepper „Expert“ waren er und seine Mannschaft beispielsweise fünf Monate auf See, um eine komplette Bohrinsel auf einem Ponton so groß wie ein Fußballfeld nach Südafrika zu schleppen. „Das Ding hängt an Tauen etwa 800 bis 1 000 Meter achteraus. Bei schwerer See ist das ,Gespann‘ in seinen Bewegungen unberechenbar und für Schiff und Besatzung sehr gefährlich. Alle müssen ihr Können aufbieten, um eine solche Lage zu bewältigen.“
Unvergessen ist dem Etelser, als es um Leben und Tod ging. Er befand sich – noch jung und schön – auf einem Trawler unterhalb von Island. „Es kam schwarzer Frost auf.“ Das ist eine bedrohliche Wetterlage mit hoher Luftfeuchtigkeit. Die Gischt, die sich über das Schiff ergießt, gefriert an Deck und den Aufbauten. Es ist kein Schnee, kein Eis, sondern eine Mischung aus beidem, die von der Mannschaft beseitigt werden muss. Sonst bekommt das Schiff Übergewicht und droht zu sinken. „Alle Mann haben mit Hämmern und Pickeln um ihr Leben geklopft und die Schnee-Eis-Masse über Bord befördert – sogar der Koch, übrigens der ‚wichtigste‘ Mann an Bord.“
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