630.08.10|Visselhövede|Visselhövede|
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Visselhoevede - Von Wieland BonathVISSELHÖVEDE · Ginge es nach Dr. Luise Knoop, der Tag könnte 36 oder mehr Stunden haben. Die von ganz viel Herzlichkeit geprägte Ärztin für Allgemeinmedizin, die dem Leben meistens mit strahlendem Lachen begegnet, macht ein wenig den Eindruck, als stünde sie unter Strom. Anpacken, nur nichts liegen lassen, fast alles kann noch Formen bekommen, die zu schleifen sind. Deshalb war es auch ein Unding, dass die 63-Jährige als sie jetzt – nach fast 30 Jahren beruflicher Tätigkeit – den weißen Arztkittel endgültig beiseite legte, den Ruhestand in weitgehendem Nichtstun erleben wollte. Ein Traum, der sie das ganze Leben begleitet hatte, sollte Wirklichkeit werden.

Dr. Luise Knoop: von grippekranken Patienten im Ruhestand zur Grabungshelferin.
Die Archäologie! Zwei Semester hatte Luise Knoop nach dem Abitur in München Ur- und Vorgeschichte studiert. Der Wunsch, mit diesem aufregenden Fach nähere Bekanntschaft zu machen, die wiederentdeckte Geschichte in die Hand zu nehmen, das begleitete die beliebte Ärztin. Jetzt war die Zeit gekommen, und Kreisarchäologe Dr. Stefan Hesse war dankbar, eine ehrenamtliche Grabungshelferin zu bekommen.
Dr. Knoop: „Als ich das erste Mal in der modrigen Erde graben durfte, gehörte das zu den glücklichsten Augenblicken in meinem Leben.“ Eine Grabung in der Nähe von Lavenstedt bei Seedorf, wo ein Team mit Projektleiter Klaus Gerken nach den Resten einer jungsteinzeitlichen Siedlung suchte.
Aus der sterilen Praxis von Grippekranken mit den Knien auf den harten mit archäologischem Werkzeug Zentimeter für Zentimeter freigelegten Boden. Und was für ein aufregender Moment, als plötzlich die erste Scherbe aus der Trichterbecherkultur auftauchte. Für Dr. Luise Knoop eine unvergessliche Begegnung mit ferner Vergangenheit. Die Geschichte zum Anfassen! Was konnte die Phantasie mit einem verzierten Keramikbruchstück alles machen.
16 bis 18 Stunden arbeitete die Ärztin in der Vergangenheit nicht selten, jetzt, als ehrenamtliche Grabungshelferin dauert der Arbeitstag von 8 bis 17 Uhr. „Wie hälst du das bloß mit dem Rücken aus, habe ich mich zu Beginn gefragt?“, erinnert sich Dr. Knoop. Zwischendurch immer einmal eine kurze Pause, Bewegungsübungen, und dann diese Fitness, für die sie besonders dankbar sei: „So gut wie jetzt ist es mir noch nie gegangen.“
Zu dem Team, mit dem sie in Lavenstedt zusammengearbeitet hat, gehörten ein weiterer Grabungshelfer aus Bockel und zwei Studenten der Universität Hamburg. Und dann diese Gespräche bei der Arbeit im lockeren Du, für die trotz aller Konzentration immer wieder Zeit war. Schmunzelnd erinnert sich die Ärztin: Vom Olymp der Wissenschaft reicht der Weg zu der immer wieder wichtigen Frage, „was es denn heute Abend zu Essen gibt“.
Der Handschlag mit der Geschichte, die Begegnung mit dem Alten und Uralten – Luise Knoops Ruhestand hätte kaum erfüllter sein können. Für das Winterhalbjahr hat Dr. Hesse neue Aufgaben für seine ehrenamtliche Mitarbeiterin: Sie wird sich auf den Weg machen und im Bereich Visselhövede Denkmäler kontrollieren. Demnächst wird sie außerdem an einer Grabung im Landkreis Stade mitwirken.
Das Telefon klingelt: Die Tochter, Nautikerin auf dem Frachter „Beluga Constellation“ und gerade auf der französischen Insel Réunion in der Nähe von Madagaskar im Indischen Ozean, möchte mit der Mutter in Visselhövede Sonntagsgrüße austauschen.
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