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„Die neue Oberschule hilft niemandem“

Der SPD-Landtagsabgeordnete Ralf Borngräber im Interview zur Bildungspolitik

„Die neue Oberschule hilft niemandem“

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Rotenburg - Von Wieland BonathIst die Schulpolitik verfahren, auf dem richtigen Weg, oder gibt es vernünftige und realisierbare Vorschläge, um den richtigen Kurs zu finden? Wir sprachen mit dem Rotenburger SPD-Landtagsabgeordneten Ralf Borngräber (50), der aus dem Schuldienst kommt. Borngräber ist Mitglied des Kultusausschusses und gehört dem Petitionsausschuss an.

SPD-Landtagsabgeordneter Ralf Borngräber. Schulpolitik: Viel Papier und wenig brauchbare Ergebnisse? ·

SPD-Landtagsabgeordneter Ralf Borngräber. Schulpolitik: Viel Papier und wenig brauchbare Ergebnisse? ·

Herr Borngräber, Sie waren seit 2004 bis zur Wahl in den Landtag 2008 Schulfachlicher Dezernent bei der Landesschulbehörde. Sind Sie sich bewusst, dass die Schule durch Probieren, Umorganisierung und Umgestaltung inzwischen unüberschaubar und dazu in ihrer täglichen Arbeit immer unbeweglicher zu werden scheint?

Borngräber: Das sehe ich auch so. Man braucht ja mittlerweile ein wissenschaftliches Studium, um allein die Schulstruktur in all ihren Ausprägungen und Eigenarten zu durchschauen. Weniger wäre da viel mehr! Ich will nur erinnern: Abschaffung der Orientierungsstufe, Umbau der Lehrpläne, Verhinderung von Gesamtschulen in der Fläche, Abschaffung der Bezirksregierungen mit daraus folgender Zusatzbelastung der Schulen mit Verwaltungsarbeiten – um nur einige Beispiele zu nennen – nehmen Schulen zunehmend die Luft zum Atmen. Jetzt wird durch die neue Oberschule, die im Übrigen niemandem hilft, die Orientierungsstufe wieder eingeführt.

Was ist Ihr größtes Anliegen?

Borngräber: Wir brauchen ein verständliches System von den Wünschen der Eltern und der Schülerinnen und Schüler her gedacht. Dabei muss gleichzeitig den Bedürfnissen der Landgemeinden Sorge getragen werden. Am liebsten wäre mir der Erhalt einer weiterführenden Schule wenigstens bis Klasse 10 in der Gemeinde. Dabei muss es sich um eine gute Schule handeln, die für alle Kinder Bildungsgänge und Abschlüsse möglichst lange offen hält.

Zu den von der Landtagsmehrheit abgelehnten Verbesserungsvorschlägen der SPD gehört die Schulsozialarbeit. Für die SPD besonders schmerzlich! Warum?

Borngräber: Unsere Gesellschaft verändert sich stetig. Kindheit und Jugend ist heute anders als noch vor 40 Jahre. Wir brauchen sozialpädagogische Professionen an allen Schulen. Dazu gehört insbesondere die Schulsozialarbeit.

Die in der Praxis wie aussehen würde?

Borngräber: Schulsozialarbeit muss Landesaufgabe sein. Sie ist an allen Schulen notwendig. Auch an Grundschulen und Gymnasien! Und: Schulsozialarbeit muss die Aufgabe des Landes bleiben, dass das auch durchgehend zu finanzieren hat. Ärmere Gemeinden könnten sich das gar nicht leisten.

Das Argument, es sei kein Geld in der Kasse, nehmen Sie nicht an?

Borngräber: Ich weiß sehr wohl um die Schuldenbremse und die Probleme aller öffentlichen Haushalte. Es kommt aber immer noch darauf an, wofür man Geld ausgibt, wo Schwerpunkte gesetzt werden. Wenig hilfreich sind da Steuergeschenke à la Mövenpick. Wir müssen dringend auch wieder die Einnahmeseite des Staates in den Blick nehmen.

An was denken Sie dabei?

Borngräber: Der Bund muss dringend zu einer gerechten Steuerpolitik zurückkehren. Sowohl alle Bundesländer als auch Städte und Gemeinden sind abhängig von den steuerpolitischen Beschlüssen des Bundes. Helmut Schmidt war sicher kein Sozialist, aber zu seiner Zeit hatten wir eine gerechte Steuergesetzgebung, hatten wir einen starken Staat, hätten wir, bezogen auf heute, etwa 80 Milliarden Euro mehr im gesamten öffentlichen System. Ich kann mich entsinnen, dass die damalige Steuerpolitik als gerecht empfunden wurde.

Zurück: Die skandinavischen Länder machen uns vor, wie eine vernünftige Schulsozialarbeit auszusehen hat!?

Borngräber: Dem stimme ich vorbehaltlos zu. Von Pisa lernen heißt für mich, von Finnen und Schweden abgucken.

Und was sieht man da?

Borngräber: Man sieht integrativen Unterricht bis Klasse neun beziehungsweise Klasse zehn. Wir sehen eine hohe Abiturquote. Und wir sehen neben Lehrkräften viele andere Professionen, die in und für Schulen arbeiten. Wir sehen auch Förderkonzepte, die mit entsprechenden Lehrerstunden unterfüttert sind. Wir sehen eine differenzierte Unterrichtsmethodik. Und wir sehen vor allem einen frühen gesellschaftlichen Konsens in den nordischen Ländern über deren moderne Bildungspolitik.

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