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„Verfallen Sie nicht in einen Frühförderwahn“

Dr. Renate Zimmer referierte vor rund 100 Eltern in der Neerstedter Aula

„Verfallen Sie nicht in einen Frühförderwahn“

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Neerstedt - Von Tanja Schneider„Wenn Sie nach diesem Vortrag sagen: ‚Weiß ich alles schon!‘ Dann gehen Sie heute Abend mit weniger Synapsen nach Hause, als Sie hergekommen sind“, sagte Dr. Renate Zimmer am Donnerstagabend sehr zum Erstaunen der rund 100 Zuhörer. Unter dem Titel „Toben macht schlau! – Was Kinder durch Bewegung lernen“ referierte sie auf Einladung des Arbeitskreises Prävention in der Neerstedter Aula.

Dr. Renate Zimmer

© ksy

Dr. Renate Zimmer

„Zugegeben, das Thema hört sich provokant an. Soll es auch“, betonte die Erziehungswissenschaftlerin und Professorin für Sportwissenschaft an der Uni Osnabrück. Sie wolle aber keine Generationen heranziehen, die „über Tische düsen“. „Es geht heute darum, wie das Lernen durch Bewegung funktioniert und wie es unterstützt werden kann“, stellte Zimmer klar, die selbst Jahre lang als Lehrerin gearbeitet hat. Kinder seien „aktiv lernende Wesen“. Die Bewegung sei der Ausgangspunkt für das Erfahren und Entdecken der Welt. Dabei käme es auf die ersten Lebensjahre an.

Anhand von Bildern schilderte Zimmer die Prozesse im Gehirn. „Wir kommen schon mit rund 100 Milliarden Nervenzellen zur Welt, sind also bestens ausgestattet“, sagte sie. Die Vernetzung des Gehirns, also die Bildung von Synapsen, sei allerdings davon abhängig, wie die Nervenzellen aktiviert werden. „Und das geschieht durch Bewegung. Greifen führt zum Begreifen“, betonte sie.

Kinder müssen

selbst experimentieren

Die Synapsenbildung beginne in einem Alter von zwei bis drei Monaten und erreiche mit ein bis zwei Jahren ihren Höhepunkt. In dieser Zeit sei es wichtig, dass Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen. „Wenn sie Dinge auf den Boden schmeißen, dann nicht, weil sie ihre Eltern ärgern wollen. Sie experimentieren“, so Zimmer. Wenn eine Rassel herunterfalle, höre es sich schließlich anders an, als wenn ein Pfirsich aufschlage. „Und wenn sie dann noch jemanden finden, der die Sachen immer wieder aufhebt, können sie nach mehreren Versuchen auch einen Unterschied feststellen. Die Rassel bleibt, wie sie war, der Pfirsich nicht.“

Ab dem sechsten Lebensjahr lasse die Synapsenbildung allerdings nach. „Sie befinden sich also schon lange auf dem absteigenden Ast“, verdeutlichte Zimmer. „Aber keine Angst, wir werden nicht dümmer, wir lernen nur anders.“ Kleine Kinder seien an allem interessiert, im Alter werde die Neugierde geringer. Das Gehirn baue die Synapsen ab, die es nicht benötige. „Statt vieler kleiner Verästelungen haben wir Autobahnen im Gehirn“, sagte die Verfasserin von mehr als 35 Büchern zu den Themen Entwicklungsförderung, bewegtes Lernen und Psychomotorik.

Habe man früher geglaubt, dass das Gehirn bis zum sechsten Lebensjahr ausgereift ist, sei heute bewiesen, dass sich Synapsen im hohen Alter neu bilden können. Auch ein 71-Jähriger könne lernen, wenn er Neues ausprobiere und dafür offen sei. „‚Use it or lose it‘ ist hier das Motto“, so Zimmer. Laut Studien funktioniere das am besten durch Bewegung. „Die hält den Geist fit.“

Aber wie können die Eltern nun ihre Kinder unterstützen? Mit viermal die Woche Sport? Oder Englischunterricht im Kindergartenalter? „Verfallen Sie bloß nicht in einen Frühförderwahn“, warnte Zimmer. Sie bedauerte, dass Bildung inzwischen wie eine 100-Meter-Bahn sei – je schneller man durchlaufe, desto besser. Was auf der Strecke bleibe, sei ein Stück Kindheit. „Dabei ist sie kurz, und zum Altwerden haben wir noch jede Menge Zeit“, sagte sie. Natürlich befänden sich Eltern oft in einem Zwiespalt, die Kinder sollen mithalten können. Wichtig sei zu differenzieren: Wann ist etwas sinnvoll fürs Gehirn, und wann braucht ein Kind Muße und Zeit zum Spielen? Das sei die Kunst.

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