Hoya - „Mathe hab‘ ich nicht vermisst. Aber Lesen. Und meine Freunde und meine Lehrerin. Es war so schön, sie wiederzusehen“, sagt Esther Bao Ngoc und strahlt. Langsam kehrt bei Familie Nguyen wieder Alltag ein. Gestern ging die neunjährige Tochter zum ersten Mal seit drei Monaten in die Schule, ihr Bruder Andre Bao An konnte im Kindergarten endlich wieder mit seinen Freunden Justin und Pascal eine Ritterburg bauen.

© ksy
Ihre Freundinnen Viktoria (links), Duyen (2.v.l.) und Celina (rechts) nahmen Esther bereits vergangene Woche Dienstag am Flughafen in Hannover in Empfang.
Am 8. November 2011 waren die beiden Kinder mit ihren Eltern nach Vietnam abgeschoben worden, vergangenen Dienstag kamen sie nach Hoya zurück (wir berichteten). „Wir wussten lange Zeit nicht, was in der Zukunft passiert. Jetzt ist der Stress weg“, meint Familienvater Min Tuong. „Wir sind so glücklich wie noch nie.“
Entsprechend gelöst ist die Stimmung im Hause Nguyen. Der kleine Andre tobte gestern gut gelaunt durch die Wohnung, während Esther den frühen Nachmittag mit lernen verbrachte – schließlich muss sie drei Monate Unterrichtsstoff nachholen. Am Morgen stand in der Grundschule aber die Wiedersehensfreude im Mittelpunkt: Lehrerin Undine Tietjen hatte mit ihrer Klasse eine kleine Feier vorbereitet und Willkommensplakate aufgehängt. Die Kinder frühstückten zusammen, und in der Pause spielte Esther mit ihrer besten Freundin Celina. „Das war sehr schön“, erzählt das Mädchen.
Die Vietnamesen genossen es, wieder mit der ältesten Tochter Ngoc Lan (20) zusammen zu sein, die als einzige in Deutschland hatte bleiben dürfen. „Es war so schön, meine Schwester wiederzusehen“, sagt Esther. Zeit nahm sich die Familie auch für ihre Freunde und den Unterstützerkreis – und für Weihnachten.
„Das war gut“, sagt Andre und holt eine Tasse mit einem Motiv aus dem Kinofilm „Cars 2“, die für ihn unterm Christbaum lag. Er stellt sie auf den Wohnzimmertisch, neben Esthers Buch „Amor im Urlaub“ und einen Stapel mit Papieren und vietnamesischen Pässen. Auf dem Tisch steht auch eine kleine Schale mit Steinen. „Mut“, „Glück“, „Liebe“, „Vertrauen“ und „Freude“ steht darauf.
So ganz können die Nguyens ihr Glück noch immer nicht fassen: „Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Leute zum Flughafen kommen“, meint Min Tuong und legt die linke Hand auf sein Herz. „Da habe ich geweint.“ Seine Frau Thi Sang muss lachen, als sie an die Zeit in Vietnam zurückdenkt: „Nach zwei Tagen haben Andre und Esther gesagt: ,Hol unsere Betten aus Deutschland‘. Nun können sie wieder darin schlafen.“ Ein anderer Wunsch blieb jedoch unerfüllt: Esther wollte, dass ihre Eltern ein Haus kaufen. „Ich find‘s aber besser, wieder in Hoya zu sein, als ein Haus in Vietnam zu haben“, betont sie.
Auch in den nächsten Tagen hat die Familie einiges vor. Noch immer befinden sich zu viele volle Kisten und leere Schränke in ihrer Wohnung. Am Donnerstag gibt es einen Dankgottesdienst in Hoya, Freitag steht dann der Frühlingsempfang des Kirchenkreises an. Und am Montag nimmt Min Tuong seine Arbeit bei der Baumschule Krebs in Hoyerhagen wieder auf. „Ich freue mich sehr“, sagt er. „Ich werde unruhig, wenn ich zu Hause sitze und nicht arbeite.“ · mah
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