HOYA - Von Mareike Hahn. „Ich bin sprachlos“, sagt Ngoc Lan Nguyen. Sie wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel und lächelt. Große Worte sind auch nicht nötig – der 20-Jährigen aus Hoya ist das Glück auf den ersten Blick anzusehen. Gestern konnte sie ihre Eltern Min Tuong und Thi Sang sowie die zwei jüngeren Geschwister Esther Bao Ngoc und Andre Bao An endlich wieder in die Arme schließen.

Videobeschreibung (+Laufzeit oder Datum siehe Original).
Die Familie war im November nach Vietnam abgeschoben worden, nur Ngoc Lan blieb in Deutschland (wir berichteten). Doch nach einer Welle des Protests durften die Nguyens zurückkommen. Heute Nachmittag landeten sie auf dem Flughafen in Hannover.
Die Vietnamesen sind sichtlich überwältigt, als ihre Tochter sowie etwa 40 Freunde und zig Pressevertreter sie dort mit bunten Luftballons, Blumen und Blitzlichtgewitter erwarten. Freudentränen fließen reichlich, und immer wieder stammelt Ngoc Lan: „Ich bin so glücklich.“
Seit dem 8. November vergangenen Jahres hatte die 20-Jährige ihre Eltern und Geschwister nicht mehr gesehen. Entsprechend aufgeregt und voller Vorfreude ist Ngoc Lan bereits auf dem Weg nach Hannover, den sie zusammen mit etwa 40 Unterstützern ihrer Familie in einem Bus zurücklegte. Darunter auch drei Freundinnen der achtjährigen Esther. „Es war doof und traurig, als Esther wegmusste“, sagen Celina, Victoria und Duyen und sprechen der ganzen Gruppe aus der Seele.
„Ich bin sehr, sehr froh“, sagt Familienvater Min Tuong ein paar Minuten danach in einer Pressekonferenz. Wie ist es den Nguyens in Vietnam ergangen? „Es war schön, die Familie wiederzusehen. Aber das Leben in Vietnam ist so anders, wir können uns dort nicht einfach einleben.“
Ngoc Lan ergreift das Wort. „Am Telefon hat mir meine Mutter gesagt, dass es ihr so weh getan hat, dass ihre Kinder zu Hause bleiben mussten. Sie durften drei Monate nicht in die Schule“, erzählt sie mit tränenerstickter Stimme. „Mein Vater hat sich immer Vorwürfe gemacht, dass er uns keine Zukunft bieten kann. Dabei ist er der beste Vater der Welt.“ Sagt‘s und fällt ihm um den Hals.
Kurze Zeit später findet die 20-Jährige ihre Fassung wieder. „Ich kann Gott nur danken, dass er uns Menschen geschickt hat, die immer an unserer Seite gestanden haben.“ So wie die Vorsitzende des Kirchenvorstands, Renate Paul, „die die schönsten und die schlechtesten Stunden in unserem Leben miterlebt hat“. Und die sich gestern ebenfalls sehr erleichtert zeigt. „Als ich heute Morgen den Anruf bekam, dass die Familie in Frankfurt zwischengelandet ist, da ist die Anspannung von mir abgefallen. Ich dachte: Jetzt sind sie in Deutschland, jetzt kann nichts mehr passieren.“
Vom „Wunder von Hoya“ spricht Pastor Andreas Ruh. 19 Jahre hangelte sich Familie Nguyen von einer Bleiberecht-Bewilligung zur nächsten, vor sechs Jahren musste sie sogar ins Kirchenasyl flüchten – jetzt endlich sei der Kampf zu Ende und Verzweiflung neuem Mut gewichen.
Für die Heimkehr der Hoyaer hatte sich auch Bundestagsabgeordneter Axel Knoerig (CDU) eingesetzt, der sich gestern dem Empfangskomitee im Bus anschloss. Die Rückkehr der Nguyens sei einzigartig. Sie läutet nach Knoerigs Willen eine neue Ära in Sachen Ausländergesetz ein. „Wenn jemand 19 Jahre hier lebt und voll integriert ist, muss die Menschenvernunft gewinnen und nicht de jure entschieden werden“, betont er und verspricht, sich im Bundestag dafür einzusetzen, den „Fehler im System“ zu beheben.
Auch laut Landtagsmitglied Helge Limburg (Grüne) darf sich solch ein „unwürdiges Schauspiel“ nicht wiederholen. Hier sei auch das Land Niedersachsen gefragt, das die Härtefallkommission zu restriktiv auslege. Limburg kritisiert, dass sich die Kommission nicht mit dem Schicksal der Familie befasst habe. In die gleiche Kerbe schlägt Hoyas Bürgermeisterin Anne Wasner: „Die Gesetzgebung muss sich ändern, und in den Köpfen der Menschen muss sich etwas ändern.“
Immer wieder bangen ausländische Familien in Deutschland um ihre Zukunft, für die Nguyens sind die nächsten drei Jahre indes gesichert: Sie haben eine Aufenthaltsgenehmigung und damit wesentlich mehr Freiheiten als zu Zeiten den Bleiberechts. „Wir dürfen jetzt sogar mal wegfahren“, freut sich Ngoc Lan, die hofft, dass sie und ihre Lieben irgendwann sogar deutsche Pässe in den Händen halten werden.
Aber zunächst haben die Nguyens einiges nachzuholen – zum Beispiel das Weihnachtsfest. Der Unterstützerkreis begleitet die Familie nach Hause, wo ein geschmückter Christbaum und vor allem die Geschenke darunter sofort die Aufmerksamkeit des sechsjährigen Andre wecken. Während sein Vater sich fast ein wenig erstaunt in seinem neuen alten Zuhause umguckt, hüpft der Junge ungeduldig auf der Stelle: „Darf ich jetzt die Geschenke auspacken?“
Zusammen mit ihren Freunden lassen die Nguyens den „wundervollen Tag“ ausklingen. Ngoc Lan ist sicher: „Jetzt fängt ein neues Leben an.“
Rubriklistenbild: © dpa
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