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Zeitzeuge Wolfgang Reiche schilderte seine atemberaubende Flucht als 17-Jähriger aus der DDR

Kletterhilfen für den Grenzzaun gebastelt

117.11.09|Bassum/Twistringen|Bassum/Twistringen|
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Artikel: Kletterhilfen für den Grenzzaun gebastelt

Bassum - BASSUM (bbk) · Es war der 6. Oktober 1964, als der damals 17-jährige Wolfgang Reiche seine lange geplante, bis ins Detail vorbereitete Flucht aus der DDR begann. Auch seinen Eltern und Geschwistern hatte er nichts von seinem riskanten Vorhaben erzählt, niemanden eingeweiht. Der heute 62-Jährige war am Wochenende als Zeitzeuge Gast der Volkshochschule (VHS) zum Mauerfall im Bassumer Vorwerk.

Seine fast unglaubliche und äußerst spannende Fluchtgeschichte als 17-Jähriger aus der DDR umrahmte Wolfgang Reiche mit einer Power-Point-Präsentation.

Seine fast unglaubliche und äußerst spannende Fluchtgeschichte als 17-Jähriger aus der DDR umrahmte Wolfgang Reiche mit einer Power-Point-Präsentation.

Reiche, 1947 als ältester Sohn von eher westlich eingestellten Eltern in einem kleinen Dorf bei Gotha geboren, beugte sich nach außen dem herrschenden DDR-Regime. Am 12. August 1961 unternahm die Familie einen Besuch in Ostberlin, um gut vorbereitet auszureisen. Die folgende Nacht verbrachte sie in Potsdam, um danach, völlig neu eingekleidet, nach Westberlin zu fahren. Daraus wurde allerdings nichts. Um Mitternacht hatte die DDR damit begonnen, die Grenze dicht zu machen und eine Mauer zu bauen.

Nach dem gescheiterten „Fluchtversuch“ kehrte Familie Reiche ins Heimatdorf zurück. „Unser Vorhaben ist seinerzeit von niemandem bemerkt worden, so dass man weitgehend unbehelligt weiterleben konnte“, berichetet Reiche. Doch bei dem 17-Jährigen reifte ein Fluchtplan, den er vom 6. auf den 7. Oktober 1964 in die Tat umsetzte.

Stunden an der Demarka-tionslinie bei Ilfeld, der waghalsige Grenzübertritt bis zur Gewissheit „Ich bin im Westen“ – das war an Spannung nicht zu übertreffen.

„Ich war durch Berichte davon überzeugt, dass an der Stelle der Demarkationslinie am Fuße des Harzes keine Minen vergraben waren, dass das steinige Gelände die todbringenden Sprengkörper nicht ungesehen zugelassen hat“, erinnerte sich Reiche, der sich zum Überklettern des drei Meter hohen Maschendraht-zaunes Kletterhilfen gebastelt hatte. Danach ging es in eine Senke, die ihm durch dichten Morgennebel großen Sichtschutz bot.

Obwohl er in den frühen Morgenstunden des 7. Oktober 1964 durch das Berühren eines Fangseiles eine Leucht rakete auslöste und DDR-Grenzer daraufhin von ihren Schusswaffen Gebrauch machten, gelangte Wolfgang Reiche unversehrt in den Westen.

Der VHS-Zeitzeuge schilderte seine Erlebnisse im Bassumer Vorwerk so anschaulich und plastisch, dass sich die Zuhörer gleichsam an seiner Stelle wähnten.

Interessant waren dabei auch die Gründe des heute 62-Jährigen für seine Flucht. Er nannte dabei seine Suche nach der Wahrheit, die Schießübungen als vormilitärische Ausbildung während der Schulzeit, die Diskrepanz zwischen dem erklärten Friedensstaat und der unglaublichen Aufrüstung, der gescheiterte Fluchtversuch mit der Familie, die Unerfüllbarkeit seines Ausbildungswunsches zum Radio- und Fernsehtechniker sowie das behütete Leben innerhalb der Familie, das ihm keinen Raum zur Selbstentfaltung ließ, ebenso Minderwertigkeitsgefühle und die vergebliche Suche nach Anerkennung bei seinen Mitschülern. Wolfgang Reiche war zu der Zeit eher ein introvertierter Einzelgänger. Gründe genug, die riskante Republikflucht zu wagen.

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