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Zwischen den Polen gewabert

„Polar Bears“: Am Oldenburgischen Staatstheater übernehmen dunkle Kräfte das Kommando

Zwischen den Polen gewabert

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Von Johannes Bruggaier OLDENBURG · Nord- und Südpol, Mann und Frau, rechts und links: Die Welt, in der wir leben, ist voller Gegensätze. Das ist für uns Menschen vorteilhaft, weil die allgegenwärtige Polarität uns Orientierung bietet. Das ist aber auch gefährlich, weil wir dabei vergessen können, dass es zwischen vorne und hinten, oben und unten noch jede Menge Zwischenraum gibt – keinesfalls aber eine unumstößliche Wahrheit.

Wenn es wieder dunkel wird: Kay (Anna Steffens) ist Mädchen und Ungeheuer zugleich. Mark Haddons Stück „Polar Bears“ ist zurzeit am Oldenburgischen Staatstheater zu sehen. ·

© Foto: Etter

Wenn es wieder dunkel wird: Kay (Anna Steffens) ist Mädchen und Ungeheuer zugleich. Mark Haddons Stück „Polar Bears“ ist zurzeit am Oldenburgischen Staatstheater zu sehen. ·

„Polar Bears“ heißt Mark Haddons Stück, das am Donnerstagabend im Oldenburgischen Staatstheater seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte. Um Polaritäten, heißt es im Programmheft, soll es darin auch gehen: um das „Denken in binären Oppositionen“ und um die „Positionen, Blickwinkel, Möglichkeiten“, die zwischen diesen entgegengesetzten Polen „wabern“. Das hört sich erstens luftig und abstrakt an, zweitens alles andere als neu. Ganz schön mutig, daraus ein konkret fassliches Bühnenstück konstruieren zu wollen, zumal Haddon zu allem Überfluss auch noch mit dem Ende beginnt und zwischendurch die zeitliche Abfolge seiner Handlung gehörig durcheinander wirbelt.

So erfahren wir gleich zu Beginn, dass der etwas biedere Philosophie-Dozent John (Sebastian Herrmann in Lehrerkluft mit Flanellhemd und grauem Sakko) seine Ehefrau Kay umgebracht hat. Er erzählt es in aller Aufgeregtheit eines braven Bürgers, der unversehens zum Mörder geworden ist. Und er erzählt es zugleich in aller Unaufgeregtheit eines Mannes, der seine Tat als zwangsläufiges Ergebnis eines langen Prozesses begreift. Ihm gegenüber sitzt der Adressat dieses Geständnisses, Kays Bruder Sandy (Bernhard Hackmann). Ein van Gogh mit rotem Haar und Vollbart, fassungslos angesichts der Nachricht, eilig darum bemüht, die Polizei zu rufen.

Zweite Szene, andere Zeit: Auf der stets leeren – mitunter nur durch halbtransparente Trennwände verengten – Bühne (Thomas Drescher) werden wir Zeuge einer komplizierten Kontaktaufnahme. Der steife Philosoph John stellt sich mit Blumenstrauß bei der Mutter seiner Zukünftigen vor (Wieslawa Wesolowska als Margaret). Dabei erfährt er, dass es nicht leicht werde, das Leben mit der jungen Kay. Dunkle Kräfte hätten sich nämlich ihrer bemächtigt, warnt die alte Margaret. Depressionen, Suizidversuche, Selbstüberschätzung: In manchen Phasen lasse sie niemanden an sich heran. Der Grund des späteren Mordes wird erahnbar.

Tatsächlich lernen wir Kay (Anna Steffens) als eine höchst wechselhafte Persönlichkeit kennen, als eine junge Künstlerin, die Fiktion und Realität nicht recht voneinander zu trennen vermag. Mal jauchzt sie himmelhoch über die bevorstehende Publikation eines von ihr illustrierten Kinderbuchs. Mal schmeißt sie sich wie vom Teufel besessen auf den Boden und verbittet sich jede Annäherung. Dann wieder fleht sie John auf den Knien um Verzeihung an, fragt, ob er sie denn weiter lieben werde: „Auch wenn es wieder dunkel wird?“ So geht das bis zum Schluss.

Es sind laut Programmheft zwei Wahrheiten, die sich in diesem Zustand treffen. Einerseits das heile Familienglück eines treuen Ehemanns und seiner schönen Frau, die sich an ihrer eigenen Kreativität erfreut. Andererseits die Beziehungshölle mit Ehekrach, Psychotrips und Suizidversuchen.

Regisseur K.D. Schmidt inszeniert das sehr finster mit psychodelischen Klangelementen und fahlem Licht. Was daraus zu lernen ist, bleibt dabei aber offen. Ein Märchen soll so etwas wie eine Bedienungsanleitung zu diesem Nachtstück bieten, Kay trägt es irgendwo zwischen all diesen Szenen lang und breit vor. Es handelt von einem Zwillingspaar; ein Mädchen, ein Ungeheuer und damit die Parabel auf Kays gespaltene Persönlichkeit. Zu erfahren ist, dass sowohl das Mädchen zugleich ein Ungeheuer ist als auch das Ungeheuer seinerseits ein Mädchen. Doch was in der Prosa eine reizvolle Persönlichkeitsstudie ergeben mag, erweist sich auf der Bühne als ermüdender Vortrag.

Man mag irgendwann nicht mehr recht nachdenken über das Ziel dieser schwer psychologisierenden Szenencollage: nicht über die familiären Ursachen für Kays seelische Erkrankung, nicht über Johns Motivation für diese Beziehung und nicht über „Jesus“, den wiederholt unvermittelt auftauchenden Alt-Hippie im Schlabbermantel (Thomas Lichtenstein). Das liegt ganz bestimmt nicht an Anna Steffens durchaus überzeugender Synthese aus Selbsterhöhung einerseits und Selbstzerstörung andererseits. Schon eher liegt es an Sebastian Herrmanns allzu biederer, mithin holzschnittartiger Interpretation eines Philosophie-Dozenten. Noch mehr liegt es an einer Regie, die das Theater nicht als Medium der Aufklärung begreift, sondern im Gegenteil mit diffus atmosphärischen Effekten von den dramaturgischen Unklarheiten abzulenken hofft. Ganz bestimmt aber ist die Ursache in einer Textvorlage zu finden, die dem transitorischen Charakter einer Bühnenproduktion nicht gerecht wird.

Weitere Vorstellungen: am 22. Februar sowie am 2. und 9. Februar, jeweils um 20 Uhr im Oldenburgischen Staatstheater.

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