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Wagner bleibt in der Garderobe

Barrie Kosky über seine „Rheingold“-Inszenierung und das Unbehagen am Bayreuth-Kult

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Hannover - Von Jörg Worat(Eig. Ber.) · Ein Hurrikan ist unterwegs. Allerdings tobt er sich nicht im Freien aus, sondern fegt mit atemberaubender Geschwindigkeit durch die Lobby eines Hotels hinter dem Hauptbahnhof, direkt ins Restaurant. „Ich muss was essen“, sagt der Hurrikan, der kurzgeschnittene Haare, einen ebensolchen Bart und ein Augenbrauenpiercing trägt.

Der Herr der Ringe und des „Rings“: Regisseur Barrie Kosky inszeniert in Hannover Richard Wagner.

Der Herr der Ringe und des „Rings“: Regisseur Barrie Kosky inszeniert in Hannover Richard Wagner.

Er heißt Barrie Kosky, ist Australier mit Wohnort Berlin und holt an Hannovers Oper nun zum ganz großen Streich aus: In den nächsten zwei Jahren wird Kosky Richard Wagners kompletten „Ring des Nibelungen“ inszenieren. Start ist am 14. November mit der „Rheingold“-Premiere.

Temperamentvoll wirkt der 42jähnrige, der 2012 die Leitung der Komischen Oper Berlin übernimmt. Und eigenwillig, wie gleich zu Beginn des Gesprächs deutlich wird, als er berichtet, dass Hannovers Intendant Michael Klügl ihm vor rund zwei Jahren den „Ring“ vorgeschlagen habe: „Ich wollte erst einmal darüber nachdenken“, sagt er über das Angebot, für das andere Regisseure mittelschwere Verbrechen begehen würden. Ein ausgesprochener Wagner-Fan ist Kosky nämlich keineswegs: „Ich mag ‚Tristan und Isolde’, das ist wirklich eine große Liebesgeschichte. Ich mag den ‚Fliegenden Holländer’. Und ich mag den ‚Ring’. Aber alle anderen Opern von Wagner finde ich schlecht. Und ich kann gar nichts mit dem Kult um seine Person anfangen, mit Bayreuth zum Beispiel.“

Überhaupt wird deutlich, dass Kosky und Wagner bei einer persönlichen Begegnung wohl kaum gute Freunde geworden wären: „Er war hinter den Frauen her und hat die Männer ausgenutzt. Und sein Antisemitisimus wird auch in den Opern immer wieder deutlich. Alberich und Mime zum Beispiel sind Karikaturen von Juden.“ Ein Thema, bei dem Kosky, selbst Jude, äußerst empfindlich reagiert. Fazit: „Es gab ja Regisseure, bei deren Interpretationen die Person Richard Wagner im Vordergrund stand. Bei uns hat er auf der Bühne nichts zu suchen. Der bleibt in der Garderobe.“

Es hat andere Gründe, weshalb Kosky sich letztlich doch für den „Ring“ entschieden hat: „Einer davon ist, dass ich mit dem hannoverschen Ensemble schon gut zusammengearbeitet habe. Und mich interessiert die Handlung sehr, diese dunkle Familiensage mit all den unterschiedlichen Beziehungsgeschichten.“ Wer übrigens auf ein antikisierendes Götterdrama wartet, liegt völlig daneben: „Es wird eine heutige Geschichte. Und die Götter sind bei uns sehr menschlich.“

Vier Opern von größtenteils beträchtlicher Länge – hat Kosky jetzt schon ein übergeordnetes Konzept? Dieses Wort erweist sich als unbeliebt: „Ich gehe nicht von ,Konzepten’ aus. Das existiert so nur im deutschen Sprachraum. Natürlich habe ich am Anfang Ideen. Und welche davon brauchbar sind, stellt sich dann in der Zusammenarbeit heraus. Wir fangen jetzt mit dem ‚Rheingold’ an, auf einer Straße zu wandern. Und diese Straße führt zu einem Dorf, das heißt ‚Walküre’. Dann kommt eines namens ‚Siegfried’ und am Schluss ein ganz großes namens ‚Götterdämmerung’.“

Mittlerweile hat der Hurrikan sich eine Tomatensuppe nebst Chef-Salat einverleibt und gibt ebenso freundlich wie bestimmt zu verstehen, dass in absehbarer Zeit die Probenarbeit beginnt. Es bleibt aber noch Zeit für ein paar Fragen zum Privatleben. In einer festen Beziehung lebt der Regisseur zur Zeit nicht, der aus seiner Homosexualität kein Hehl macht: „Ich bin Jude, ich bin schwul, und beides hat großen Einfluss auf mein Leben.“

Zu Koskys Leidenschaften gehört das Lesen; gern sind es mehrere Bücher zugleich, momentan etwa die Charles-Dickens-Novelle „Barnaby Rudge“ und eine Biographie über den Philosophen Baruch Spinoza. Nicht zu vergessen die Spaziergänge mit dem Hund, der auf den schönen Namen „Blumfeld“ hört – das ist eine Figur bei Franz Kafka.

So auskunftsfreudig Barrie Kosky in persönlichen Dingen ist, so bedeckt hält er sich bei Fragen nach konkreten Einzelheiten seiner „Ring“-Inszenierung. Um dann aber doch dies zu verraten: „Wir fragen uns: Was ist das, der Rhein? Was ist das, das Gold? Wie zeigt man Riesen, wie bringt man die Ur-Mutter auf die Bühne? Und ich kann versprechen, dass die Besucher Bilder erleben werden, die sie noch nie zuvor gesehen haben.“

Premiere morgen um 19.30 Uhr in der Staatsoper Hannover.

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