Superbanner

Vorhang zu, keine Fragen offen

Frank-Patrick Steckel wird im Bremer Theaterlabor theoretisch und gibt Antworten bis zum Abwinken

Vorhang zu, keine Fragen offen

    • recommendbutton_count100
    • 3
    • 0

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Theaterregisseur muss man nun wirklich nicht werden. Da stellt man sein Leben lang immer nur Fragen: Ist der Mensch gut? Leben wir richtig? Ist unsere Gesellschaft gerecht?

Das Lehrpersonal: Frank-Patrick Steckels Schauspieltruppe verkündet die Lehre des Sozialismus 2.0.

Das Lehrpersonal: Frank-Patrick Steckels Schauspieltruppe verkündet die Lehre des Sozialismus 2.0.

Doch statt schuldbewusster Einsichten sieht man im Publikum bloß selbstgefälliges Nicken. Frank-Patrick Steckel kennt diese nutzlose Fragerei aus leidvoller Erfahrung. In den Siebzigern fragte er erst in Berlin, später in Bremen. Er fragte in Bochum und in Köln. Er fragte in Wien, in Bonn und in Mannheim. Und was tat sein Publikum in all den Jahren? Frönte weiter seinem Konsumrausch, las die „Bild“ und wählte CDU. Jetzt reicht es Steckel. Im Bremer Theaterlabor gibt er Antworten: „Rein theoretisch“. Damit auch der Letzte endlich versteht, was Sache ist.

Er, der Letzte, bekommt einen Platz auf der Bühne zugewiesen. Das ließe sich als freundliche Geste verstehen, handelte es sich dabei um eine klassische Guckkasten-Konstruktion. In der Concordia allerdings befindet sich die Spielfläche für gewöhnlich am unteren Ende einer steilen Tribüne. Und von eben dieser lassen nun 21 Akteure strengen Blickes einen Antwort-Schwall auf die Besuchergemeinde herniederregnen, während links und rechts riesige Transparente von den Wänden herab verkünden: „Kapitalismus ist scheiße!“ Und: „Stopp den Castor!“ Da fühlt sich der Letzte ganz klein.

Oben, auf der Tribüne, hat man es sich an 21 Tischen mit 21 Schreibtischlampen und 21 Laptops eingerichtet: „Berater“-Utensilien, laut Ankündigung. Doch beraten will niemand an diesem Abend. Vielmehr: belehren. Mal einzeln, mal chorisch. Zum Beispiel darüber, dass „die Arbeitgeber die Macht haben“ und sie diese auch behalten, „wenn wir uns nicht wehren“. Darüber, dass die Milleniumsziele der UN nicht erreicht worden sind. Und darüber, dass Deutschland seine Entwicklungshilfe zurückgefahren hat. Alles ganz schlimm und alles ein Skandal. Aber wie das mit Antworten so ist: irgendwie alles auch nur eine Wahrheit von vielen. Dass afrikanische Ökonomen die Entwicklungshilfe im Interesse ihres Kontinents am liebsten ganz abgeschafft sähen, möchte man zaghaft einwenden – doch schon kommt die nächste „Antwort“ angerauscht.

Die Wiederinstandsetzung der durch Raubbau beschädigten Erde, rechnet man vor, käme uns mit 187 Milliarden Dollar teuer zu stehen. Allerdings: Sage und schreibe 1 539 Milliarden Dollar ließen sich die Nationen dieser Welt ihre Verteidigungshaushalte kosten. Da zweifelt der Letzte, ob er das jetzt richtig verstanden hat. Hat die Weltrettung also noch Zeit, weil sich – für den Fall der Fälle – unser Planet mit ein paar Kriegen weniger schon flicken ließe?

Es ist ja nicht alles falsch, was da anklagend herunter dröhnt. Die Marktmechanismen des globalen Fischfangs etwa. Da erkauft sich die europäische Industrie die Lizenzen für Senegals Küste mit läppischen zwölf Millionen Euro: Damit der Bremer Supermarktkunde seine Shrimps zu Spottpreisen erhält, muss der afrikanische Fischer seinen Job an den Nagel hängen. Man weiß das nicht erst seit den Filmen Erwin Wagenhofers oder der Wachstumskritik Meinhard Miegels. Allein auf die Frage nach einer Lösung des Problems mag das Ensemble keine Antwort finden. Denn nicht böse Millionäre verspeisen den Billig-Fisch, sondern der Discounter-Kunde um die Ecke: Das aber passt nicht ins Weltbild.

Die Dozentenschar schlägt bald abenteuerliche Volten, fordert eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit auf 27 Stunden, will das Wochenende ausweiten. Vielleicht gar nicht mehr arbeiten? Nur noch Geld abholen? Gewiss, auch das: Grundeinkommen für alle, bedingungslos. Damit der Kopf frei ist für die wirklich wichtigen Dinge im Leben, damit auch der Arbeiter am Fließband endlich wieder zur lange ersehnten Kant-Lektüre kommt.

Wie auch immer: Schuld sind die da oben, der kleine Mann auf der Straße jedenfalls nicht. Und weil es sich bei den Ensemblemitgliedern um arbeitssuchende Schauspieler handelt, sind sie praktischer Weise von lästiger Selbstkritik befreit.

Verständnisfördernd wäre allerdings, wenn der Forderung nach Grund-Einkommen Grund-Lagen gegenüber stünden: elementare Voraussetzungen für professionelles Schauspiel. Schließlich will man am Theaterlabor, auch von der Kritik, als Kandidat für den Profibetrieb ernst genommen werden. In der Concordia aber steigt die Souffleuse stellenweise zur Nebendarstellerin auf, ein Akteur ist auf das Zuflüstern – nein: Zubrüllen – jedes zweiten Satzes angewiesen. Und das in einer Produktion des akribischen Textarbeiters Frank-Patrick Steckel. Es ist die ernüchterndste Antwort an diesem Abend.

Weitere Vorstellungen: heute und morgen, 20 Uhr, in der Bremer Concordia.

zurück zur Übersicht: Lokal

  • BlinkList
  • del.icio.us
  • Folkd
  • Furl
  • Google
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • oneview
  • Yahoo MyWeb
  • YiGG
  • Webnews
Diese Seite bookmarken bei...

Kommentare

Facebook 'Like Box' wird geladen... Inhalt wird geladen - Downloadanzeige

http://www.facebook.com/pages/Kreiszeitung-Syke/146798206489300truefalsefalse

Leserbriefe

Sie möchten einen Leserbrief an uns senden? Dann senden Sie bitte eine mail an:

Fotostrecke Kultur

Google Doodle: Das Logo als Spiegel des Tages

weitere Fotostrecken:

Ihre Veranstaltung im Internet

Veranstaltung melden

Melden Sie uns Ihre Veranstaltung, die wir in unserem Kalender schnell, unkompliziert und kostenlos veröffentlichen!

Kultur

Die Schwankhalle nimmt sich den gesellschaftlichen Wandel vor und freut sich auf das erste „Outnow!“-Festival mit dem Theater Bremen

Enten, Tulpen und entsicherte Waffen

Bremen - Von Johannes Bruggaier - Die Bremer Schwankhalle bekommt eine neue Geschäftsführerin, und deren Job hat es in sich. Es gehe nämlich um nichts weniger als „die Waffe scharf zu machen“, erklärt die künstlerische Leiterin Anja Wedig bei der Vorstellung der neuen Spielzeit am Dienstag.Mehr...

Durch den Sand gezogen

Durch den Sand gezogen

Hannover - Von Jörg WoratDie Wüste lebt. Zumindest im Schauspielhaus Hannover: Dort hat Bühnenbildner Jo Schramm ein raffiniertes Setting aus Sand und Spiegeln installiert – geht es bei „Lawrence von Arabien“ doch ins Morgenland. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner kündigen ihre Inszenierung als „Projekt“ an, und wer schon bei diesem Begriff misstrauisch wird, konnte sich bei der Uraufführung bestätigt sehen.Mehr...

Für Geister keine Zukunft

Für Geister keine Zukunft

Bremen - Von Johannes BruggaierDas Volk hat das Sagen im Bremer Schauspielhaus. Erstmals seit Jahrzehnten ist das starre System der Guckkastenbühne aufgebrochen, das Publikum sitzt nun nicht allein frontal, sondern auch links und rechts des Geschehens. „Die Orestie“ vollzieht sich also auf einem zikkuratförmigen Aufbau mitten unter uns Bürgern, und dem Demos ist es auch vorbehalten, sein Urteil zu fällen.Mehr...

Sudoku

Sudoku Spiel auf kreiszeitung.de

Boulevard

Joan Baez ist von Obama enttäuscht

Joan Baez ist von Obama enttäuscht

Berlin - Auf die Begeisterung folgte die Ernüchterung: Die amerikanische Sängerin Joan Baez hat die Politik des US-Präsidenten Barack Obama scharf kritisiert.Mehr...

Channing Tatum arbeitete als Stripper

Channing Tatum zog sich für Geld aus 

New York - Bevor US-Schauspieler Channing Tatum (32) in Hollywood Karriere machte, verdiente er seinen Lebensunterhalt auch mit Strippen.Mehr...

Bushido heiratet Anna-Maria Lagerblom, Sarah Connors Schwester

Hier heiratet Bushido Sarah Connors Schwester

Berlin - Bushido hat auch eine romantische Seite: Ganz bürgerlich hat der Rüpel-Rapper am Mittwoch die jüngere Schwester von Sarah Connor geheiratet.Mehr...

Artikel lizenziert durch © kreiszeitung
Weitere Lizenzierungen exklusiv über http://www.kreiszeitung.de

Neues Passwort zusenden

Bitte geben Sie ihre E-Mail Adresse an, wir senden Ihnen ein neues Passwort zu.

Bitte warten

Es wird etwas gemacht.

  • recommendbutton_count100
Schließen

Druckvorschau

Artikel:

Schließen

Artikel Empfehlen

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!

Fehleranzeige ausblenden

Es sind Fehler aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.

Fehleranzeige ausblenden

Schwere Fehler sind aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.

  • Fehlertext

Achtung!

  • Fehlertext

Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.

SkyScraper