Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Theaterregisseur muss man nun wirklich nicht werden. Da stellt man sein Leben lang immer nur Fragen: Ist der Mensch gut? Leben wir richtig? Ist unsere Gesellschaft gerecht?

Das Lehrpersonal: Frank-Patrick Steckels Schauspieltruppe verkündet die Lehre des Sozialismus 2.0.
Doch statt schuldbewusster Einsichten sieht man im Publikum bloß selbstgefälliges Nicken. Frank-Patrick Steckel kennt diese nutzlose Fragerei aus leidvoller Erfahrung. In den Siebzigern fragte er erst in Berlin, später in Bremen. Er fragte in Bochum und in Köln. Er fragte in Wien, in Bonn und in Mannheim. Und was tat sein Publikum in all den Jahren? Frönte weiter seinem Konsumrausch, las die „Bild“ und wählte CDU. Jetzt reicht es Steckel. Im Bremer Theaterlabor gibt er Antworten: „Rein theoretisch“. Damit auch der Letzte endlich versteht, was Sache ist.
Er, der Letzte, bekommt einen Platz auf der Bühne zugewiesen. Das ließe sich als freundliche Geste verstehen, handelte es sich dabei um eine klassische Guckkasten-Konstruktion. In der Concordia allerdings befindet sich die Spielfläche für gewöhnlich am unteren Ende einer steilen Tribüne. Und von eben dieser lassen nun 21 Akteure strengen Blickes einen Antwort-Schwall auf die Besuchergemeinde herniederregnen, während links und rechts riesige Transparente von den Wänden herab verkünden: „Kapitalismus ist scheiße!“ Und: „Stopp den Castor!“ Da fühlt sich der Letzte ganz klein.
Die Wiederinstandsetzung der durch Raubbau beschädigten Erde, rechnet man vor, käme uns mit 187 Milliarden Dollar teuer zu stehen. Allerdings: Sage und schreibe 1 539 Milliarden Dollar ließen sich die Nationen dieser Welt ihre Verteidigungshaushalte kosten. Da zweifelt der Letzte, ob er das jetzt richtig verstanden hat. Hat die Weltrettung also noch Zeit, weil sich – für den Fall der Fälle – unser Planet mit ein paar Kriegen weniger schon flicken ließe?
Es ist ja nicht alles falsch, was da anklagend herunter dröhnt. Die Marktmechanismen des globalen Fischfangs etwa. Da erkauft sich die europäische Industrie die Lizenzen für Senegals Küste mit läppischen zwölf Millionen Euro: Damit der Bremer Supermarktkunde seine Shrimps zu Spottpreisen erhält, muss der afrikanische Fischer seinen Job an den Nagel hängen. Man weiß das nicht erst seit den Filmen Erwin Wagenhofers oder der Wachstumskritik Meinhard Miegels. Allein auf die Frage nach einer Lösung des Problems mag das Ensemble keine Antwort finden. Denn nicht böse Millionäre verspeisen den Billig-Fisch, sondern der Discounter-Kunde um die Ecke: Das aber passt nicht ins Weltbild.
Die Dozentenschar schlägt bald abenteuerliche Volten, fordert eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit auf 27 Stunden, will das Wochenende ausweiten. Vielleicht gar nicht mehr arbeiten? Nur noch Geld abholen? Gewiss, auch das: Grundeinkommen für alle, bedingungslos. Damit der Kopf frei ist für die wirklich wichtigen Dinge im Leben, damit auch der Arbeiter am Fließband endlich wieder zur lange ersehnten Kant-Lektüre kommt.
Wie auch immer: Schuld sind die da oben, der kleine Mann auf der Straße jedenfalls nicht. Und weil es sich bei den Ensemblemitgliedern um arbeitssuchende Schauspieler handelt, sind sie praktischer Weise von lästiger Selbstkritik befreit.
Verständnisfördernd wäre allerdings, wenn der Forderung nach Grund-Einkommen Grund-Lagen gegenüber stünden: elementare Voraussetzungen für professionelles Schauspiel. Schließlich will man am Theaterlabor, auch von der Kritik, als Kandidat für den Profibetrieb ernst genommen werden. In der Concordia aber steigt die Souffleuse stellenweise zur Nebendarstellerin auf, ein Akteur ist auf das Zuflüstern – nein: Zubrüllen – jedes zweiten Satzes angewiesen. Und das in einer Produktion des akribischen Textarbeiters Frank-Patrick Steckel. Es ist die ernüchterndste Antwort an diesem Abend.
Weitere Vorstellungen: heute und morgen, 20 Uhr, in der Bremer Concordia.
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