Superbanner

Vater werden? Zehn Punkte!

„Geld – her damit“: Andreas Sauter und Bernhard Studlar verzweifeln in Oldenburg an der Finanzkrise

Vater werden? Zehn Punkte!

018.11.09|Lokal|Lokal|
Drucken|Empfehlen|Schrift   a  /  A||recommendbutton_count130

Schliessen

Druckvorschau

Artikel: Vater werden? Zehn Punkte!

Von Johannes BruggaierOLDENBURG (Eig. Ber.) · Geht es nach Andreas Sauter und Bernhard Studlar, gibt es zur viel gescholtenen Wirtschaftsordnung durchaus eine Alternative. Das bedingungslose Grundeinkommen halten die beiden Autoren zumindest für „eine Idee“, die man „verfolgen“ solle. „Einen Versuch“, bekennen sie in einem Interview, sei es „auf jeden Fall wert“.

Gute Zeiten für Max (Bernhard Hackmann, l.), schlechte für Frank (Klaas Schramm, r.): Der eine hat noch seinen Job, der andere sucht nach einem Buchthema.

Gute Zeiten für Max (Bernhard Hackmann, l.), schlechte für Frank (Klaas Schramm, r.): Der eine hat noch seinen Job, der andere sucht nach einem Buchthema.

Nun dürfte den meisten Bürgern die Lust an „Versuchen“ jeglicher Art vergangen sein. Und es gibt gute Gründe dafür, dass Dramendichter zwar politische Diskurse befruchten, ihr Einfluss auf konkrete Entscheidungen aber begrenzt bleibt. In Oldenburg beschränkte sich der Kommentar des Autorenduos auf eine rein ästhetische Ebene. Im Auftrag des Staatstheaters haben Sauter und Studlar ein Stück zur Finanzkrise geschrieben. „Geld – her damit“ hatte nun im kleinen Haus Premiere, inszeniert von K.D. Schmidt.

Die Rückwand des kargen Guckkastens aus Holz ist mit zwei Fenstern versehen. Aus der winterlichen Dunkelheit blickt ein Rudel Wölfe hinein. Keine Angst: Die tun nichts, die bleiben draußen. Aber unheimlich sind sie schon. Denn erstens dokumentiert ihre Anwesenheit, dass die Tage kälter und die Zeiten härter werden. Zweitens erinnern sie daran, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist – eine Einsicht, die in den folgenden zweieinhalb Stunden ihre szenische Bestätigung finden soll.

Max (Bernhard Hackmann) ist Küchenfachverkäufer bei Ikea: gutmütig, gut gelaunt und einigermaßen gut situiert, solange er seinen Job behält. Doch damit sieht es schlecht aus, unterlaufen ihm doch bei den Verkaufsgesprächen jede Menge Fehler. „Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie würden Sie da Ihre Sachkompetenz einschätzen, Melzer?“, schnarrt ihn sein Chef (Thomas Birklein) an. Na ja, stammelt Max. So um die zehn Punkte? Aha, antwortet der Chef und konfrontiert den Familienvater dann mal gleich mit den Realitäten: „Im Vergleich mit Ihren Kollegen liegen sie im unteren Drittel des unteren Drittels!“

Während bei Max die Katastrophe absehbar ist, wähnt sich Anwalt Fritz (Klaas Schramm) noch auf der Sonnenseite des Lebens. Zwar werden bekanntlich die Zeiten härter. Immerhin aber kann er zwischen zwei lukrativen Aufträgen wählen. Die Angehörigen eines tödlich verunglückten Skifahrers möchten ihm ebenso das Mandat erteilen wie Familie Holm, für deren Tochter ein Ehevertrag auszuhandeln ist. „Warum machst du nicht beides?“, fragt ihn seine Frau Evelyn (Eva-Maria Pichler). Beides? Warum denn? Jeden Tag lese sie „diese furchtbaren Nachrichten über die Finanzkrise“, erklärt Evelyn mit leicht hysterischer Stimme. Jeden Tag fürchte sie, „dass es uns auch erwischt“: „Aber gut, ich meine, wenn es hart auf hart geht, verkaufen wir eben den Range Rover. Oder?“

Dann ist da noch der reiche Kunstsammler (Jens Ochlast), der sich in seiner Rolle als Sponsor eines unbekannten Malers gefällt, während die ukrainische Ehefrau (Caroline Nagel) das Geld im Casino verzockt. Die arme Frau Hofrichter (Gaby Pochert) friert sich in ihrer Wohnung zu Tode, obgleich auf ihren Sparbüchern 72 000 Euro liegen. Ihre Tochter Sarah (Eva-Maria Pichler) muss davon ihren Pflichtteil einklagen, weil im Testament der alten Frau bloß von einem Katzenasyl die Rede ist.

Wenn die Anzahl der Figuren den Gesamtkader eines durchschnittlichen Fußballbundesligisten übersteigt und der Szenenwechsel schneller erfolgt als bei MTV, ist gemeinhin von einem „Kaleidoskop“ oder wahlweise einem „Panoptikum“ die Rede. Auf „Geld – her damit“ trifft laut Programmheft gleich beides zu. In seiner Funktion als Kaleidoskop porträtiere das Stück „unsere Gesellschaft in der heutigen Wirtschaftskrise“. Als Panoptikum hingegen zeige es das alltägliche Überleben.

Es ist gegen diese Beschreibung nichts einzuwenden. Bloß: Um unsere Gesellschaft kennenzulernen, genügt es, sich in selbiger mit offenen Augen zu bewegen. Und die Umstände des alltäglichen Überlebens sind jedem wohlbekannt. Für erhellende Einblicke, mögliche Erklärungen aber entwickeln Sauter und Studlar keine Strategie.

Indem sich die zunächst isoliert stehenden Szenen allmählich miteinander verknüpfen und manche überraschende Wendung eintritt, gelingt immerhin eine passable Unterhaltsamkeit. Am Ende lässt sich der Range Rover eben nicht mehr verkaufen, weil ihn zuvor die Einbrecher mitgehen ließen. Und Ex-Ikea-Verkäufer Max kann auf existenzielle Fragen wie die nach einer Erweiterung seiner Familie nur noch mit „äh, zehn Punkte“ antworten.

Dass diese Pointen überhaupt wirken, ist allerdings den eindrucksvollen Darstellerleistungen zu verdanken: einem Ensemble, das sich jederzeit zur szenischen Handschrift seines Regisseurs K.D. Schmidt bekennt. Wie Eva-Maria Pichler es versteht, die fest im Leben verankerte Stewardess einerseits und die hysterisch verängstigte Anwaltsgattin andererseits gleichermaßen authentisch zu interpretieren, ist bemerkenswert. Zu überzeugen vermag auch Klaas Schramm, der als Anwalt, Autor, Maler und Postkunde annähernd sämtliche Facetten der bürgerlichen Existenz auslotet – und dabei zeigt, dass die Unterschiede zwischen diesen Wirklichkeiten und dem Leben als Callboy kleiner sind als vielfach angenommen. Einzig Gaby Pochert verfällt allzu oft dem Klischee ihrer jeweiligen Figur, karikiert die Textvorlage damit mehr als sie zu interpretieren.

Übrig bleibt die Verwunderung darüber, wie selbst aus einem weitgehend substanzlosen Text ein annehmbarer Theaterabend entstehen kann. Es ist am Oldenburgischen Staatstheater offenbar gleichgültig, wer den Text liefert. Solange nur K.D. Schmidt für die Umsetzung sorgt.

Weitere Vorstellungen von „Geld – her damit“: am 27. November sowie am 11. Dezember, jeweils um 20 Uhr im kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters.

zurück zur Übersicht: Lokal

Schliessen

Artikel empfehlen

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!

Fehleranzeige ausblenden

Es sind Fehler aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.

Fehleranzeige ausblenden

Schwere Fehler sind aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.

  • Fehlertext

Achtung!

  • Fehlertext

Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.

  • BlinkList
  • del.icio.us
  • Folkd
  • Furl
  • Google
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • oneview
  • Yahoo MyWeb
  • YiGG
  • Webnews
Diese Seite bookmarken bei...

Kommentare

Facebook 'Like Box' wird geladen... Inhalt wird geladen - Downloadanzeige

http://www.facebook.com/pages/Kreiszeitung-Syke/146798206489300truefalsefalse

Leserbriefe

Sie möchten einen Leserbrief an uns senden? Dann senden Sie bitte eine mail an:

Fotostrecke Kultur

Bilder vom Trauermarsch für Chantal (11)

03.02.12|Deutschland|0

weitere Fotostrecken:

Ihre Veranstaltung im Internet

Veranstaltung melden

Melden Sie uns Ihre Veranstaltung, die wir in unserem Kalender schnell, unkompliziert und kostenlos veröffentlichen!

Kultur

Keine Rettung vor dem Wandel

Keine Rettung vor dem Wandel

Syke - Von Johannes BruggaierAls Ilze Orinska Anfang der neunziger Jahre nach Bremen kam, war ihr Zuhause gerade auseinandergebrochen. Sie hatte zuvor das ganze Programm sowjetischer Künstlerausbildung durchlaufen.Mehr...

„Ich dachte, ich weine“

„Ich dachte, ich weine“

Von Rebecca GoellnerOLDENBURG · Sarah Kuttner schreibt jetzt Romane. Eigentlich schon seit einigen Jahren. 2009 veröffentlichte sie ihr erstes Werk „Mängelexemplar“, Ende 2011 legte sie mit „Wachstumsschmerz“ nach.Mehr...

Die Rampensau groovt wieder / Stefan Gwildis über sein neues Album „frei händig“ und die anstehende Tournee durch den Norden Deutschlands

Die Rampensau groovt wieder

Hamburg · Von Ulf Kaack · Stefan Gwildis empfängt uns in einer eleganten Hotellobby in Citynähe. Er ist gut aufgelegt. Kaffeetassen dampfen. Über sein neues Album „frei händig“ wollen wir plaudern, das am 24. Februar erscheinen wird. Dreizehn neue Songs. Wollen von der anstehenden Tournee reden – von dem was kommt und was war. Und natürlich über Soul!Mehr...

Sudoku

Sudoku Spiel auf kreiszeitung.de

Boulevard

Olivia Wilde spricht über ihre Scheidung

Olivia Wilde spricht über ihre Scheidung

New York - US-Schauspielerin Olivia Wilde (27) ("Dr. House", "Cowboys und Aliens") scheint ihre Scheidung nicht nur ganz gut verarbeitet zu haben - sie half ihr auch beruflich. Mehr...

Probleme mit Drehbuch bei "Bridget Jones 3"

Probleme mit Drehbuch bei "Bridget Jones 3"

Los Angeles - Bridget Jones soll auf die Leinwand zurückkehren, aber es wird noch eine Weile dauern. Es gibt Probleme mit dem Drehbuch für die Hollywood-Fortsetzung.Mehr...

Schauspielerin Ruth Hausmeister (99) ist tot

Schauspielerin Ruth Hausmeister (99) ist tot

München - Die Schauspielerin Ruth Hausmeister ist tot. Sie starb bereits am Mittwoch im Alter von 99 Jahren in München, wie ein Sprecher der Familie am Freitag mitteilte.Mehr...

Ticket-Shop

Ob Rock- oder Klassik-Konzert, ob Comedy oder Ballett: hier können Sie bequem Ihre Tickets buchen.

Artikel lizenziert durch © kreiszeitung
Weitere Lizenzierungen exklusiv über http://www.kreiszeitung.de

Neues Passwort zusenden

Bitte geben Sie ihre E-Mail Adresse an, wir senden Ihnen ein neues Passwort zu.

Bitte warten

Es wird etwas gemacht.

SkyScraper