Oldenburg - Von Rainer Beßling · Prall und fruchtig gleitet eine Erdbeere zwischen blutrote Lippen. Selbstversunken lustvoll richtet die blonde Schönheit ihre grünen Augen zur Seite. Für Irritation sorgt eine zweite Schicht auf der Leinwand: Farbkreise und Pinselspuren dokumentieren Konstruktion und Kompositionen des fotorealistisch erscheinenden Bildnisses.

Heiner Meyer: New Look IV, 2011. Öl auf Leinwand. ·
Aus dem Hintergrund quillt überdimensional Konfekt an die Oberfläche und bringt die Proportionen aus der Balance. In pinkfarbenen Buchstaben liegt der Schriftzug „We Love“ auf dem Dekolleté der faltenfreien Dame. „Strawberry“ heißt Heiner Meyers Bild, das mit Genuss verheißender Werbeästhetik, verführerischer Süße und malerischer Lust spielt.
In „Isn‘t it Beautiful“ konkurrieren Paris Hilton und ein Hündchen um den niedlichsten Blick, während Pralinen in der Kulisse schweben. In „New Look“ schaut der Betrachter in den entblößten Nacken einer Frau mit kunstvoll hochgesteckter Frisur. In ihrer Augen senkenden Abwendung zieht die Blonde den Blick umso magischer an. Auf der nackten Schulter liegen Schokoladenfäden wie ein zuckriges Tattoo.
Neben Frauen, Pralinen und glitzerndem Schmuck treffen sich Autos, Würfel und Spielkarten, Comicfiguren und Florales in den Tableaus des Bielefelder Malers, dem das Stadtmuseum Oldenburg jetzt eine Ausstellung widmet. Als „Post-Pop-Art“ wird das plakative Schaffen des 1953 geborenen Künstlers annonciert. „Von Frauengunst und Männerträumen – Nagel- oder Autolack“ lautet der Untertitel im Flyer zur Schau.
Aus all den PS- und Pralinen-Angeboten, aus dem Zusammenspiel von Kurven, Karossen und High Heels, Genuss und Gewinnspiel sprechen Überwältigungsstrategie und Übermaß. „Private Eyes“ ist die Ausstellung betitelt, Sprachspiel mit der massenweisen Verheißung von Intimität durch öffentliche Objekte des Begehrens.
Dabei stellt sich der Künstler nicht moralisierend oder ideologiekritisch außerhalb des visuellen Geschehens, das unsere medial gehypte Pop-Kultur prägt. Er taucht mitten hinein in den optischen Overkill, bläht mit Soft-Eis die Leinwand förmlich auf und lässt über einer Coca-Cola-Flasche den Nimbus eines Roy-Lichtenstein-Pinselstrichs schweben. In seiner „Dresscode“-Serie zitiert er historische Spielarten der Funktionalisierung weiblicher Reize: Barbie-Artefakte und Busen, Haircut und Kleiderordnung bilden eine Plastik-Welt, die zur zweiten Realität geworden ist. Meyer führt mit den Mitteln des Augenreizes Verführungsmacht vor und entlarvt die Markenstrategien in einem Bild wie „Brand“ auch mal mit karikierender Häufung und lasziver Verbiegung.
Zudem rückt er in ebenso subtiler wie sinnlicher Manier das eigene Metier mit ins Bild. Was sollte Malerei tun oder lassen, nachdem die Abbildhoheit längst an die Fotografie weitergegeben ist, wenn alle Bilder gemalt zu sein scheinen oder sich in immer neuen Post-, Cover- oder Reload-Schleifen wiederfinden? Hier bietet Meyer ohne die Behauptung einer ultimativen Lösung Assoziationsvorschläge und schließt Kunstgeschichtliches in seine Gegenwartsbetrachtungen spielerisch ein. Kubistische Formlösungen scheinen mit Automobildesign zu korrespondieren. Raster erinnern an die Pop-Art-Botschaften zum Reproduktionscharakter der Kunst, Brillo-Kartons an die Diagnosen zum Warencharakter und zur Massenproduktion. So wie diese immer neue Anreize schaffen und Bedürfnisse wecken muss, türmen sich auch in der Kunst die Bildangebote. Heiner Meyer zeigt sie als überbordendes Ensemble, in dem auch abstrakte, rein stoffliche Momente ihren Platz haben. Darin zeigt sich ein Realismus, der Kunst und Wirklichkeit zusammendenkt.
Heiner Meyer: Private Eyes. Stadtmuseum Oldenburg.
Bis 9. April. Di-So, 10-18 Uhr. Eintritt: 1,50 Euro. Katalog im Museum 28 Euro.
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