Suchende und Flüchtende

Tero Saarinens Choreographie „Double Lives“ am Oldenburgischen Staatstheater uraufgeführt

Suchende und Flüchtende

016.02.10|LokalFacebook
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Von Rainer BeßlingOLDENBURG (Eig. Ber.) · Das Anfangsbild erinnert an einen Buchtitel von Carlos Ruiz Zafón. Wie vom Wind bewegte Schatten erscheinen die Tanzenden in wogender Reihe auf der Bühne. Als einzige Bühnenarchitektur beschreibt in ihrem Rücken ein transparenter Vorhang, Projektionsfläche und Trennwand, selbst eine wellenartige Form, die sich am Ende einwickelt.

Parallele Welten und schattenhafte Begleiter: „Double Lives“.

Parallele Welten und schattenhafte Begleiter: „Double Lives“.

Ausgreifen in den Raum und die ein- und umschließende Gegenbewegung auf das eigene Zentrum hin bilden das polare Grundmuster in Tero Saarinens Choreographie „Double Lives“. Am Wochenende kam sie am Oldenburgischen Staatstheater zur Uraufführung. Das Tanztheater Bremen und die Tanzcompagnie Oldenburg wirken gemeinsam an der vereinten „nordwest“-Produktion dieser Saison mit.

Das Thema des Stücks hätte dazu verführen können, die doppelte beziehungsweise parallele Existenz der beiden Ensembles mit zu thematisieren. Der finnische Gast-Choreograph vermeidet allerdings Kontrastbildung zwischen beiden Gruppen. Vielmehr beherrschen die Dialektik von Individualität und Gruppenzugehörigkeit, das explosive Gemisch von Sehnsucht nach dem Du und Ansprüchen des Ich das tänzerische Geschehen. Das vielschichtige und chiffrenbeladene Motiv des Schattens bietet hierbei eine tragfähige und eingängige Grundfolie für das Auffächern klassischer tänzerische Themen und Figuren in Ensembles, Duos und vielen beeindruckenden Soli.

Aus dem Anfangsbild, in dem das Ensemble als unbestimmtes dunkles Kollektiv erscheint, schält sich ein Individuum, vom Licht kenntlich gemacht, heraus. Héloïse Fournier setzt mit ihrem Solo, das Expressivität und innere Spannung, schwebende Körperpoesie und stringente Bewegungsarchitektur in eine klare Form fasst, hohe Maßstäbe.

Aus dem Schattenpulk bilden sich Reihen heraus, die Individuen mitnehmen und abstoßen. Der freie Rhythmus zu Beginn geht in einen festen Grundpuls über. Drängender Groove, abschattiert von nicht selten metallischen Klangflächen zwischen schwerer Last und Pulverisierung (Musik: Jarmo Saari), festigt sich als Antriebsmotor der Choreographie.

Mit der anfänglichen Metapher lässt sich das Bild eines Windmühlenflügel kurzschließen, der von Reihen der Tanzenden geformt wird. Die aus einem Zentrum nach außen treibende Kraft illustriert eine zentrale Ausdeutung des „Doppelgänger“- und „Parallel-Welten“-Motivs in Saarinen Stück. Aus dem Schatten eines unbekannten und bedrängenden Ich heraustreten, vor fremden Schatten der Gegenwart und Vergangenheit in einen eigenen Kern hineinschlüpfen – in diesem Wechselspiel zwischen Suche und Flucht wogt die Körpersprache von „Double Lives“.

In der wie ein Rondo angelegten Choreographie, die in der Mitte ein wenig an Dynamik verliert, verweisen großartige Soli unter anderem von Sunju Kim und Miroslaw Zydowicz auf Erschütterungen der Identität, auf archaische Entgrenzungslust, Suche nach Komplettierung oder die Angst vor dem unbegriffenen oder unbeherrschten Ich. In wechselvollen Duos spiegelt sich auf einem weiten Feld zwischen dem modernen Leiden an Entfremdung und der zeitgenössischen Leidenschaft an Grenzüberschreitungen der ewige Magnetismus zwischen Mann und Frau, zwischen dem Ich und dem anderen.

Eine weitere Variante des Schattenthemas und der Identitätsfrage zwischen Normierung und Selbstbestimmung blättert ein historischer Exkurs zu Renaissance-Anklängen auf. Großartig in Technik und Ausdrucksintensität, wie Miroslaw Zydowicz der Mechanik und den Visionen einer Epoche Gestalt gibt, die das Individuum an Standes- und Glaubensfäden führt und gleichzeitig das Ideengut für ein neues Menschenbild liefert.

Tero Saarinen gelingt es mit „Double Lives“, beide Compagnien auf der Basis eines assoziationsreichen Themas mit einem überschaubaren Bewegungsrepertoire und Raum für individuellen Ausdruck zusammen zu bringen. Dennoch: Die Unterschiede zwischen beiden Ensembles etwa in der Körperspannung oder der dramaturgisch schlüssigen Ausformulierung choreographischer Sequenzen ist nicht zu übersehen, wurde aber von Saarinen etwa in der Auffächerung des Paar-Themas häufig produktiv genutzt.

Zum Schluss verpuppen sich die Schatten hinter dem Vorhang zu Lichtgestalten. Gänzlich erhellt hat Saarinens Studie über einen Archetypus die doppelten Identitäten und parallelen Welten natürlich nicht. Allerdings wurde dem Zuschauer sinnhaft und sinnlich ein zentraler romantischer Topos als hartnäckiger Wegbegleiter der Aufklärung neu vor Augen geführt. Unsere animalischen Anteile als Seelengepäck der Moderne lassen sich schließlich am besten mit dem Körper zum Sprechen bringen.

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