020.02.10|Lokal|Lokal|
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Von Rainer BeßlingBREMERHAVEN (Eig. Ber.) · Das Kabinett für aktuelle Kunst in Bremerhaven war Gregor Schneider bereits eine Vervielfältigung wert. Im Frankfurter Museum für Moderne Kunst baute der prominente Mönchengladbacher den besonders in Avantgardekreisen gerühmten Ausstellungsraum der Seestadt als ständige Installation nach.

Sieht aus wie eine Abstellkammer mitten im Raum: Kunst Gregor Schneiders.
Nun hat sich Schneider einer Seite des Kabinetts gewidmet, die eher nicht im Zentrum des kunst-öffentlichen Interesses lag: der sanitären Nasszelle. Selbst regelmäßige Besucher der Bremerhavener Institution dürften dieses Örtchen fast nicht wahrgenommen haben. Es diente eher als Abstellraum, und als solcher ist es auch direkt gegenüber von Kabinett und Kunsthalle im Kunstmuseum Bremerhaven zu sehen.
Vor knapp zwei Jahren hat das Kunstmuseum seine Tore geöffnet, um der Sammlung des Kunstvereins Bremerhaven ein Podium zu geben. Neben historischen Schwerpunkten wie der Düsseldorfer Schule und den Worpswedern sind Werke von Künstlern zu sehen, die dank Kurator Jürgen Wesseler im Kabinett ihre häufig ersten Schritte an die Öffentlichkeit gemacht haben. Von Beginn an war geplant, dass Gregor Schneider, der Ende der 90er Jahre zu Beginn seiner Karriere in Bremerhaven ausstellte und der Stadt verbunden blieb, die „erste Veränderung“ in dem dramaturgisch sorgsam bespielten Haus vornehmen sollte.
Dieser Szenenwechsel drängt sich nun – alles andere wäre freilich eine Überraschung gewesen – dem Besucher beim Zutritt in der ersten Etage nicht sofort auf. Schneiders Kabinett-Klo-Klon, schräg in den Raum gestellt, dreht dem Publikum den Rücken zu und öffnet sich auch beim näher Treten nicht ganz. Man muss schon neugierig und mit etwas Schamüberwindung in den Raum gucken, den der Künstler nachgebaut und mit schmuddliger Rumpelkammer-Patina belegt hat. Schneider-kundigem Publikum ist derlei Raum-Angebot und das eigene Unbehagen in der bedrängenden Begegnung mit solcher vertrauten Lebensraum-Wirklichkeit nicht fremd. Neu ist vielleicht der Umstand, dass der Raum-Künstler hier entgegen seinem Konzept kein „Double“ geschaffen hat, sondern in einer Mischung aus Demselben und Demgleichen den Ort verpflanzt hat.
Im Kabinett zeigt sich die Toilette im Rohbau-Zustand. Im Kunstmuseum erinnert sie gewissermaßen aus der Hinterzimmer-Schau an neuere Kunstgeschichte. Hier haben Prominente Werkzeug und Material abgelegt, so skurril man den Nachbau vielleicht finden mag, authentischer und greifbarer lässt sich Spurensuche und Konservierung kaum betreiben. Begleitet wird der Raum im Raum von Fotografien, die vergangene Projekte Schneiders dokumentieren.
Parallel zur „Ersten Veränderung“, deren Behutsamkeit ahnen lässt, wie schwer es den Verantwortlichen im Kunstmuseum fällt, Hand an ihre Gesamt-Inszenierung zu legen, ist in der Kunsthalle ein „Aufbau“ der Klasse Gregor Schneider. Im letzten Jahr ist Schneider als Professor für Bildhauerei an die Universität der Künste in Berlin berufen worden. 20 seiner Studierenden haben unter Verwendung von Raum-Modulen, die bei einer Arbeit des Künstlers in Porto zum Einsatz gekommen waren, einen dichten, eindrücklichen Parcours installiert.
Der Besucher tritt gleich neben dem Eingangstresen in eine ungewisse Situation. Viele Türen lassen labyrinthische Gefährdung fürchten, gleichzeitig machen schon die ersten kleinen Räume mit ihren pointierten Attributen, ihrer formalen Präzision und ihren offenen Assoziationsangeboten neugierig auf den weiteren Verlauf.
Ein Raum präsentiert sich als Ausstellungsort, ein weiterer verbindet Boden und Decke durch Teppichbahnen, die außen und innen verschweißen, Auflösung und Auslegung verknüpfen. Die Konstruktion als Provisorium tritt auf, die Statik des Innenraums wird durch Bogenformen an den Wänden dynamisiert, Gebrauchsspuren oder eine im Alltagsgebrauch eher nicht beabsichtigte Weiterarbeit der Wandfarbe wird zum Motiv künstlerischer Wirklichkeitskonstruktion. Ein schmaler Sehschlitz spielt mit der Proportionsverschiebung von Innen- und Außenraum.
Wesentlich in diesen wechselnden Ortserfahrungen ist, wie auch in Schneiders Werk, die Begegnung des Besuchers mit sich selbst über die Intensität seiner Reaktion auf die Raumeigenschaften. Ein Video über einen Lauf durch die Natur, spiegelt die körperlichen Anteile des Raumerlebens im Soundtrack, der Film ließe sich auch als befreienden Ausflug aus der kafkaesken Raumwucherung lesen. Ganz bei seinem Unbehagen kommt der Besucher in einem komplett abgedunkelten Raum an. Spielerisch ist das Motiv des sich selbst näher Kommens in einer Installation mit Trampolin und Deckenspiegel behandelt.
Für eine studentische Gruppenarbeit wirkt dieser „Aufbau“ erstaunlich komplett. Das internationale Studentenkollektiv, das mit großer Ernsthaftigkeit an der Installation gearbeitet hat, weiß offenkundig, was es will. Dass die Ergebnisse wie ein Kompendium der bildhauerischen Sprache Schneiders wirken, könnte man als Beleg für dessen künstlerische Autorität deuten.
Dass eine solche eindrucksvolle Arbeit um einen der bedeutendsten Gegenwartskünstler in Bremerhaven realisiert wird, dokumentiert einmal mehr das Renommee des Ortes und des Kunstvereinsvorsitzenden Jürgen Wesseler. Bremen kann in der Hinsicht derzeit nur beeindruckt zuschauen.

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