Superbanner

Spielt er noch oder beißt er schon?

Björn Behrens erhält für seine Studie über die Lust an der Angst den Bremer Förderpreis für Bildende Kunst

Spielt er noch oder beißt er schon?

    • recommendbutton_count100
    • 2
    • 0

Bremen - Von Johannes Bruggaier· Hoch oben am kargen Küstenstreifen Nordnorwegens rostet ein Metallberg friedlich vor sich hin. Es muss einmal ein Schiff gewesen sein, ein Fischkutter vielleicht, während eines Sturms an einem Felsen zerschellt. Doch es ist kein Fischkutter.

Nah am Abgrund: Ausschnitt aus Björn Behrens Werk „Trost der Anderen“.

Nah am Abgrund: Ausschnitt aus Björn Behrens Werk „Trost der Anderen“.

Es ist: Die „Georg Thiele“, ein Zerstörer der Deutschen Wehrmacht, in der Schlacht um Narvik schwer beschädigt. Mehr als 70 Jahre ist das jetzt her, doch das Wrack liegt so zufällig in der Landschaft herum, als sei es eben erst gestrandet.

Der Zweite Weltkrieg bedeutet für uns Spätgeborene Schwarzweiß-Bilder und sorgsam gepflegte Mahnmale, Politiker-Ansprachen und Ermahnungen zur historischen Verantwortung. Joanna Kosowska zeigt ihn in seiner ganz realen, greifbaren und gegenwärtigen Erscheinung: als Dauerausstellung an den Küsten Europas, mit Schiffen, Bunkern und Festungen. Ihre Fotografien geben Einblicke in die grauen Betonanlagen am Strand der Bretagne, erzählen von der ukrainischen „Heldenstadt“ Kertsch und zeigen die Geschützruinen im dänischen Hanstholm. Das ist alles eindrucksvoll dokumentiert und offenbart doch das Grundproblem dieser Ausstellung zum 34. Bremer Kunstförderpreis in der Städtischen Galerie.

Die Fotografie ist nämlich stark vertreten in dieser Schau, wogegen nichts einzuwenden wäre, ließe sich bloß ihre künstlerische Relevanz erkennen. Doch wofür sie nun stehen, diese in Beton gegossenen Monumente des Krieges, was diese Ambivalenz zwischen historischer Distanz einerseits und materieller Gegenwart andererseits überhaupt bedeutet: Das bleibt bei Kosowska außen vor. Fotografie reduziert sich auf ihre Funktion als journalistisches Medium.

Noch problematischer stellt sich dieses Verfahren bei Johanna Ahlert dar. Sie hat provisorische Wohnsiedlungen fotografiert: dauerhaft angelegte Wagenplätze, zeitlich begrenzte Camps von G8-Demonstranten. Es sind Aufnahmen aus der Vogelperspektive, und es sind Fotografien ohne Inszenierung – das unverfälschte Chaos der linken Szene. So jedenfalls lautet der dokumentarische Ansatz der Bildstrecke. Dass sich hinter dem vermeintlich genuinen Durcheinander in Wahrheit sehr wohl eine Inszenierung verbirgt, dass diese Inszenierung von den Bewohnern selbst geleistet wird und dass dieser Inszenierung der Selbstbefreiung mitunter fragwürdige Motive zugrunde liegen: All das erfährt keine kritische Reflexion, verschwindet hinter der Fassade der Naturidylle.

Dass es anders geht, zeigt Björn Behrens, der für „Trost der Anderen“ zu Recht mit dem Förderpreis ausgezeichnet wird. Ein Fotokünstler ist auch er, doch reicht seine Arbeit weit über das Dokumentarische hinaus. Alles ist finster auf seinen Fotografien, und das obwohl es doch um heiteren Zeitvertreib geht: Springen vom Zehn-Meter-Turm. Man sieht einen blonden Jungen von eher schmächtiger Statur. Man sieht nicht: sein Gesicht, sein fröhliches Lachen, seine lautstarke Ankündigung eines Kopfsprungs. Behrens blendet die übliche Angeberei unter Halbstarken aus, eliminiert alles, was das Spiel als Spaß kennzeichnet. Übrig bleibt die nackte Angst, das Unbehagen beim Blick in die Tiefe.

Und dann vertreibt sich da noch jemand die Zeit mit Spielereien: herrenlose Hunde, aufgespürt in Kalkutta und Istanbul. Es sind gewöhnliche Straßenköter, die über Plätze rennen, sich im Dreck suhlen oder auf einem Hinterhof raufen. Dunkel ist es hier gleichfalls, und wie im finsteren Schwimmbad tritt auch in düsteren Vierteln Istanbuls der Angstschweiß auf die Stirn – nicht der Protagonisten diesmal, sondern des Betrachters.

Der zivilisierte Mensch sucht in der spielerischen Konfrontation mit den Naturgesetzen den Kick. Der von menschlicher Kontrolle losgelöste Hund nutzt das Spiel zur Sozialisation. Gerade das kann wiederum dem Menschen nicht behagen: Spielt er noch oder beißt er schon? Mit seiner Gegenüberstellung gelingt Behrens eine raffinierte Studie über das Spiel und die Angst.

Abseits der Fotografie bleibt nicht viel, was in dieser Ausstellung überzeugt. Johann Büsens zuletzt viel gerühmten und besungenen Digitaldruck-Zeichenorgien natürlich. Vielleicht auch Fabian Reimanns zwar beileibe nicht neuartiger, aber immerhin ambitionierter Versuch einer wahrhaft interdisziplinären Installation: eine ganz schön komplexe Angelegenheit, deren Verschränkung von narrativen, akustischen und bildhaften Elementen zwar etwas bemüht intellektuell anmutet. Zumindest aber stehen derlei Überforderungen immerhin auch für Forderungen, also für das, was etwa die meisten Fotoarbeiten so schmerzlich vermissen lassen.

Schmerzlich vermisst werden auch klassische Gattungen der Bildenden Künste. Gregor Gaida etwa hält für die Bildhauerei alleine die Fahne hoch. Und was die Malerei betrifft, so war sie in Bremen schon lange aus der Mode gekommen – jetzt sichtet man nach ihr vollends vergebens. Der Bremer Kunstförderpreis: Für Ausstellungsbesucher ist er in diesem Jahr eine Verlusterfahrung.

5. Februar bis 20. März in der Städtischen Galerie Bremen, Buntentorsteinweg 112. Öffnungszeiten: Di.-Sa. 12-18 Uhr, So. 11-18 Uhr.

zurück zur Übersicht: Lokal

  • BlinkList
  • del.icio.us
  • Folkd
  • Furl
  • Google
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • oneview
  • Yahoo MyWeb
  • YiGG
  • Webnews
Diese Seite bookmarken bei...

Kommentare

Facebook 'Like Box' wird geladen... Inhalt wird geladen - Downloadanzeige

http://www.facebook.com/pages/Kreiszeitung-Syke/146798206489300truefalsefalse

Leserbriefe

Sie möchten einen Leserbrief an uns senden? Dann senden Sie bitte eine mail an:

Fotostrecke Kultur

Google Doodle: Das Logo als Spiegel des Tages

weitere Fotostrecken:

Ihre Veranstaltung im Internet

Veranstaltung melden

Melden Sie uns Ihre Veranstaltung, die wir in unserem Kalender schnell, unkompliziert und kostenlos veröffentlichen!

Kultur

Die Schwankhalle nimmt sich den gesellschaftlichen Wandel vor und freut sich auf das erste „Outnow!“-Festival mit dem Theater Bremen

Enten, Tulpen und entsicherte Waffen

Bremen - Von Johannes Bruggaier - Die Bremer Schwankhalle bekommt eine neue Geschäftsführerin, und deren Job hat es in sich. Es gehe nämlich um nichts weniger als „die Waffe scharf zu machen“, erklärt die künstlerische Leiterin Anja Wedig bei der Vorstellung der neuen Spielzeit am Dienstag.Mehr...

Durch den Sand gezogen

Durch den Sand gezogen

Hannover - Von Jörg WoratDie Wüste lebt. Zumindest im Schauspielhaus Hannover: Dort hat Bühnenbildner Jo Schramm ein raffiniertes Setting aus Sand und Spiegeln installiert – geht es bei „Lawrence von Arabien“ doch ins Morgenland. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner kündigen ihre Inszenierung als „Projekt“ an, und wer schon bei diesem Begriff misstrauisch wird, konnte sich bei der Uraufführung bestätigt sehen.Mehr...

Für Geister keine Zukunft

Für Geister keine Zukunft

Bremen - Von Johannes BruggaierDas Volk hat das Sagen im Bremer Schauspielhaus. Erstmals seit Jahrzehnten ist das starre System der Guckkastenbühne aufgebrochen, das Publikum sitzt nun nicht allein frontal, sondern auch links und rechts des Geschehens. „Die Orestie“ vollzieht sich also auf einem zikkuratförmigen Aufbau mitten unter uns Bürgern, und dem Demos ist es auch vorbehalten, sein Urteil zu fällen.Mehr...

Sudoku

Sudoku Spiel auf kreiszeitung.de

Boulevard

Joan Baez ist von Obama enttäuscht

Joan Baez ist von Obama enttäuscht

Berlin - Auf die Begeisterung folgte die Ernüchterung: Die amerikanische Sängerin Joan Baez hat die Politik des US-Präsidenten Barack Obama scharf kritisiert.Mehr...

Channing Tatum arbeitete als Stripper

Channing Tatum zog sich für Geld aus 

New York - Bevor US-Schauspieler Channing Tatum (32) in Hollywood Karriere machte, verdiente er seinen Lebensunterhalt auch mit Strippen.Mehr...

Bushido heiratet Anna-Maria Lagerblom, Sarah Connors Schwester

Hier heiratet Bushido Sarah Connors Schwester

Berlin - Bushido hat auch eine romantische Seite: Ganz bürgerlich hat der Rüpel-Rapper am Mittwoch die jüngere Schwester von Sarah Connor geheiratet.Mehr...

Artikel lizenziert durch © kreiszeitung
Weitere Lizenzierungen exklusiv über http://www.kreiszeitung.de

Neues Passwort zusenden

Bitte geben Sie ihre E-Mail Adresse an, wir senden Ihnen ein neues Passwort zu.

Bitte warten

Es wird etwas gemacht.

  • recommendbutton_count100
Schließen

Druckvorschau

Artikel:

Schließen

Artikel Empfehlen

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!

Fehleranzeige ausblenden

Es sind Fehler aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.

Fehleranzeige ausblenden

Schwere Fehler sind aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.

  • Fehlertext

Achtung!

  • Fehlertext

Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.

SkyScraper