Von Rainer BeßlingDELMENHORST · Die Städtische Galerie Delmenhorst lockt mit ungewöhnlichem Komfort. Im Nebengebäude des Hauses ermöglichen Holzgestelle vor altmeisterlichen Grafiken das Abstützen der Arme. Schemel laden zum Sitzen ein. Wer mag, kann auf Augenhöhe mit Blättern von Lucas van Leyden, Albrecht Dürer oder Hendrick Goltzius zur bereit gestellten Lupe greifen.

© Foto: Städt. Galerie Delmenhorst
Entführung oder freiwilliger Ausflug?: „Das Meerwunder“ von Albrecht Dürer (Ausschnitt). ·
Die niedriger gehängten Exponate kommen nicht nur Kindern und Rollstuhlfahrern entgegen. Sie sollen alle Besucher zu einem forschenden, eindringlichen Sehen verführen. Das bietet sich aufgrund der feingliedrigen Fertigung der meist kleinen Formate auch an. Faszinierend, in der technischen Ausführung kaum nachvollziehbar, wie Lucas Cranach in seiner vielschichtigen Komposition „Die Buße des heiligen Chrysostomus“ erzählt. Filigran setzt er die Protagonisten der Geschichte einer Vergewaltigung in eine künstliche Landschaft mit Tieren. Bei näherem und längerem Hinschauen offenbaren sich immer neue Details. Auch wer den Inhalt des Geschehens nicht kennt, kann sich für die atmosphärisch dichte Inszenierung begeistern.
„Tiefe Blicke“ nennen Delmenhorsts Galerieleiterin Annett Reckert und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Wiebke Steinmetz als Kuratorinnen die Schau. In der Remise und im Haupthaus präsentieren sie 130 „Meisterwerke der Druckgrafik“. Sie stammen aus der Sammlung des Karlsruher Juristen Ferdinand Siegel (1783-1877), die Ende des 19. Jahrhunderts in den Bestand der Städtischen Galerie Karlsruhe überging.
Nun profilierte sich das Delmenhorster Haus in der jüngeren Vergangenheit eher mit Ausstellungen zur Klassischen Moderne und Gegenwartskunst. Annett Reckert sieht ihre aktuelle Schau ganz in dieser Tradition. Sie versteht die ausgewählten Künstler als Avantgardisten ihrer Jahrhunderte, die Druckgrafik als Grundlage unserer Aneignung von Kunst und unseres Kunstverständnisses.
Mit Holzschnitten, Kupferstichen und Radierungen aus der Zeit vom 15. bis ins 18. Jahrhundert dokumentiert die Ausstellung die Entwicklung und die jeweiligen Charakteristika der druckgrafischen Gattungen. Aus der Goldschmiedekunst hervorgegangen, dient das Medium in den Anfängen der Verbreitung biblischer Inhalte. Die Unterscheidung zwischen Handwerk und Kunst existierte noch nicht. Die Motivpalette erweiterte sich allmählich, Porträts, Tiere und Landschaften kamen hinzu. Neben der dienenden illustrativen Funktion folgt die Grafik allmählich eigenen freien künstlerischen Konzepten .
Gleich der Auftakt des Ausstellungsparcours belegt die Fokussierung auf „Meisterwerke“. Ein Blatt aus Piranesis berühmter und vielfach zitierter Kerker-Serie besticht durch seine virtuosen Architektur-Fantasien, die sinnbildlich Gefangennahme und Freiheit der Einbildungskraft selbst verhandeln. Gleich daneben hängt mit Martin Schongauers „Christus vor Pilatus“ (1470-80) das älteste Exponat der Schau.
Die erotische Essenz der Szenerie wird mit jedem höheren Zoomwert deutlicher. Fraglich bleibt die Herkunft des Stoffes, aber auch die Haltung der Protagonistin. Handelt es sich hier um einen Raub oder eine freiwillige Reise in Triebwelt und mystische Natur?
Im 17. Jahrhundert, dem „Goldenen Zeitalter“ der niederländischen Malerei erleben auch die grafischen Künste im aufstrebenden Kaufmannsstaat ihre Blüte. Neben Rembrandt, dem überragenden Virtuosen der Hell-Dunkel-Modellierung, stehen weitere Großmeister der Niederlande mit unterschiedlichen motivischen Schwerpunkten: Adriaen van Ostade ist mit bäuerlichen Szenen dabei. Idealisierte Bildnisse Anthonis van Dycks und energiegeladene, ebenso poetische wie plastische Landschaften Jacob van Ruisdaels erweitern die hochkarätige Auswahl.
Schon die Alltagsszenen der Niederländer konnte der Betrachter ohne den Druck zur Interpretation ferner Mythen genießen. Bei den Tierdarstellungen im Obergeschoss lässt sich daran anschließen: kaum Verrätselungen, teils derbe, teils einfühlsame Bilder von Pferd, Kuh, Schaf und Esel. In einem Porträtraum gegenüber zeigen die Selbstbildnisse Rembrandt die zeichnerischen Möglichkeiten der Radierung und die Möglichkeiten psychologisierender Darstellung mit reduzierten Mitteln. Unter anderem mit Werken Callots, den magischen Landschaften Lorrains oder den malerischen Blättern Tiepolos sind Frankreich und Italien vertreten.
Farbe vermisst man übrigens nicht. Das Auge ist schon reichlich beschäftigt. Nicht weil sich die Bilder aufdrängen, sondern weil der Blick zunehmend interessierter vordringt. „Schule des Sehens“ nennt Annett Reckert die Druckgrafik. In Delmenhorst nimmt man das Lehrangebot gerne an.
Städtische Galerie Delmenhorst, bis 15. April. Eröffnung heute 20 Uhr. Di-So, 11-17 Uhr,
Do 11-20 Uhr. Eintritt 4 Euro
Facebook 'Like Box' wird geladen...




Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!
Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.
Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.
Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.