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Risiko vor Perfektion

Patricia Kopatchinskaja gastiert in Hannover und Bremen / Die Geigerin im Gespräch über Tschaikowsky und Neue Musik

Risiko vor Perfektion

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Von Jörg WoratHANNOVER/BREMEN · Sie ist die „junge Wilde“ unter den Violinistinnen: Patricia Kopatchinskaja hat mit ihrem eigenwilligen Stil für viel Aufsehen gesorgt.

„Nur schöner Ton ist auf Dauer unerträglich“: Patricia Kopatchinskaja. ·

© Foto: M. Borggreve

„Nur schöner Ton ist auf Dauer unerträglich“: Patricia Kopatchinskaja. ·

Im März können die Hannoveraner sie doppelt erleben: Am 12. spielt die 1977 in Moldawien geborene Musikerin zusammen mit dem Pianisten Fazil Say im NDR Kammermusik, eine Woche später mit dem Deutschen Symphonieorchester Berlin im Kuppelsaal Tschaikowskys Violinkonzert. Dieses Werk wird Patricia Kopatchinskaja auch interpretieren, wenn sie am 4. und 5. Juni mit den Bremer Philharmonikern in der Glocke auftritt.

Wie sehen Sie das Tschaikowsky-Violinkonzert?

Patricia Kopatchinskaja: Tschaikowsky war ein exaltierter Gefühlsmensch, labil bis zur Hysterie. Solche Emotionen stecken auch in seinem Geigenkonzert, man darf das nicht versachlichen oder sich davon objektiv distanzieren. Das Werk überzeugt nur, wenn diese Gefühle, Stimmungen und Schattierungen beim Wort genommen und so exaltiert ausgelebt werden, wie uns Tschaikowsky in seiner Biographie entgegentritt.

Hat für Sie je der „schöne Ton“ eine Rolle gespielt?

Kopatchinskaja: Nur schöner Ton ist auf die Dauer unerträglich. Die Geige ist ein Tier, das manchmal auch hauchen, fauchen oder kratzen muss. Dazwischen macht es die schönsten Töne, die gehören auch zur Palette und sind für mich ganz existentiell.

Und wie wichtig nehmen Sie es, wenn man sich „verspielt“, eine falsche Note hineinschmuggelt?

Kopatchinskaja: Wenn ich die Wahl zwischen Perfektion und Risiko habe, so wähle ich das Risiko – es ist interessanter und aufregender. In der Zusammenarbeit mit Fazil erreichen wir aber mittlerweile oft höchste Perfektion, obschon wir einige Risiken eingehen.

Sie haben auch ein ausgeprägtes Interesse an Neuer Musik. Wie bringt man die dem Publikum nahe?

Kopatchinskaja: Wenn man mir die Chance gibt, so kann ich die Leute auch mit neuester Musik gewinnen. Das Problem sind mehr die Veranstalter, die panisch werden, wenn man nicht nur Beethoven und Mozart spielen will.  

Sie sind außerdem selbst Komponistin. Wie würden Sie da Ihren Stil beschreiben? Wer hat Sie beeinflusst?

Kopatchinskaja: In den letzten Jahren komponierte ich nur wenig, setzte mich dafür umso mehr für meine Komponistenkollegen ein. Stilistisch ging es mir nie um rein instrumentelle Musik, sondern ich wollte alle Ausdrucksformen einbeziehen, Töne, Sprache, Geste, Pantomime, Theater. Wer hat mich dabei beeinflusst? Erst nach der Emigration aus Moldawien bin ich in Wien der zweiten Wiener Schule mit Webern und Schönberg, aber auch immer wieder Beethoven, Bartok, Xenakis begegnet. Auch das Hören und Spielen der Musik der Kollegen im Studium. Nachher war ich mehr von Kurtag und Ustwolskaja magnetisiert. Aber beim Komponieren kommt es eigentlich darauf an, sich nicht beeinflussen zu lassen und eine völlig eigene Sprache zu finden.

Glauben Sie, dass es einfach ist, mit Ihnen zusammenzuarbeiten?

Kopatchinskaja: Das müssten Sie eigentlich die Anderen fragen. Aber mit Fazil zum Beispiel machen wir es einander nicht einfach, in den Proben fliegen Fetzen. Erst auf der Bühne sind wir ein Herz und eine Seele.   

Sie stammen aus einer musikalischen Familie. War das entscheidend für Ihre Karriere? Oder hatten Sie als Kind zeitweilig andere Berufswünsche?

Kopatchinskaja: Seit ich mich erinnere, war in unserer Musikerfamilie klar, dass ich Geige spielen werde. Der einzige andere Wunsch war seit der Jugend die Komposition.  

Was ist heute noch das Moldawische in Ihnen? Und haben Sie als Wahlbernerin etwas vom Schweizer Charakter angenommen?

Kopatchinskaja: Die Moldawier sind Südländer, sie gehören zur Mittelmeer-Schwarzmeerkultur. Schon in Wien musste ich Tugenden wie Pünktlichkeit lernen. Das kommt mir heute zustatten. Aber eine richtige Westeuropäerin werde ich wohl nie werden.  

Was hat Sie veranlasst, für „Terre des Hommes“ tätig zu werden?

Kopatchinskaja: Bei Terre des Hommes unterstütze ich vor allem Projekte für Kinder in meiner armen und seit Jahrhunderten von diversen Regimes geplagten Heimat. Ich habe von meinem Land Musik und Musikalität mitbekommen. Ich möchte etwas zurückgeben.

Wie würden Sie Ihren Charakter beschreiben? Worüber ärgern Sie sich am meisten? Worüber können Sie lachen?

Kopatchinskaja: Oh Gott, der Charakter ist sicher schlecht. Ich bin ungeduldig, ärgere mich über langsame Auffassung. Lachen kann ich über absurden Humor, wie er in Russland goutiert wird.

Sind Sie ein religiöser, ein spiritueller Mensch?

Kopatchinskaja: Ja.

Können Sie sich vorstellen, eines Tages die Geige beiseite zu legen und etwas ganz Anderes zu machen?

Kopatchinskaja: Mit dieser Vorstellung muss jeder Geiger und Musiker leben: Man muss sich ja nur einen Finger brechen oder einen Nerv verletzen, und aus ist es mit der Musik. Dann könnte ich mir vorstellen, wieder mehr zu komponieren oder zu unterrichten.

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