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Die Rampensau groovt wieder / Stefan Gwildis über sein neues Album „frei händig“ und die anstehende Tournee durch den Norden Deutschlands

Stefan Gwildis über sein neues Album „frei händig“ und die anstehende Tournee durch den Norden Deutschlands

Die Rampensau groovt wieder

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Hamburg · Von Ulf Kaack · Stefan Gwildis empfängt uns in einer eleganten Hotellobby in Citynähe. Er ist gut aufgelegt. Kaffeetassen dampfen. Über sein neues Album „frei händig“ wollen wir plaudern, das am 24. Februar erscheinen wird. Dreizehn neue Songs. Wollen von der anstehenden Tournee reden – von dem was kommt und was war. Und natürlich über Soul!

Foto: Ladwein

Soul für Deutschland: Stefan Gwildis bringt ein neues Album heraus. ·

Mehr als drei Jahre haben Sie sich Zeit gelassen mit der Veröffentlichung des neuen Albums. Ungewöhnlich für Sie: warum?

Stefan Gwildis:Stimmt. Die bisherige Taktung zwischen den Alben lag bei ein bis zwei Jahren. Im Vorfeld der Produktion von „frei händig“ haben meine Crew und ich uns entschlossen, ausschließlich Eigenkompositionen aufzunehmen. Mit einer Ausnahme haben wir das dann auch realisiert. Auf meinen vorhergehenden „Gemischtwarenalben“ waren Coverversionen deutlich in der Mehrheit. Das sparte natürlich Zeit und Arbeit, weil man sich an bereits Vorhandenem orientieren konnte. Dort haben wir adaptiert und interpretiert, diesmal viel mehr komponiert und arrangiert. Und das dauert halt seine Zeit.

Stilistisch schließt sich „frei händig“ nahtlos an „Wünschst du wärst hier“ an. Warum kleben Sie in weiten Teilen innovationsfrei an der Soulmusik in der klassischen US-Prägung?

Gwildis:Ich liebe diese Musik. Ihre Dynamik, ihre Zeitlosigkeit. Und ich habe große Achtung vor den Menschen, die sie geschaffen haben: Billy Paul, Marvin Gaye, Bill Withers. Soul ist in weiten Teilen geprägt von schwarzen Musikern, die ich sehr verehre. Die Schwarzen wurden in der Vergangenheit von der US-Musikindustrie verarscht und ausgenutzt. Doch sie haben ihr Ding durchgezogen mit der ihnen so eigenen Ruhe und Gelassenheit. Sie prägen den Klang und das Feeling der Soulmusik. Ganz ähnlich wie beim Blues. Als Weißer in diesem Genre Erfolg zu haben, empfinde ich als eine große Auszeichnung.

Auf welche Weise haben Sie die deutschsprachige Soulmusik für sich entdeckt?

Gwildis:Mitte der sechziger Jahre wurden diverse Soulstars in den Staaten von ihren Plattenfirmen verdonnert, ihre Hits mit deutschen Texten zu singen. Diese germanisierten Versionen der Supremes, Temptations und Diana Ross klingen kurios bis grausam. Irgendwann trat Heinz Canibol – einer der deutschen Top-Manager im Musikbusiness und heute Chef meiner Plattenfirma – mit der Idee an mich heran, das seinerzeit misslungene Experiment von Soul mit den deutschen Texten in einer qualitativ aufgearbeiteten Form noch mal aufzugreifen. Irgendwann in den Neunzigern war das. Wir bearbeiteten zwei, drei Songs, und siehe da – es funktionierte. Das Material swingte und groovte. In der Folge entstand dann mein Erstlingswerk „Komms zu nix“ und noch konsequenter umgesetzt 2003 „Neues Spiel“. Seitdem bewohne ich diese Schublade, in der ich mich ausgesprochen wohl fühle.

„frei händig“ klingt nach Motown, nach Las Vegas, ein wenig nach Disco. Welches sind Ihre stärksten musikalischen Einflüsse, mit welchen Klängen sind Sie groß geworden?

Gwildis:Bei meinen Eltern standen eine Platte von Hildegard Knef sowie einige amerikanische Jazz-Sampler im Plattenregal. Das war meine musikalische Früherziehung. Ich bin im Hamburg der sechziger und siebziger Jahre aufgewachsen – einer Stadt, in der die Musik seit jeher pulsiert. Und das habe ich in mich aufgesogen wie ein Schwamm. Wegen ihrer Harmoniewelten und ihrer kreativen Ideen mochte ich die Beatles lieber als die Stones. Fasziniert haben mich dann progressive Gruppen wie Pink Floyd und Yes. Vor allem aber Emerson, Lake & Palmer, die seinerzeit Elemente aus Rock, Klassik und Jazz auf sensationelle Weise mit einander verwoben. Das Trio zauberte irre Soundcollagen mit der biederen Hammondorgel und einem damals ganz neuen Instrument namens Synthesizer. Natürlich war meine Wahrnehmung auch geprägt von Jazz und Blues, aber auch immer von den Strömungen in der populären Musik.

In allen neuen Songs haben Sie als Komponist und/oder Texter die Finger drin. Wie sind die Stücke entstanden?

Gwildis:Komponiert wird im Team, unserem Kreativpool. Meist bringe ich eine Idee mit. Eine Melodie oder ein Textfragment. Zusammen mit meinen engsten Mitstreitern Tobias Neumann und Martin Langer wird der Gedanke dann praktisch am Küchentisch weiterentwickelt, in Strukturen gebracht und im Studio aufgenommen, dabei bis zum Schluss immer wieder optimiert. Also eine echte Mannschaftsleistung.

Dabei fällt Ihrem alten Schulfreund und Weggefährten Michy Reincke eine Schlüsselrolle zu.

Gwildis:In der Tat. Michy und ich sind seit ewigen Zeiten befreundet und genauso lange machen wir zusammen Musik. Er ist für einen großen Teil der Texte verantwortlich. Darüber hinaus ist er eine Art Regisseur und kreativer Controller. Er hat eine unheimlich feinmotorische Wahrnehmung und eigentlich immer die richtige Idee zur richtigen Zeit.

„Ohne Dich“, eine wundervoll swingende Ballade, singen Sie im Duett mit Regy Clasen. Wie kam es zu dieser Personalie?

Gwildis:Regy ist eine langjährige Weggefährtin von mir, singt seit ewigen Zeiten Background auf den Alben und bei den Konzerten. Für diesen Titel die optimale Partnerin. Überhaupt, ein irres Stück. Text und Musik funktionieren vollkommen konträr. Was so liebreizend klingt, erzählt mit viel Zynismus und Selbstironie vom Ende einer Beziehung. Das Gegenstück zu einem konventionellen Lovesong, was aber erst beim zweiten Hören auffällt.

Damit können Sie in der Samstagabendshow von Carmen Nebel landen!

Gwildis:Das kann passieren und das wäre für mich auch völlig okay. Ich habe da keine Berührungsängste. Im Übrigen war ich bereits zu Gast bei Dieter Thomas Heck und auch bei Carmen Nebel. Bei ihr hatte ich einen gemeinsamen Auftritt mit „Die Höhner“ und Dietmar Bär. Ich habe dort sehr viele nette und gute Künstler kennengelernt, die von ihrer Sache absolut überzeugt sind. Und das finde ich vollkommen in Ordnung. Ich mag es überhaupt nicht, wenn ganze kulturelle Bereiche – wie hier die Fraktion der Volks- und Schlagermusik – intolerant ins Abseits gestellt werden.

Die einzige Cover-Version auf der neuen CD ist „The Windmills of Your Mind“. Warum gerade dieses Stück?

Gwildis:Weil ich es vergöttere und schon seit langem ganz oben auf meinem Zettel habe. Ein Klassiker aus dem Film „The Thomas Crown Affair” aus dem Jahr 1969 mit Steve McQueen in der Hauptrolle. Noel Harrison singt das Original und diverse namhafte Künstler, unter anderem Kollege Lindenberg, haben sich dieser Nummer in der Vergangenheit angenommen.

Das neue Album geht am 24. Februar an den Start, anschließend gehen Sie auf Tournee. Wo geht es hin, was erwartet das Publikum?

Gwildis:Im Mai nehmen wir uns schwerpunktmäßig die norddeutschen Konzertsäle vor, im Herbst ist dann der Rest der Republik dran. Dazu kommen einige TV-Termine. Auf der Bühne geht’s mit der vollen Besatzung zur Sache – vierzehn Musiker stärken mir live in bewährter Form den Rücken.

Wo entwickeln Sie Ihre wahre Leidenschaft – im Studio oder auf der Bühne? Sind Sie in erster Linie Sänger, Komponist oder Entertainer?

Gwildis:Ein Journalist hat für mich mal den Begriff „Natural Born Rampensau“ kreiert. Klar, live vor Publikum ist für mich Genuss und Herausforderung zugleich. Die Kür und die Krönung. Doch auch der Weg dorthin – der kreative Prozess des Schreibens, das Ausarbeiten der Songs, die Aufnahmen – gehört dazu und ist extrem spannend.

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