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Auf die Ränder kommt es an

Das Sprengel Museum in Hannover zeigt Malerei von Ilya Kabakov

Auf die Ränder kommt es an

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Hannover - Von Wilfried DürkoopDas Hannoversche Sprengel Museum stellt erstmals das malerische Werk des mit zahlreichen Ehrungen ausgezeichneten Künstlers Ilya Kabakov aus. Sein Thema ist die Zeit des Totalitarismus in der Sowjetunion.

Ilya Kabakov: „Das Fliegende # 4“, 2009. ·

© Foto: VG-Bildkunst

Ilya Kabakov: „Das Fliegende # 4“, 2009. ·

Gleich neben der Eingangshalle des Museums werden drei riesige, in dunklen Farben gehaltene Tableaus präsentiert, auf denen Kabakov vielfach ineinander verschränkte und unterschiedlich fokussierte imaginierte Szenen von den Feierlichkeiten zur Verleihung des „Premium Imperiale“ 2008 in Japan darstellt. Dabei spart er, wie auch in manch anderen seiner Bilder, die Mittelzone aus, verlegt das Geschehen in die Ecken und in die Nähe der Ränder. Er kehrt damit die Erfahrung um, dass in der Mitte gemeinhin eine besondere Raumtiefe wahrgenommen wird. Der Künstler weiß, dass eine Bildmitte, die nichts zeigt, einen irrationalen Stellenwert gewinnt.

„Sie schauen“ nennt Kabakov seinen Gemäldezyklus nach den wenigen erhaltenen Fotografien seiner Familie. Er greift damit zurück auf die kunstgeschichtliche Tradition der Gruppenbildnisse. Auf einem Bild schweben in einer geradezu heraldischen Anordnung Porträtköpfe. Die stehenden Figuren „Mutter, Tante Riva, Tante Busia“ auf einem anderen Hochformat sind in Form eines Dreiecks einander zugeneigt und von irritierenden weißen Stufen umrahmt. Über ihnen erscheinen wiederum Personen aus dem Kreis der Familie – aus dem Grün der Landschaftsidylle in das Blau des Himmels emporsteigend.

Im Zusammenhang mit dieser Bildfolge sprach Kabakov von den Verlusten, die jede dieser Personen für ihn darstellt. Er wurde 1933 in Dnjepropetrovsk in der südlichen Ukraine als Sohn eines Schlossers und einer Buchhalterin geboren und wurde während des Krieges mit seiner jüdischen Familie ins usbekische Samarkand umgesiedelt. Nach dem Studium in Moskau arbeitete der diplomierte Grafiker als Kinderbuchbuchillustrator; seine eigenen Arbeiten konnte er lange Zeit nur als Feierabendbeschäftigung ausführen. Sein Dachatelier im Zentrum der Hauptstadt wurde alsbald zu einem Anlaufpunkt der abweichenden Kulturszene. 1987 verließ Kabakov das Land freiwillig, lebte zuerst überall in Europa, wohnt seit 1992 mit seiner Frau Emilia auf Long Island in den USA. Die beiden verarbeiten alte Materalien, Dokumente, Zeichnungen und Gemälde in Arrangements und Installationen. Fakten und Fiktionen dienen ihnen dazu, sich des Erinnerns zu gewärtigen.

Mit der zwanzigteiligen Folge „Fliegend“ von 2009, auch sie ist im Besitz des Künstlers, tritt diese Erinnerungsarbeit in eine neue Dimension. Anders als Malewitsch mit seinen weißen Quadraten schätzt Kabakov das Bild-im-Bild-Verfahren: Seine großen Hoch- und Querformate bemalte er mit kleineren Bildern. Die fliegen seitlich, drehen sich in der weißen Leere, manchmal verblassen sie oder lösen sich gar auf im weißen Raum. Dargestellt sind Heroen und gestählte Sportler, werkelnde Hausbesorger, lächelnde Kinder, wohlfrisierte Frauen, glückliche Alte – das Paradiesversprechen eines sozialistischen Optimismus, der offiziell Realismus genannt wurde.

In dieser fein arrangierten, sehr sehenswerten Ausstellung werden auch Gemälde aus früheren Zeiten präsentiert. Etwa jenes im konstruktivistischen Stil gehaltene, die von Cézanne inspirierte Landschaft oder der hochzuziehende Kommunalwohnungskomplex mit den Versprechen der Baubrigaden und applizierten Schaufeln. Manchmal taucht auf Bildern die gewöhnliche Stubenfliege auf, mal winzig, mal in hundertfacher Vergrößerung. Kabakov weiß, dass „Fliege sein bedeutet, nicht jemand zu sein, es bedeutet, sich in einem besonderen Zustand zu befinden“.

Sprengel Museum, Hannover. Bis 29. April. Der im Kerber-Verlag erschienene Katalog kostet im Museum 29 Euro.

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