Von Wilfried DürkoopFRANKFURT/M. · In der Frankfurter Schirn Kunsthalle wird Edvard Munch nicht einmal mehr als schwermütiger Maler vorgestellt. Sie zeigt vielmehr auch seinen produktiven Umgang mit Film und Fotografie.

© Foto: The Munch Museum
Edvard Munch: Selbstportrait vor zwei Aquarellen II, Ekely, 1930. ·
Edvard Munch, der Traumata und Konflikte zum Thema seiner Kunst gemacht hatte, war nach einer nervösen Krise 1908 endgültig nach Norwegen zurückgekehrt und hatte sich 1916 auf seinem Anwesen Ekeley bei Kristiania niedergelassen. Aber er lebte nicht zurückgezogen und isoliert, war vielmehr aufgeschlossen für die neue Technik, fand Gefallen an Film und Fotografie. In den späten 1920er Jahren filmte er mit seiner Pathé-Baby-Kamera in Oslo flanierende Passanten, die Vorbeifahrt von Kutsche und Straßenbahn, später folgten Impressionen aus Dresden. Am Ende eines der vier 9,5-mm-Filme beugt er sich zum Objektiv, um es zu untersuchen – es schient, als wolle er hinter den Spiegel blicken. Und er fotografierte mit einer Bull‘s-Eye Kodak Nr. 2, die er schon 1902 in Berlin erworben hatte, „nach Rücksprache mit meiner Eitelkeit“, wie er einem Freund schrieb, gern sich selbst. Er nahm sich im Freien auf oder vor seinen Bildern im Atelier. Dabei hielt er die Kamera mit ausgestrecktem Arm von sich weg, richtete das Objektiv auf seinen Kopf. Er konnte sich, da er die Aufnahmen im Jahresabstand machte, kritisch mustern und sein Älterwerden erkunden. Die gerahmten Originalabzüge mögen keine keine große Fotokunst sein, zeigen Munch aber als experimentierfreudigen Künstler auf der Höhe der Zeit.
Für die Komposition einiger Gemälde ließ er sich von seinen Erfahrungen als Kinogänger leiten. Die „Pferde im Galopp“ etwa nehmen eine klassische Filmperspektive ein, indem sie auf den Betrachter zurasen. Die Allee, die sich auf einem anderen Bild in die Tiefe des Raumes erstreckt, scheint ohne die von der Fotografie oder dem Film vermittelten Erkenntnisse schwer vorstellbar.
Im Sommer 1930 wurde bei Munch ein Riss in der Netzhaut festgestellt, der zu Blutungen im rechten Auge führte. In den Wochen der Rekonvaleszenz hielt er die Eindrücke fest, die er mit der verletzten Netzhaut wahrnahm. Er aquarellierte und zeichnete vibrierende und konzentrische Kreise oder er zeigt sich auf einer Kreidestift-Zeichnung mit verletztem Auge und einem dunklen aufgeplusterten Vogel.
Munch skizzierte ein brennendes Haus, malte – diagonal gestaffelt – Arbeiter, die Schienen von verwehtem Schnee frei graben oder auch die panisch reagierende Menschenansammlung während des Ersten Weltkrieges. Dabei sind die Farben intensiv, selbst noch in den dunklen Tönen.
In dieser großen und spannenden Ausstellung ist Munch nicht nur als einsamer Meister zu bewundern, der sich der Darstellung des eigenen Universums widmete, sondern auch als Künstler, der die Zeitläufte des 20. Jahrhunderts verfolgt. Sie bietet neben Bekannten eben auch viel Überraschendes.
Schirn Kunsthalle, Frankfurt. Bis 13. Mai.
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