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Zum Auftakt des Festivals „Straße der Kunst“ befasst sich eine Schau im Syker Vorwerk mit Verkehrswegen

Leiden on the road

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Syke - Von Johannes BruggaierFür Künstler liegt das Geld nicht auf der Straße, vielmehr ist der Weg das Ziel: einer der vielen Wege, die bekanntlich allesamt nach Rom führen. Alles nur Phrasen? Selbstverständlich. Aber genau darin liegt die Gefahr einer Ausstellung über Straßen, Wege und Verkehr. „On The Road“ heißt die Schau im Syker Vorwerk, mit der morgen die Veranstaltungsreihe „Straße der Kunst“ eingeläutet wird. Und um es vorweg zu nehmen: Die meisten der zehn beteiligten Künstler aus der Region haben die Klischeefalle glücklich umschifft.

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Lutz Schlizies zum Beispiel kümmert sich gar nicht um Straßen und Wege. Sondern um das, was ihre täglichen Nutzer zu sehen bekommen. Und das ist mitunter schlicht, manchmal auch ernüchternd – jedenfalls im Landkreis Diepholz. Denn natürlich sind es vor allem Getreidesilos, die mächtig in den Himmel ragen: Graue Ungetüme, die dem leuchtenden Abendhimmel eine mehr industrielle denn idyllische Anmutung verleihen. Freundlicher erscheinen da schon die wenigen verbliebenen Leitungsmasten. Doch auch hier zeigt sich ein doppelter Boden: Sind sie nun eine nostalgische Reminiszenz an das ursprüngliche Leben im Dorf oder ein Zeichen provinzieller Rückständigkeit?

Noch weiter entfernt sich Wolfgang Kowar vom eigentlichen Arbeitsauftrag. Sowohl die Straße als auch die angrenzende Landschaft sind ihm zu konkret, weshalb er sich auf etwas so Luftiges beschränkt wie vergangene Blicke. Denn darum handelt es sich genau genommen, wenn er die Abfallprodukte von Litfasssäulen zu Plastiken verarbeitet: zentimeterdicke Plakatschichten, über Jahre entstanden durch immer wieder neue Überklebungen. Jede einzelne dieser Schichten hat Straßengeschichte erlebt. Tausende Blicke ruhten auf ihr, unzählige Passanten haben sie gesehen. Die Botschaft, die auf ihr prangte, ist längst angekommen, der Text buchstäblich ausgelesen. Nur Restbestände sind von ihm übrig geblieben: „Goethe-Institut“, „Hannover“ oder auch bloß „einer“. Die Essenz ist flüchtig, ihre Gestalt massiv. Denn nach immer neuen Durchtränkungen mit Plakatkleister sieht das Papier heute aus wie wuchtiges Gestein.

Und es geht noch abstrakter. Rita Bieler etwa erklärt die Straße zu einer reinen Kopfsache. Verschlungene Linien markieren das Verkehrsnetz unseres Bewusstseins. Ein Chaos ist das, solange man es aus der Nähe betrachtet. Aus der Distanz hingegen, wenn das große Ganze sichtbar wird, zeigt sich in dem komplexen Gebilde eine Ordnung: Psychologie auf Leinwand.

Manche Begriffsauslegungen erscheinen allzu gewagt. Sowohl Dieter Zirkel als auch Doris Löhr etwa fühlen sich von der Themenstellung zu einer Auseinandersetzung mit dem Kreuzweg Christi inspiriert. In freskenhaften Miniaturen lässt Löhr die 14 Stationen der Via Dolorosa erahnbar werden. Das ist eine ästhetisch durchaus überzeugende Annäherung an das Leiden und Sterben des Erlösers. Wäre da nur nicht der Ausstellungstitel: „On The Road“.

Da erscheint Sabine Wesers Ansinnen schlüssiger, die Straße als Ort der Begegnung zu porträtieren. Die Straße ist bei ihr nicht die Verbindung eines Startpunktes mit seinem Ziel, sondern ein Raum des Öffentlichen. Hier ist noch die Begegnung von Alt und Jung möglich, hier kommen Nachbarn ins Gespräch: Restbestände von Unmittelbarkeit im Zeitalter der digitalen Netzwerke.

Natürlich ist auch die plakative Richtung vertreten, die klare Botschaft, die politische Kritik. Gerd Kadzik etwa, der seine „Kreuzung“ in eine graue Betonlandschaft malt und ihr links und rechts vier schwarze Kreuze zur Seite stellt: die Straße als todbringender Natureingriff. Und Isabel Ambrosius verweist in einer allzu direkten Figürlichkeit auf den beschwerlichen Weg afrikanischer Flüchtlinge ins gelobte Europa.

Zu guter Letzt erhält auch noch der Kunstexperte dieser Zeitung eine kritische Würdigung. Der Künstler Adam aus Martfeld hat nämlich sein Alter Ego auf Reisen geschickt: eine Pappmaschee-Skulptur, die in gebückter Haltung traurig ihren Rollator schiebt, im Einkaufsnetz liegt ein gelber Sack. Eine so traurige Gestalt muss ein Provinzkünstler sein oder – noch schlimmer – ein „Provinzkünstler auf dem Wege zur Anerkennung“. Woher er sich diese erhofft, lässt sich den großzügig ausgerissenen Pappmaschee-Teilen entnehmen. Denn auf jedem sind zumindest noch drei Informationen enthalten: der Zeitungstitel, das Ressort und der Autorenname. Allesamt: Kreiszeitung, Kultur, Rainer Beßling. Es ist ein Figur gewordenes Rezensionsarchiv, ein Denkmal für den Kritiker. Und bei näherem Hinsehen ein Mahnmal: Kein einziger Artikel gilt Adam aus Martfeld.

Mit der Ausstellung „On The Road“ beginnt die Veranstaltungsreihe „Straße der Kunst“. Weit über 300 Künstler sind daran mit Ausstellungen, Symposien, Workshops und Konzerten beteiligt. Die Eröffnungsfeier findet heute um 15 Uhr im Syker Vorwerk statt, weitere Informationen unter: http://www.strasse-der-kunst.de

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