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Ein Schnösel wächst an der Reibung: Goethes „Torquato Tasso“ am Theater Bremen

Ein Schnösel wächst an der Reibung: Goethes „Torquato Tasso“ am Theater Bremen

Knallhart gütig

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Bremen - Von Johannes Bruggaier - Ein paar Meter entscheiden an diesem Abend über Kulisse oder Leere, über Premiere oder Probe, über Sein oder Nichtsein.

© Foto: Landsberg

Und das alles nur für mich? Torquato Tasso (Thomas Hatzmann) kann sein Glück kaum fassen. Derweil können es Leonore von Este (Franziska Schubert, l.) und Leonore Sanvitale (Varia Linnéa Sjöström, r.) kaum erwarten, dass der Hofdichter endlich im Glaskasten sitzt.

Das Bühnenbild zu Nora Somainis „Torquato Tasso“-Produktion ist zwar vorhanden an diesem Abend, allerdings schwebt es knapp unterhalb des Schnürbodens. Die Züge klemmen und wollen das höfische Wohnzimmer einfach nicht auf die Bühne des Schauspielhauses niederlassen. Von einer Premiere, erklärt zu Beginn ein zerknirschter Spartenchef Marcel Klett, könne deshalb keine Rede mehr sein, vielmehr gebe es eine Art Voraufführung mit der Bitte um Verständnis für etwaige Mängel.

Nun ist Theater, anders als der Film, nicht zwingend auf die perfekte Illusion angewiesen, meist genügt das Wissen um die Idee. So lässt sich auch im Bremer Schauspielhaus die Absicht einer beengenden Wirkung durch drei Wände einfach dazu denken. Und das darstellerische Personal lässt sich von technischen Widrigkeiten ohnehin nicht aus der Ruhe bringen. In der aufreizenden Zwanglosigkeit eines Monarchen schlurft etwa Alfons der Zweite (Martin Baum) auf die leere Bühne. Sein brauner Umhang mutet an wie ein Morgenrock, aus seinem unrasierten Gesicht blicken zwei verschlafene Augen, und statt politischer Sorgen beschäftigt ihn erst mal nur der Verbleib seines Hofhundes. „Hasso!“ ruft er mit nachsichtigem Lächeln auf den Lippen. „Hasso!“ Doch genau hinhören: Es ist ja gar nicht Hasso, den er da ruft, sondern „Tasso“. Und nicht ein Hündchen hat er im Sinn, sondern seinen Hofdichter, der sich wieder mal Gott weiß wo herumtreibt.

Ach, unser Tasso, ächzt Alfons milde, während er es sich im Kreise seiner Hofdamen Leonore von Este (Franziska Schubert) und Leonore Sanvitale (Varia Linnéa Sjöström) bequem macht: Immerzu hat er Flausen im Kopf und glaubt, alle wollten ihm was Böses. Da lächeln sie fein, die sonnenbebrillten High-Society-Schönheiten in ihren flippigen Kostümen. So sind sie eben, die Dichter. Liebenswerte Wirrköpfe, versponnen, aber harmlos.

Und als Torquato Tasso (Thomas Hatzmann) dann tatsächlich auftaucht, erweist er sich als ebendieses Schoßtier, nach dem Alfons so sehnsüchtig gerufen hat: ein schnöseliger Pop-Autor mit Hundeblick, der seinem Gebieter unter albernem Gejohle – „Oooh!“ – das Manuskript eines soeben endlich abgeschlossenen Epos zuwirft. Der Fürst und seine Dämchen sind entzückt über diese frohe Botschaft, und zum Lohn für die harte Arbeit gibt es den verdienten Lorbeerkranz. Wobei Regisseurin Somaini gleich – nicht die ganze Bühnentechnik ist defekt – ein ganzes Gewächshaus von oben hernieder fahren lässt. So sieht er aus, der Künstlerlohn im Herzogtum Ferrara: üppig, jedenfalls solange der Intellektuelle sich auf seine Aufgabe als leicht verträgliches Zierstück des Hofes besinnt und sich in das ihm zugedachte Gewächshaus verkriecht. Wovon sein neues Werk nun handelt? Völlig egal.

Die wirklich wichtigen Personen des Staates sind ohnehin Männer wie Antonio (Alexander Swoboda): Diplomaten, die in der rauen Welt da draußen politische Geschäfte regeln. Der Staatssekretär berichtet Alfons von seinem jüngsten Verhandlungserfolg in Rom, lässt sich mit feierlicher Miene einen Orden an die stolzgeschwellte Brust heften und riskiert anschließend einen abschätzigen Blick in den Glaskasten – als handele es sich um das neueste Terrarium für die fürstliche Eidechsensammlung. So viel Blattwerk für einen albernen Verseschmied? Allmählich, so findet Antonio, werde Fürst Alfons in seiner Großherzigkeit unmäßig.

Goethes „Torquato Tasso“

Man mag ihm mit Blick auf dieses Jüngelchen, das da stolz in seinem Gebüsch sitzt, nur schwerlich widersprechen. Einerseits. Andererseits sind es ja gerade die maßlosen Würdigungsarien, mit denen der Fürst seinen Dichter im Zaum hält. Nicht auszudenken, auf welche Ideen Tasso käme, erhielte er keine Anerkennung.

Indem Somaini die Würdigung als herrschaftliches Machtinstrument kennzeichnet, liest sie Goethes Drama als heutige Parodie auf den staatlich gesteuerten Kulturbetrieb. Als Abgesang auf eine Gesellschaft, die Kunst nur noch zur Zierde braucht und ihren intellektuellen Anspruch allein in Sonntagspredigten zur Schau trägt. Das ist legitim und auch szenisch überzeugend gelöst, lässt allerdings zur Pause eine Frage offen: Mit welchem Recht soll eine Kunst auf mehr Beachtung dringen, die sich selbst mit dieser Gesellschaft längst arrangiert hat?

Die Antwort liefert Somaini im zweiten Teil des Abends, indem sie den Schnöseldichter an der Auseinandersetzung mit seinem Staat wachsen lässt. Erst durch die Beleidigung Antonios beginnt Tasso das System seiner Entmündigung zu begreifen. Und so packt er kurzentschlossen die ihm zugedachten Pflanzen in Plastikfolie ein, versieht sein Jungengesicht mit martialischer Kriegsbemalung und fordert schließlich von Alfons die Rückgabe seines Manuskripts. Erst in der Reibung erlangt der Künstler Reife: Mit dieser Setzung denkt Somaini den Gedanken der legendären Bremer Inszenierung von Peter Stein weiter, der Tasso 1969 als Hofnarren inszenierte, den Künstler als bloße Dekoration der Macht. Und sie nimmt – ob gewollt oder nicht – Bezug auf die letzte „Tasso“-Produktion am Goetheplatz, als Thomas Bischoff vor zwölf Jahren den Titelhelden sterben ließ. Bei Somaini verkriecht er sich in einen Schrank, um sich still und leise am Strick aus dieser fatalen Machtstruktur zu verabschieden. Doch ausgerechnet Antonio gelingt es, den Dichter wiederzubeleben: Nichts ist für einen Staat gefährlicher als Nachrichten über Dissidenten-Selbstmorde.

Der neue „Torquato Tasso“ am Bremer Theater leuchtet das Verhältnis zwischen Macht und Kunst bis in den hintersten Winkel aus. Ein solches Unterfangen kann leicht in ein theoretisches Seminar münden. In Bremen aber versteht es das darstellerische Personal, dieses komplexe Gefüge in einer ungeahnten Leichtigkeit aufzuzeigen. Das gilt für Thomas Hatzmann, der in Tasso den Wandel durch Widerstand aufzeigt. Das gilt für Alexander Swoboda, der die emotionalen Angriffspunkte im so forschen Auftreten seiner Figur deutlich macht. Und das gilt auch für Franziska Schubert und Varia Linnéa Sjöström, die als Hofdamen eine mehr subversive Variante der politischen Einflussnahme auf den Künstler offenbaren. Wahrhaft großartig aber ist Martin Baums doppelbödiges Spiel des Machtmenschen Alfons: ein Landesvater von knallharter Güte, ein Menschenfreund, der seine Untertanen umarmt, bis sie ersticken.

Die Kulisse wollte sich bis zum Schluss nicht auf die Bühne senken lassen. Gestört hat es keinen.

Weitere Vorstellungen: am 12. Februar um 18.30 Uhr sowie am 14., 17. und 24. Februar, jeweils um 20 Uhr am Theater Bremen.

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