Bremen - Von Corinna LaubachDer Ausgangspunkt des Stückes ist wahrlich kein schöner. Das Publikum blickt ins sterile Kabinett des Gerichtsanthropologen Boon. Auf dem Stahltisch liegt eine abgedeckte Leiche.

Norwegen ohne das Hässliche: „Die Durstigen“ sind am Bremer Moks zu erleben.
Die eines jungen Mannes, der, wie wir im Laufe des Abends erfahren, sich mit 17 Jahren das Leben genommen hat, weil es ihm keine Perspektive bot. All das ist ebenso beklemmend wie wahrhaftig. Und alles im allem besteht darin der große Kunstgriff des kleinen Dramas.
„Die Durstigen“ des frankokanandischen Gespanns Wajdi Mouawad und Benoît Vermeulen ist eine einzige Revolte. Schnell offenbart sich, dass hinter der lauten Wortfassade aus vielfachem „Fuck“ und „Verflixte Scheiße“ ein verzweifelter Kampf für das Leben, für den eigenen Weg, für wahre Empfindungen steht. Der, der so wütend in einer Art Kriegertoga gehüllt vorne an der Bühnenrampe steht und sich selbst sowie sein sich ständig wiederholendes Leben ohne jedlichen Sinn satt hat, ist Sebastian Murdoch (Christopher Ammann). Springt er quicklebendig über die Bühne und durch die Zuschauerreihen, erlebt ihn das Publikum in der Rückblende. Denn Murdoch ist die Leiche auf Boons (Simon Zigah) Tisch – und somit nicht nur ein weiterer Fall, sondern auch die Metapher für Boons Leben, nachdem er alle schriftstellerischen Träume als Jugendlicher begraben hat und heute Leichen seziert. Jetzt hat er zwei bis zur Unkenntlichkeit miteinander verwobene Leichen auf dem Tisch, mit denen ihn seine Vergangenheit einholt. Der eine, Murdoch, war ein Schulfreund. Die andere, Norwegen, eine von ihm erfundene Romanfigur. Was absurd scheint, fügt sich wundervoll zu einem soghaften Abend über Identität und Daseinsgrund.
Mit dem Drama „Die Durstigen“ feierte das Bremer Moks eine eindringliche Premiere im Brauhauskeller. Es ist ein verzweifelter Aufruf, nach Lebensfreude und Sinn zu suchen, bevor man im eigenen Leben erstarrt und sich lebendig begraben fühlt wie Murdoch. Wie schon bei den großen Klassikern ist es die Sehnsucht nach dem Wahren, nach wahren Emotionen, die Murdoch und viele tragische Helden vor ihm antrieb.
Das einstige Moks-Ensemblemitglied Konradin Kunze zeigt als Regisseur sensible Erzählqualitäten. Verlassen kann er sich auf starke Bühnencharaktere, die mit ihrem Spiel das Publikum gefangen nehmen. Insbesondere Christopher Ammann spielt den verzweifelten Murdoch mit solch einer Wut, dass einem angst und bange wird. Ein Erlebnis.
Nächste Vorstellungen am 13., 14. April, 2., 5. und. 12. Mai, jeweils um 20 Uhr im Moks.
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