Von Johannes BruggaierGÖTTINGEN · Historiker und Geisteswissenschaftler denken dieser Tage oft an den 1. November des Jahres 1755. Der Tag, an dem ein gewaltiges Erdbeben Portugals Hauptstadt Lissabon erschütterte, ein Großbrand die eingestürzten Häuser niederbrannte und ein Tsunami den Untergang der eben noch blühenden Küstenmetropole besiegelte, gilt als Wendepunkt der europäischen Geschichte.

Historische Darstellung des Erdbebens von Lissabon: Die Naturkatastrophe im Jahr 1755 gilt heute weithin als Wendepunkt in der abendländischen Geistesgeschichte.
Philosophen sahen sich anschließend zu Revisionen bisheriger Argumentationsmuster veranlasst, Theologen begannen an der Allmacht Gottes zu zweifeln, Dichter gerieten in tiefe Daseinskrisen – so jedenfalls die Legende. Der Göttinger Literaturprofessor Gerhard Lauer hat die Auswirkungen der Katastrophe analysiert („Das Erdbeben von Lissabon und der Katastrophendiskurs im 18. Jahrhundert“, Wallstein Verlag) und festgestellt: Wirklich umgedacht hat damals kaum jemand. Die mentalen Auswirkungen von Ereignissen wie der aktuellen Katastrophe in Japan würden grundsätzlich überschätzt.
?Herr Lauer, kürzlich stand zu lesen, das Erdbeben in Japan stehe mit seiner Stärke von 9,0 auf einer Stufe mit dem Erdbeben von Lissabon. Warum wird heute immer noch ein Ereignis aus dem Jahr 1755 als Maßstab für Naturkatastrophen herangezogen?
!Das liegt weniger in der Stärke des Erdbebens begründet als in der damaligen Medienpolitik. Italien etwa hatte in der frühen Neuzeit weitaus mehr Erdbeben zu erleiden als Portugal. Die europäische Öffentlichkeit nahm davon aber kaum Notiz. Ganz anders nach der Tragödie von Lissabon, von der Zeitungen in ganz Europa berichteten.
?Auch Europas Intellektuelle waren aufgeschreckt. Was war für sie denn der Unterschied zu bisherigen Katastrophen?
!Der Unterschied bestand darin, dass in Voltaire der führende Intellektuelle dieser Zeit das Thema aufgegriffen hat. Dessen Schriften fanden eine enorme Verbreitung. Später haben Verfasser von Literatur- und Kulturgeschichten diese Wirkung zusätzlich überhöht: Da war davon die Rede, dass der Optimismus der Aufklärung erschüttert worden sei – das Erdbeben wurde zum Wendepunkt der abendländischen Kultur stilisiert. Betrachtet man aber die Gesamtsumme der damaligen Publikationen, so lässt sich diese These nicht aufrecht erhalten. Tatsächlich bewegten sich nach 1755 die allermeisten Auseinandersetzungen mit dem Thema im Rahmen der damals üblichen Straftheologie.
?Der Straftheologie?
!Christen haben sich nach Ereignissen wie dem Erdbeben von Lissabon schon immer mit der sogenannten Theodizee-Frage konfrontiert gesehen: also mit der Frage, wie man angesichts solch offenkundig sinnlosen Leidens an einen allmächtigen und gütigen Gott glauben soll. Die Straftheologie beantwortet diese Frage dahingehend, dass Gott die Menschen für ihr sündiges Leben bestraft. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein wurde diese These kaum angezweifelt – auch nach dem Erdbeben in Portugal nicht.
?Die Legende von der alles verändernden Tragödie ist also ein Mythos?
?Kants „Kritik der reinen Vernunft“, die Ende des 18. Jahrhunderts erschien, lässt sich demnach nicht auf das Erdbeben zurückführen?
!Sie spielen auf die verbreitete Vorstellung an: Da kommt das große Ereignis, die Menschen denken neu über sich nach, und am Ende bringt es der Philosoph auf den Punkt. In dieser Schlichtheit lässt sich das in der Tat sicher nicht aufrecht erhalten.
?Die Theodizee-Frage hat sich heute insofern aufgelöst, als sich die Menschheit mit der Möglichkeit einer Nicht-Existenz Gottes arrangiert hat. Könnten die Ereignisse in Japan dennoch eine ähnlich hohe Symbolkraft entwickeln wie das Erdbeben von Lissabon?
!Wir neigen dazu, solche Ereignisse als Zäsuren zu interpretieren. Dabei bestätigen sie in den meisten Fällen lediglich Haltungen, die wir bereits vorher eingenommen haben: etwa – wie für viele jetzt in Japan – die Auffassung, dass Atomkraft zu gefährlich ist. Ob sich die Energiepolitik tatsächlich ändern wird, ist dabei gar nicht absehbar. Die Grundlinien des gesellschaftlichen Diskurses im 18. Jahrhundert – Theodizee einerseits, Straftheologie andererseits – sind nach dem Erdbeben von Lissabon nahezu unverändert geblieben. Es kann also keine Rede davon sein, dass hier ein fundamentales Umdenken stattgefunden habe. Und darin besteht die bittere Erkenntnis für die Opfer solcher Katastrophen: Dass wir sie immer wieder für unsere Überzeugungen instrumentalisieren. Was sich ja auch gegenwärtig in der Politik wieder erleben lässt.
?In der Kunst hat das Erdbeben von Lissabon aber doch zweifellos deutliche Spuren hinterlassen: etwa in Heinrich von Kleists „Erdbeben in Chili“. War auch das nur bloßer Schein?
!Zumindest entspricht der Niederschlag dieses Themas in der Musik und Literatur gängigen ästhetischen Mustern. Auch Künstler nehmen gerne solche Ereignisse zum Anlass, um bereits gefasste Vorstellungen effektvoll umzusetzen. Bei Kleist lässt sich das schon allein daran erkennen, dass er sich in seiner Novelle zu einer Veränderung der gesamten historischen Konstellation veranlasst sah.
?Und heute? Werden das Naturereignis und die absehbare atomare Katastrophe in Japan die Ästhetik beeinflussen?
!Wir erwarten das, weil wir uns nach dem Wendepunkt sehnen, nach der großen Zäsur, der historischen Wegmarke: Das ist ein tiefes menschliches Bedürfnis, hat aber mit der Realität wenig gemein. Die moderne Ästhetik hat sich von diesem Bedürfnis sehr stark verabschiedet. Denken Sie nur an die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts, den Holocaust: Wären Sie über das Ereignis heute nicht informiert, könnten Sie in der Literaturgeschichte kaum eine nennenswerte Veränderung feststellen – vorausgesetzt natürlich, sie klammern thematische Bezugnahmen aus.
?Also keine Auswirkungen?
!Die Literatur ist dafür einfach zu stark auf Probleme des Subjekts ausgerichtet. Wer heute Texte junger deutscher Autoren liest, wird zu den Folgen der Terroranschläge vom 11. September kaum etwas finden. Die beschäftigen sich mit ganz anderen Themen: vorwiegend mit dem akademischen Mittelstand in Berliner Altbauwohnungen.
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