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Keine Rettung vor dem Wandel

Tode im Dämmerlicht: Das Syker Vorwerk zeigt Werke der lettischen Künstlerin Ilze Orinska

Keine Rettung vor dem Wandel

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Syke - Von Johannes BruggaierAls Ilze Orinska Anfang der neunziger Jahre nach Bremen kam, war ihr Zuhause gerade auseinandergebrochen. Sie hatte zuvor das ganze Programm sowjetischer Künstlerausbildung durchlaufen.

Ilze Orinska: „Werkzeug I (‚Roter Spaten‘)“, Öl auf Spanplatte, 2010. ·

© Foto: Vorwerk

Ilze Orinska: „Werkzeug I (‚Roter Spaten‘)“, Öl auf Spanplatte, 2010. ·

Vier Jahre Kunstakademie in Riga: Das bedeutete zuallererst die harte Schule des Malereihandwerks. Doch dann war es plötzlich keine sowjetische Künstlerin mehr, die sich an der Bremer Hochschule zu einem weiterführenden Studium einschrieb, sondern eine lettische. Und wenngleich ihr der Umzug in den Westen nach eigener Aussage wie eine Befreiung vorkam, so war ebendiese Befreiung zugleich doch auch zuhause im Gange: Der Eiserne Vorhang war gefallen, Lettland hatte seit einem Jahr seine Autonomie zurückgewonnen.

Vielleicht ist das alles gar nicht von Bedeutung für die Ausstellung mit Werken von Orinska, die morgen im Syker Vorwerk eröffnet wird. Schließlich geht es darin um Tiere, Früchte, Bäume – um alles, nur nicht Politik. Doch was so betont unpolitisch wirkt, hat schon immer den Verdacht des Subversiven erweckt, und so lässt sich auch in Orinskas Kunst vielfach eine Reflexion politisch bewegter Zeiten erahnen.

Der Wandel nämlich ist den figürlichen Malereien eingeschrieben. Etwa in der Früchte-Serie: ein Apfel, eine Banane, eine Birne, jeweils realistisch abgebildet, eingepasst in ein breites Passepartout, gerahmt, verglast, alles sauber, alles korrekt. Doch dann wird da eine faule Stelle sichtbar, ein Stück Natur auf diesem so steril inszenierten Obst, ein Zeichen von Sterblichkeit, der Anfang vom Ende.

Was auf weißem Papier wie eine Parodie auf die keimfreie Ästhetik der Biologiebücher wirkt, zeigt sich auf grundierter Spanplatte zunächst als naive Idylle. Orinska nutzt den harten, Flüssigkeit abweisenden Untergrund, für leuchtend saftige Naturszenen aus ihrer lettischen Heimat. Die Käfer mit ihren glänzenden Flügeln, die Schlangen mit ihrer schimmernden Haut, die Bäume mit schillernden Blättern: Das alles erscheint in seiner Plastizität geradezu überrealistisch, wie die idealisierende Erinnerung an eine längst vergangene Zeit. Tatsächlich ist es ein trübes Dämmerlicht, das sich wie ein Schleier des Vergessens über die Szenen legt. Und wer genau hinsieht, findet immer auch den Tod. Vogelkadaver, tote Insekten, Federreste: Auf Nostalgie trifft Symbolik der Vergänglichkeit.

Bei manchen Bildern liegt mittendrin ein altes Werkzeug, von der Künstlerin selbst in Lettland aufgefunden, ausgemessen, abfotografiert – und später dann in ihrer Berliner Galerie auf Spanplatte gemalt. Ein Spaten liegt da wie zufällig abgelegt auf kargem Erdboden, das Metall bereits verrostet, stellenweise ist Grünspan zu sehen: ein Dokument von längst getaner Arbeit. „Werkzeuge“ nennt Orinska diese Serie. In Abgrenzung zu den „Naturalia“, ihren genuinen Naturstudien.

Eine dritte Serie, die in dieser Ausstellung vertreten ist, nennt sich „Apiarium“. Sie zeigt ein Imkerpaar bei der Arbeit. Dass es sich tatsächlich um Mann und Frau handelt, lässt sich freilich nur erahnen, werden doch die Figuren durch ihre Berufsbekleidung auf ihre Silhouette reduziert. So zeigt sich auch in der vollständigen Körperbedeckung der beiden Imker wieder ein Verschleierungseffekt – ähnlich dem allgegenwärtigen Dämmerlicht der Naturstudien. Zusätzlich verstärkt wird diese Wirkung durch die Maltechnik mit Tusche und Acryl, die den Imkerszenen die Ästhetik von Foto-Negativen verleiht.

Orinskas Annäherung an Heimat, Natur und Vergänglichkeit scheint ständig bedroht von schmerzhaften Einstichen, so heikel wie die Tätigkeit der von ihr porträtierten Imker. Es ist die verrätselte Suche nach einem Mittel gegen die Flüchtigkeit, ein Versuch der Rettung verschütteter Werte in Zeiten der Beschleunigung. Weil auf dieser Suche niemals ein endgültiges Ziel in Sicht ist, entzieht sich Orinskas Kunst jeder Plakativität. Ihr technisches Können ist stets mehr als nur Selbstzweck, hinter dem malerischen Effekt verbirgt sich immer eine Fragestellung an unsere Gegenwart: an das Zeitbewusstsein, an das Naturverständnis, an den Heimatbegriff. Eine ästhetisch wie intellektuell anregende Ausstellung.

Von 5. Februar bis 22. April im Syker Vorwerk. Öffnungszeiten: Mi. 15-19 Uhr, Sa. 14-18 Uhr, So. 11-18 Uhr.

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