Bremen - Von Tim Schomacker - Worüber reden wir, wenn wir über Elfen reden? Wir reden über etwas, das nur in Erscheinung tritt, wenn es das will. Und nicht etwa wenn wir es wollen. Eigentlich redet an diesem Abend nur Wolfgang Müller.

© Mediengruppe Kreiszeitung / Foto: Bahlo
In der Erzählschleife: Wolfgang Müller.
Wir hören zu. Zurückgelehnt in bequemen Sesseln. Das eigenwillige Unsichtbare zieht sich wie ein roter Faden durch die ästhetische Vita des 1957 geborenen Müller.
Eingeladen von der Bremer Schwankhalle, erfindet er sich für eine Serie von Werkschau-Abenden neu – als Vortragskünstler. Eine Retrospektive, die sich über Monate hinstreckt. Schon am spärlich besuchten Eröffnungsabend wird klar: Gäb’s ihn nicht bereits, jemand müsste hergehen und Wolfgang Müller erfinden.
So wie er vor gut 30 Jahren gemeinsam mit seinem Kommilitonen Nikolaus Utermöhlen die Musikgruppe „Die tödliche Doris“ erfand. Etwas wird sichtbar. Müller macht es sichtbar – aus der Halbdistanz. Als Nicht-Musiker musizieren, sich als Nicht-Wissenschaftler mit Vogelkunde beschäftigen, als Hörender die Dialekte und Entwicklungen der Gebärdensprache erkunden. Kunst sei für ihn ein Forschungszweig gewesen, immer schon.
Eine Schleife in die jüngere Kulturgeschichte der kanadischen Mohawk hier, ein Schlenker in die Designgeschichte dort: Haben Sie gewusst, dass die FDP sich ihre Farben 1971 von einem Düsseldorfer Gestaltungsbüro entwerfen ließ? Weil Blau und Gelb gerade an den Sichträndern so gut harmonieren? Einerlei, was im Veranstaltungstitel steht: Müller durchkreuzt stets seinen eigenen Leitmotivkanon. GEMA und Goetheinstitut, Vogelgesang und Gebärdensprache. Heute eben mit dem Schwerpunkt Island und Elfen. An Reykjavík hat er sein Herz verloren, Hauptstadt des „Landes ohne Eisenbahn“. Als Anekdotensammler erkundet Müller diesen nordländischen Forschungsbereich seit 25 Jahren. Was herauskommt, erscheint in Büchern wie „Neues von der Elfenfront“, in Ausstellungen oder Zeitungsartikeln. Als (weitgehend unbemerkter und eben darum gut dokumentierter) Ausschnitt des Gesamtkunstwerks Wolfgang Müller tingelte er als „Elfenexperte“ durch deutsche Talkshows, erzählt, wie er die Redaktion von „Vera am Mittag“ dazu brachte, statt Honorar zu zahlen, Elfenoutfits nach seinen Plänen zu schneidern. Erzählt, wie er dem isländischen Präsidenten entlockte, dass in dem Fjord, aus dem er stammt, Trolle mehr beeindruckt hätten als Elfen.
Bei Müllers teilnehmender Beobachtung, liegt der Akzent auf der Teilnahme. Sein Handeln setzt eine Was-passiert-dann-Maschine in Gang. Er berichtet von der Gründung eines privaten Goethe-Instituts in Island. Und den bedrohlichen Reaktionen der offiziellen Kulturpolitik. Oder vom Anruf bei einem süddeutschen Hersteller für Plastikbälle mit Weltkarten drauf. Warum Island dort fehle – wie auf den ersten Entwürfen der Euro-Scheine auch? Schnell waren’s die chinesischen Subunternehmer. Und Müller konnte eine weitere Karteikarte unter A wie Ausrede in seinen Zettelkasten sortieren.
Die Werkschau in der Schwankhalle bietet Gelegenheit, die launige Nacherzählung von Kunstproduktion zu verfolgen. Mal ist das schlau, manchmal schlicht komisch. In Island und seinen Elfen hat Müller einen Rockzipfel von Utopia entdeckt und ergriffen.
Am 11. Mai berichtet Wolfgang Müller über die Tänzerin Valeska Gert. Weitere Abende sind für den Herbst geplant.
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