Hamburg - Von Pascal Faltermann - Nur ein kleiner, unscheinbarer Aufkleber weist darauf hin: Hier sitzt das Hamburger Label „Grand Hotel van Cleef“. Im ersten Stock sind die Büroräume. Die Einrichtung schlicht. Hinten an der Wand sitzt Marcus Wiebusch. Von seinem Platz aus kann er den kompletten Raum überblicken. Und aus dem Fenster schauen. Dunkle Jeans, schwarzer Pullover, Dreitagebart. So kennt man den Sänger der Band Kettcar. Teil zwei des Interviews.

© Mediengruppe Kreiszeitung / Faltermann
Marcus Wiebusch beim Hurricane 2008.
Wie entstehen denn Ihre Texte? Was sind dafür die Hintergründe? Wiebusch: Ich erzähle mal die Geschichte der Songs. Vor zwei Jahren schien es für alle nur noch ein Thema zu geben: Glück, Glück, Glück. Wo wohnt es, wo war es, wie ist es. Spiegel-Cover, Zeitgeist-Leitartikel. Von der Zeit abwärts, alle wichtigen Zeitungen, Talkshows, Glücksforscher – alles voll mit Glück, Glück, Glück. Und ich fragte mich, warum ich so genervt bin. Und dann habe ich einen Newsletter bekommen von einem befreundeten Hamburger Musiklabel da stand nur ein Satz: „Glück ist, keinen Krebs zu kriegen“. Und dann habe ich „Nach Süden geschrieben“, worin es darum geht, dass unser Protagonist nach eineinhalb Jahren Krankheit geheilt entlassen und abgeholt wird. Dieser Typ berührt mich. Das ist wie ein zweites Ich von mir. Aber ich habe das nicht erlebt. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, wie ich das unkitschig beschreiben kann. Das ist alles ein Teil von mir, auch wenn diese Geschichte nie passiert ist. Ich bin ein Künstler, der niemals erleben muss, was er beschreibt, um Leute zu berühren. Mein Leben ist einfach behütet, ich bin verheiratet, habe zwei Kinder. Bei mir passiert ja nix. Aber es berührt mich, so einen Song zu schreiben und zu performen. Ich habe es erlebt, dass Leute bei diesem Song geheult haben, weil wir ihn schon länger auf Konzerten spielen, auch wenn die Platte noch nicht raus ist. Der Song ist halt sehr gefühlig. Es ist kein Egal-Song.
Ist das der große Unterschied zum Vorgänger-Album „Sylt“? Mehr Gefühl?
Wiebusch: „Sylt“ war eine bittere Zustandsbeschreibung mit sehr harten Ausführungen. Ich nenne das immer neoliberale Zumutung. Das neue Album ist anders, es lässt neue Facetten zu. Es sind sehr, sehr positive Songs drauf, aber auch wieder düstere wie R.I.P. – ein sehr bitterer Song. Auch „Schrilles buntes Hamburg“ ist eine bittere Zustandsbeschreibung. Aber „Schwebend“ ist einfach voller Licht.
Sie machten darin so viele Fässer auf, von Kultur- bis Gesellschaftskritik.
Wiebusch: Berechtigterweise. Es wird kein neues „Landungsbrücken raus“ geben. Was ich mich frage, und wenn man will, kann man daraus auch politische Forderungen ableiten, ist halt: Muss Kunst oder Kultur sich immer den Verwertungslogiken unterwerfen und ist es nicht für uns alle wichtig und von mir aus auch für die politisch Handelnden, einen Zeitgeist zu kreieren, wo man Kunst jenseits von Verwertungslogiken begreift? Wenn man das tut, wäre glaub ich viel, viel gewonnen. Kunst kann oft ein letztes Regulativ sein.
Wiebusch: Genau. Das ist sicherlich ein sehr schöner Ansatz. Wenn wir das schaffen, dann top. Es ist vielleicht eine Stärke von uns, dass wir an kleinen Sachen Universelleres festmachen können.
Warum ist das neue Album musikalisch gesehen wesentlich vielschichtiger? Wiebusch: Es gab eine Gegenbewegung zu „Sylt“ in der Band. Unser gemeinsamer Nenner war, mit einer sehr großen Offenheit an die Sachen heranzugehen. Zuschauen, was bei uns schwingt. Bei „Sylt“ war der Rahmen sehr eng. Jetzt wollten wir auch elektrophilen Sound, Folk oder Streicher ausprobieren. Nach den ersten acht Songs waren wir erschrocken, weil sieben mit Akustikgitarre waren und total ruhig. Dann kamen aber auch Stücke wie „Schrilles Hamburg“ oder „Apokalyptischer Reiter“. Wir haben uns vielschichtig aufgefächert. Wir sind mehr denn je zusammen. Wir haben dreimal zusammen die Stadt verlassen und sind ins Rio Reiser-Haus und einmal ins Wendland, um unsere Demos zu verfeinern, aufzunehmen oder zusammen zu spielen. Jeder hat die Bereitschaft, etwas mit zu entwickeln. Aber es gibt immer einen Songwriter, der das Heft in der Hand hat. Reimer und ich geben als Songwriter aber die Richtung vor. Die Offenheit war das Allerwichtigste. Die Offenheit, auch andere Sachen zuzulassen. So passt beispielsweise „Schrilles Hamburg“ eigentlich nicht in das Album.
Wäre Schrilles, buntes Hamburg“ nicht auch ein Song für Frittenbude? Die haben ja schon aus Ihrem Song „Graceland“ eine Elektro-Version gemacht.
Wiebusch: Interessant, dass Sie das sagen. Ich habe auch schon darüber nachgedacht. Vielleicht ist das ja auch noch nicht vom Tisch. Derzeit haben sie allerdings wenig Zeit, weil sie in der Endphase ihres Albums sind.
Sie leben in einem Musikerumfeld und haben beruflich mit Musikern zu tun. Wie stark haben Sie noch Kontakt zum „echten wahren Leben“, um relevante Geschichten daraus zu erzählen?
Wiebusch: Dadurch, dass ich zwei Kinder hab, ganz gut. Wir haben alle neben der Arbeit noch ein normales Leben und sind in anderen Freundeskreisen verwurzelt. In meiner Hausgemeinschaft entwickelt sich gerade recht viel. Es ist für mich als Texter extrem wichtig, aus dieser Blase Musik herauszukommen.
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