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„Ich dachte, ich weine“

Sarah Kuttner berichtet in Oldenburg von den Ängsten der 30-Jährigen

„Ich dachte, ich weine“

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Von Rebecca GoellnerOLDENBURG · Sarah Kuttner schreibt jetzt Romane. Eigentlich schon seit einigen Jahren. 2009 veröffentlichte sie ihr erstes Werk „Mängelexemplar“, Ende 2011 legte sie mit „Wachstumsschmerz“ nach.

Sarah Kuttner ·

© Foto: dpa

Sarah Kuttner ·

Es ist wohl der Versuch, den Stempel der ewig nervenden Viva-Moderatorin loszuwerden und als seriöse Autorin Karriere zu machen. Doch während ihrer Lesung in der Kulturetage Oldenburg am Donnerstagabend wirkte sie zunächst nicht seriös, sondern so, als sei sie geradewegs dem Publikum entsprungen. Denn dort saßen zumeist Studenten, und „la Kuttner“ hätte getrost zwischen ihnen Platz nehmen können.

Im schwarzem Schlabberlook und mit rot lackierten Fingernägeln rutscht sie unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Es ist der erste Stopp von „Sarah Kuttner liest“, und bei dieser Premiere wirkt alles etwas improvisiert. Im Plauderton erzählt Kuttner von ihren Erfahrungen mit den Norddeutschen. „Gott sein Dank bin ich nicht in Bremen“, entfährt es ihr. Sie habe drei Mal versucht, das Bremer Publikum von sich zu überzeugen, „doch geklappt hat es nie“. Deshalb habe sie sich nun für Oldenburg entschieden. Nah dran und doch „so anders“. Erster Applaus. Das Eis ist gebrochen. Endlich beginnt Sarah Kuttner aus „Wachstumsschmerz“ vorzulesen.

Den Anfang macht, wie sollte es anders sein, das erste Kapitel. Darin begeben sich die beiden Hauptprotagonisten Flo und Luise auf Wohnungssuche. Die ersten gemeinsamen vier Wände. Nicht nur die hochnäsige Marklerin, sondern auch die heruntergekommene Behausung stinkt den beiden ganz gewaltig. „Man sollte meinen, dass zumindest die Klassiker gelten, wie: ein bisschen aufräumen, keine Schlüpfer rumliegen zu lassen und nicht kurz vor dem Termin kacken zu gehen, ohne zu lüften“, heißt es in dem Roman. Was dem Zuhörer schon hier bewusst wird: Es geht nicht um die miefende Wohnung, sondern vielmehr um das Erwachsenwerden. Die Geschichte von Luise und Flo dient lediglich als Mittel zum Zweck. Luise will mit Flo zusammenziehen, hat aber Angst davor. Sie weiß nicht, ob sie als Schneiderin Karriere machen soll oder nicht, nebenher modelt sie lustlos, von ihrem Vater fühlt sie sich nicht wirklich geliebt. Flo hingegen ist Assistant Manager eines Kletterparks und befürchtet, sein Junggesellendasein aufgeben zu müssen.

Eine Handlung, die sich so in wohl jeder zweiten Partnerschaft abspielen könnte. Mitten aus dem Leben gegriffen. All diese Ängste tauchen in sentimentalen Memos immer wieder auf. Kuttner beschreibt mit diesen Momentaufnahmen Luises Gedanken. Sie kreiert ein Bild von der verlassenen 30-Jährigen, die in der gemeinsamen Wohnung sitzt und sich in ihren Befürchtungen bestätigt sieht. Es fällt der Autorin selbst nicht leicht, diese Kapitel vor Publikum vorzutragen. Holprig setzt Kuttner an, kommt ins Stottern. Die letzten Sätze gehen ihr flotter über die Lippen. Die Berlinerin möchte es hinter sich bringen. „Geschafft“, stöhnt sie, „ich dachte, ich weine bei den Memos“. In den Zuschauerreihen herrscht Stille. Das erste Mal an diesem Abend. Sarah Kuttner wirkt nervös, fährt sich immer wieder mit dem Zeigefinger durch die Haare.

Sarah Kuttner kommt nicht bei allen gut an. Literarisch anspruchsvoll ist das nicht, doch die vorwiegend jungen Zuhörer haben das Gefühl, alles schon selbst so erlebt zu haben. Das ist das Besondere an Kuttners Romanen. Sie beschreibt gekonnt in ihrer frotzigen Sprache, was den um die 30-Jährigen Angst macht. Eigene Entscheidungen zu treffen und mit den Konsequenzen leben zu müssen. Kuttner gibt zu, dass sie viele Dinge, von denen sie schreibt, selbst erlebt hat. Das ist ehrlich. Und am Ende der Lesung hat die Autorin es geschafft, nicht nur die „hippe Moderatorin“ aus Berlin zu sein, sondern eine Frau mit Anfang 30, die dieselben Probleme hat, wie diejenigen, die vor ihr sitzen.

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