Bremen - Von Rainer BeßlingWer im gediegenen Ambiente der Bremer Rathaushalle bereits an zahlreichen Verleihungen des ohne Frage anerkannten und traditionsreichen Bremer Literaturpreises teilgenommen hat, geht der neuesten Auflage nicht unbedingt fiebernd entgegen.

© Foto: dpa
Lektüre im Bremer Rathaus: Marlene Streeruwitz vor der Verleihung des Bremer Literaturpreis 2012 mit ihrem jüngsten Roman „Die Schmerzmacherin“. ·
Das Ritual ist eingeführt, die musikalische Umrahmung engagiert originell, das Grußwort der behördlich-politischen Repräsentanz auf korrekteste Weise kunst- und kulturbewusst. Die Reihenfolge der Beiträge steht, die feierliche Atmosphäre ist gesetzt. Was hier zünden kann, ist der Inhalt der Lobreden und Dankesworte – und die haben es ebenso wie ausgezeichneten Bücher in diesem Jahr in sich.
Was im Rückblick an erster Stelle hängen bleibt, ist Kontrast. Der Kontrast zwischen den literarischen Werken der Hauptpreisträgerin und des Förderpreisträgers sowie der Kontrast zwischen den Würdigungen und Reden der Ausgezeichneten. „Die Schmerzmacherin“ heißt der zuvorderst prämierte Roman der österreichischen Schriftstellerin Marlene Streeruwitz. Der Titel ist mehr als berechtigt, wie die brillante Laudatorin Daniela Strigl belegt.
Magische „Sieben Schmerzen“ identifiziert Strigl in Streeruwitz‘ Roman. Zu ihnen zählt eine Untrennbarkeit von Wollust und Schmerz, womit die Laudatorin bei der Körperlichkeit der Sprache und der Schmerzlust des Lesers angelangt ist. Diese Autorin sei nicht apodiktisch, sondern „bloß radikal – bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus“. Auch wenn das Buch seine heiteren Stellen habe, sei „nicht daran zu rütteln, dass Marlene Streeruwitz‘ Prosa in erster Linie ein Schmerzmittel ist – ein Mittel nicht gegen, sondern für den Schmerz. In diesem Schmerz zu schwelgen, ist das paradoxe Glück der Leserin“.
Die Autorin bedankt sich mit einer Rede, die den Anspruch ihrer Literatur eindrucksvoll unter Beweis stellt. Unterhaltung dürfte an letzter Stelle in der Liste ihrer Wirkungsabsichten rangieren. Sie erzählt davon, wie sie einer Präsentation ihrer Lobrednerin beigewohnt hat. Es ging um den Dichter Walter Buchebner, viel mehr aber geht es um die Körperlichkeit der Erkenntnis, um eine Sprache der leiblichen Erfahrung, die in einem Kontext von Rationalität und Wissenschaftlichkeit Verruf geraten sei. Auch wenn sie über einen anderen Autor spricht, redet Streeruwitz über ihre literarische Haltung.
Langsam tastet sie sich in ihrem Beitrag an die Bedeutung und Deutungsmacht der körperlichen Erfahrung und eine Leiblichkeit der Sprache. Der Körper habe traditionell Glauben ausdrücken müssen, wenn ein Text den Körper erreiche und Affekte als Unbehagen mobilisiere, sei die Chance gegeben, gegen die Dominanz der „Urtexte“ zu bestehen. Demokratie könne in einer Umwertung von Wissen und Glauben begründet werden. „Alle Romane sollten dafür geschrieben und gelesen werden. Es werden keine keine Utopien mehr gebraucht, die die Deutungsmacht zentrieren. Es werden viele Einzelne viele einzelne Entscheidungen treffen müssen, die sie in Einzelgeschichten verankern können müssen“.
Einen deutlichen Kontrapunkt gegen tiefsinniger Ästhetik und ambitionierte politische Theorie setzte Richard Kämmerlings mit seiner Lobrede auf den Förderpreisträger Joachim Meyerhoff. Für Anlass und Ort ungewöhnlich launig pries der Literaturkritiker das Amerika-Buch des Autors, einen Debütroman, der aus einem Theaterprojekt hervorgegangenen ist. Der Inszenierungscharakter des spielerischen biografischen Rückblicks dürfte maßgeblich die Plastizität der Figuren und die Eindringlichkeit der Szenen auch im Roman begründet haben. Das frühe und erste Amerika-Erlebnis der Romanfigur ist vom Witz des Scheiterns und der Überzeichnung geprägt. Meyerhoff zeige, so Kämmerlings, „dass Komik keine Frage des Gegenstands ist, sondern der Form“. Wo andere Erinnerungsprosa mit tiefem Ernst daher käme, schlage Meyerhoff, als Schauspieler ein „Experte für Präsenz“, dem Vergehenden ein Schnippchen. Er habe sein Schreiben der Vergegenwärtigung gewidmet, „der Rettung der Erinnerung in der Schrift“.
Meyerhoffs Dankrede, eine höchst heitere Erinnerung an einen frühen Erfolg bei einem Preisausschreiben, belegt die Vitalität des Witzes als Gegenstück des rückwärts gewandten erstarrenden Epitaphs.
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