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Von Johannes BruggaierSYKE (Eig. Ber.) · Das Leben, sagt Abraham a Sancta Clara, trage seinen Namen nicht umsonst.

Kreiszeitung Syke
Denn so schnell, wie dem Morgennebel, „diesem trampischen Sohn der morastigen Erden“, mit den ersten Sonnenstrahlen „der Garaus“ drohe, so flüchtig ziehe auch das Leben an uns vorbei; kaum, dass es begonnen habe. Schließlich sei – dem Nebel gleich – unser erster Lebensatem schon „ein Seufzer zum Tod“. Weshalb Leben „Nebel“ heißt, bloß rückwärts gelesen. Wurde das Dilemma unseres so kurzen Erdenglücks jemals eindrucksvoller beschrieben?
Abraham a Sancta Clara war ein Superstar seiner Zeit. Renommierter Theologe und populärer Entertainer zugleich: eine Kombination, die im Barock die normalste Sache der Welt war. Tausende drängten regelmäßig zu seinen Predigten in die Kirche. Niemand wollte es versäumen, sich für seine Sünden ausschimpfen zu lassen. Trunksucht, Habgier, Völlerei: Gerne ließ man sich öffentlich rügen, solange es nur auf solch unterhaltsame Weise wie bei einer Ansprache Abraham a Sancta Claras geschah.
Der Züricher Manesse Verlag hat jetzt Predigten und Schriften des Augustiner-Mönchs neu herausgegeben. Und es bedarf bei der Lektüre nur geringer Fantasie, um die Wirkungskraft seiner Reden zu erahnen. Mit der ganzen Wucht barocker Rhetorik schmettert Sancta Clara Gottes Wort von der Kanzel herab: bildhaft, pointiert, rustikal. Da ergeht es dem Eitlen nicht besser als dem Geizigen, und sogar vermeintlich kleine Sünder bekommen gehörig den Marsch geblasen.
Die Hundenarren etwa treiben es nach Ansicht des Predigers deutlich zu weit, wenn sie „die Hund mehr lieben, mehr ehren, mehr geben, mehr ästimieren als einen armen Menschen“. Was muss das für ein Mensch sein, der seinem Hund ein Schnitzel reicht, dem armen Bettler aber „vor der Tür kein schwarz Stückl Brot“? Viele kleine „Hündl“, so Sancta Clara, „fressen mit Herren und Frauen über Tisch Fleisch und Fisch, von dem Teller und aus der Schüssl“, während verarmte Mitbürger auf der Straße elendiglich zugrunde gehen: „Solche Hundsnarren werden auf dem Hundskarren in den Hundshimmel fahren. Viel Glück auf die Reis!“
Keine Spur besser verhält sich etwa der Feuerwerksnarr („Kein Geld in der Welt ist so geschwind in dem Wind, als welches man auf das Feuerwerk verwendt“) oder die „schöne Närrin“: Mittlerweile, seien die eitlen „Weibsbilder“ schon mit derart vielen „Arten Pomade“ zugekleistert, „dass man bald einen Mangel deshalben an denen Hammeln haben wird“.
Nicht immer tritt die moralische Botschaft so offen zutage. Manchmal ist Sancta Clara erkennbar daran gelegen, bloß eine besonders effektvolle Geschichte zu erzählen – ganz gleich, ob sich mit ihr eine Ermahnung oder eine Erbauung verbinden lässt. Dann berichtet er etwa genussvoll vom Schicksal eines deutschen Pilgers, der eine Andacht in Genua besuchen will. Kaum in der Stadt eingetroffen, spricht ihn auch schon ein frommer Landsmann an, kluge Ratschläge erteilend. Wo doch in Genua, sogar in der Kirche, so viele Taschendiebe unterwegs seien, möge der Tourist all sein Geld „ins Maul“ stecken. Auf diese Weise werde er „der schlauen Beutelschneider ihre Ränk hinterlistigen“. Dankbar für den wertvollen Hinweis steckt sich der brave Pilger „etliche Dukaten ins Maul“ und „gehet samt diesem in die Kirchen“.
Mitten in der Andacht, als sich „jedermann niederkniet“, steht plötzlich der kluge Ratgeber von vorhin da, „krabbelte also auf der Erden hin und her und lamentierte“. Was er denn habe, fragen ihn die andächtigen Glaubensbrüder. „Ach Gott“, versetzt dieser hierüber ganz kläglich: „Ich habe mit dem Schnupftuch etliche Dukaten herausgezogen und kann s‘ nicht mehr finden.“ Oh, ruft da sein Komplize aus. Er wisse, wo das Geld stecke: Der deutsche Pilger dort habe es sich „ins Maul geschoben“. Worauf dem nichts übrig bleibt, als wie ein Goldesel die Dukaten auszuspucken. Dass es sich bei den Münzen um sein eigenes Hab‘ und Gut handelt: Wer soll ihm die Geschichte glauben? „Wie gewonnen, also zerronnen“, fällt dem Prediger dazu ein. Womit auch diese Ansprache so etwas wie einen moralischen Sinnspruch erhält.
Drei Jahrhunderte liegen zwischen den Schriften des Abraham a Sancta Clara und der Gegenwart. Von Kardinal Meißner einmal abgesehen, führen in der Kirche heute verständnisvolle, politisch korrekte Theologen das Wort. Mit des Deutschen liebstem Haustier legen diese sich ebenso wenig an wie mit der Feuerwerkszunft. Das mag ihnen unangenehme Zwischenrufe ersparen. Von vollen Gotteshäusern wie zu Sancta Claras Zeiten aber können sie nur träumen.
Abraham a Sancta Clara: „Hui und Pfui der Welt“; Manesse Bibliothek der Weltliteratur: Zürich 2009; 377 Seiten; 22,95 Euro.

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