Oldenburg - Von Rainer Beßling · Das Publikum im fortschrittlichen London nahm Händels neues Oratorium mit Beifall auf: Ein Jüngling niederen sozialen Rangs beschämt mit Erfolg und Tugend einen alten König, höhlt die Macht des von Neid und Selbstzweifel zerfressenen Monarchen aus, bringt das Volk auf seine Seite und übernimmt selbst den Thron.

Innerlich zerrissen: Saul ( Derrick Ballard).
Was im 18. Jahrhundert den Aufstieg des Bürgertums spiegelte und mittels biblischer Geschichte illustrierte, verliert nach längerer Erfahrung mit bürgerlichen Herrschaftsformen und kapitalistischer Ordnung seine visionäre Unschuld. In Lydia Steiers Oldenburger „Saul“-Inszenierung verwandelt sich der Emporkömmling David bereits auf der Zielgeraden zur Regentschaft in einen machtbewussten Strategen und Macho, an dem bald die Dämonen knabbern.
Steier schlägt den großen Geschichtsbogen mit der Kleiderordnung (Kostüme: Ursula Kudrna). Im Anfangsbild zur eröffnenden Sinfonia findet sich eine höfische Gesellschaft auf der Bühne des Fliegerhorstes ein. Mit Sauls Ansehensverlust und Persönlichkeitszerfall fliegen die Perücken und Adelsroben vom Leib, Hemden und Mieder übernehmen die Macht. Bilder von Sittenverfall, Trieben und niederen Instinkten des der Macht hinterher hechelnden und die Machtkämpfe begaffenden Volkes werden mitgeliefert. Am Schluss regiert der graue Anzug, die funktionale Geschäftsmasse stützt in Reih und Glied die Herrschaft. Inzwischen hat sich die barocke Kulisse zu einer ruinösen Industriebrache aufgelöst (Bühnen: Katharina Schlipf).
Die Verehrung des Königssohns Jonathan für David deutet die Regisseurin als homoerotische Leidenschaft. Wie berechtigt diese Lesart sein mag, sei dahingestellt. Sie erlaubt, den Prinzen in mehrfacher Abweisung und Demütigung, durch den Angebeteten, durch den Vater und durch das Volk zu zeigen. Die Fragwürdigkeit der feudal organisierten Thronfolge ist damit mehr als angedeutet. In Oldenburg stirbt Jonathan, subtil und zugleich mit großer stimmlicher und darstellerischer Präsenz interpretiert durch Daniel Ohlmann, von der Hand des rasenden Vaters – folgerichtiger Schritt in der Selbst- und Systemzerstörung des Regenten. Bild auch für eine inhumane Ordnung, in der das Individuum jenseits des Regelapparats auf brutalste Weise untergeht.
Der Chor, vielfach Achillesferse von Operninszenierungen, erfüllt im unbedingt sehenswerten Oldenburger „Saul“ seine zentrale musikdramatische Funktion als Kommentator und Erzähler auf hohem stimmlichen Niveau (Chöre und musikalische Assistenz: Thomas Bönisch). Zugleich ist er aber auch gut geführter und in die Handlung integrierter Akteur. Allenfalls das eröffnende höfische Zusammentreffen hätte später einsetzen und weniger wuselig ausfallen können. Dann hätte sich das Publikum etwas länger ungestört in den instrumentalen Auftakt und damit die durchsichtige, bei aller Dramatik meist federnd pulsierende, klangfarbenreiche Interpretation des Oldenburgischen Staatsorchesters und der Basso-Continuo-Gruppe einhören können.
Barockes Musiktheater gehört wohl zu den größten Herausforderungen an einen Klangkörper im öffentlichen Spielbetrieb. Vor diesem Hintergrund hat die Leistung des Oldenburgischen Staatsorchesters unter der Leitung von Andreas Spering Anerkennung verdient.
Weitere Vorstellungen: am 25., 28. und 31. Mai, jeweils um 19.30 Uhr im Fliegerhorst.
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