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Explosives von der Straße

Banksy, Blu und Co.: Die „Urban Art“ begeht im Neuen Museum Weserburg ungewohnte Wege

Explosives von der Straße

022.07.09|Lokal|Lokal|
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Artikel: Explosives von der Straße

BREMEN (Eig. Ber.) n In der Weserburg ist eine Bombe geplatzt. Die Explosion hat unübersehbar grobe Spuren hinterlassen, den Boden und die Wände des musealen „White Cube“ mit grellen Farbflecken und -spritzern in pink-violettem Ton besudelt.

Der knallgelbe Kopf von Os Gêmeos ist eine begehbare Skulptur, in der sich eine ganze Wohnung mit funktionierender Dusche verbirgt.

Der knallgelbe Kopf von Os Gêmeos ist eine begehbare Skulptur, in der sich eine ganze Wohnung mit funktionierender Dusche verbirgt.

Die Sauerei hat auch die räumlich naheliegenden Kunstwerke der Sammlung in Mitleidenschaft gezogen. Zerfetzte Reste der Farbbombe zeugen von der Wucht, von der Kraft und Energie, die freigesetzt wurde. Damit ist das erklärte Ziel erreicht.

Ein Terroristenanschlag auf den künstlerischen Raum? Mitnichten, vielmehr ist die Farbbombe selbst Teilstück der Kunst: ein Experiment und neue Ausdrucksform im Rahmen der aktuell laufenden Ausstellung „Urban Art“ in der Bremer Weserburg. Bastler des Sprengsatzes ist der Amerikaner Brad Downey. Wichtig ist ihm der eine Moment, in dem sich über der Explosion eine Farbwolke formiert und zu einer skulpturalen Erscheinung wird. Für diesen kurzen Augenblick, festgehalten in einem Foto, zeigt sich die unbändige Kraft der Kunst der Straße.

Wenn der Rauch sich schließlich verzogen hat, statuiert er mit der farbbedingten radikalen Aneignung des Raumes außerdem ein Exempel dafür, wie die Kunst der Straße funktioniert. Sie bricht mit den gewohnten Sehweisen, stellt alltägliche Ordnungen in Frage und unterwirft sich keinen Regeln. Das äußert sich vor allem in der Vielfalt ihrer Gestaltung. Wer mit der Vorstellung behaftet ist, urbane Kunst sei festgelegt auf überdimensionierte Graffitis, bunte Tags oder als lästig empfundene – und zudem noch illegale – Schmierereien, den überrascht die Ausstellung, indem sie Einblicke in den Facettenreichtum der städtischen Kunst gibt.

Dazu gehören etwa die Videoaufnahmen einer Aktion des italienischen Urban-Art-Akteurs Blu. Für seinen Kurzfilm „Muto“ bringt er inmitten der Straßen von Buenos Aires ein „animiertes“ Graffiti an Mauern und Hauswände. Seine Zeichnungen werden durch Aufnahmen im Stop-Motion-Verfahren lebendig: Jedes Einzelbild wird übertüncht und durch ein leicht verändertes Exemplar ersetzt. Heraus kommen bewegte Bilder, in denen sich schwabbelig unförmige Männergestalten selbst die dicken Bäuche aufreißen. Im nächsten Moment krabbelt ein Ebenbild ihrer selbst aus der Wunde hervor, um sich anschließend in surreale Wesen zu transformieren: einäugige Sechsbeiner, die scheinbar auf der Wand entlangspazieren. Die kurzen Sequenzen erzählen eine zusammenhängende Geschichte, die Aufnahmen aber entstehen an vielen verschiedenen Orten. So gelingt dem Künstler eine Vernetzung der Stadt, möglicherweise gibt er Anstoß für einen Dialog ihrer Bewohner.

Diese Form der Kunst lässt sich nicht klassifizieren. Nicht ein Ergebnis steht am Ende des Schaffensprozesses, sondern vielfältige Methoden des Ausdrucks können den Anspruch erheben, künstlerische Momente zu sein: der fertige Film, die Anstiftung zur Kommunikation, der gestalterisch unglaublich aufwendige und dadurch äußerst ernsthafte Arbeitsprozess, die Graffitis, die in ihrer Mehrschichtigkeit einen zeitlichen Ablauf verbergen und schließlich die Präsenz des als letztes verbleibenden Standbildes einer jeden Sequenz.

In den letzten Jahren haben Werbeindustrie, Medien und etliche Modekonzerne die subkulturelle Bildsprache für sich entdeckt. Durch ihre massentaugliche Verarbeitung der Straßenkunst, versiegt die eigentliche Nachricht einer Gesellschaftskritik zugunsten der Oberflächlichkeit einer hippen Eventkultur. Längst aber proben die Künstler der Straße neue Ausdrucksformen, um öffentlich zu machen, was sie beschäftigt, anrührt oder nervt. Mit ungewöhnlichen Aktionen, skulpturalen Setzungen und eben Interventionen im öffentlichen Stadtraum werden die Künstler Auftraggeber ihrer selbst.

Mit der Ausstellung ist die Urban Art im geschlossenen Raum der Institution Museum angekommen. Doch setzt sie sich damit nicht selbst ins Schussfeld der Kritik einer Kommerzialisierung und dem Verlust ihrer Authentizität? Folgt man dem vorausgegangenen Gedanken einer Kunst im Wandel, deren Endpunkt lange noch nicht absehbar ist, ist der Einzug eben dieser Straßenkunst ins Museum nur folgerichtig mit dem Etikett einer Grenzenauslotung zu versehen. Die Ausstellung zeigt Arbeiten, die für den musealen Raum geschaffen oder mindestens nicht dem Stadtraum entnommen wurden. Hätte Brad Downey seine Farbbombe in einer beliebigen Bahnhofsunterführung gezündet, die Aktion wäre dem Personal der Stadtreinigung nicht mehr als ein unanständiger Fluch wert. Wirklich befremdlich wirkt die Farbe nur auf den wertvollen Kunstwerken im vermeintlich geschützten Raum der Institution. Künstlern wie Dave the Chimp, Daim und Boxi gibt der museale Kontext die Möglichkeit, ihre klassischen (Schablonen-) Graffitis in qualitativ neuen Dimensionen zu gestalten, weil sie sich während des Arbeitsprozesses nicht mit einem Arm in vier Metern Höhe am Zaum festklammern, um mit der Spraydose in der anderen Hand das Graffiti gut sichtbar zu platzieren. Die komfortable Situation löst Boxi in seinem Wandbild „The Embrace“ ein. Einmalig filigran und perfekt in seiner Plastizität entstand ein siebenschichtiges Schablonengraffiti, welches das Panorama einer Großstadt zeigt, davor zwei Menschen im Schutzanzug, deren Darstellung einer fotografischen Detailverliebtheit gleicht. Die Arbeit ist direkt auf die Museumswand aufgebracht sieht sich dadurch einem Aspekt ausgeliefert, der sie mit der Kunst der Straße verbindet: ihrer Vergänglichkeit.

Wer mit der Erwartung in die Weserburg geht, eine Antwort darauf zu erhalten, was Urban Art letztlich ist, wird enttäuscht. Was die Besucher bekommen, ist die Begegnung mit einer Kunst in Bewegung, ein Einblick in einen Prozess der Entwicklung. Den Besucher erwartet eine Bestandsaufnahme und die Möglichkeit selbst zu urteilen, ob die Verbindung zwischen einer Kunst, die ursprünglich dem Stadtraum zugeschrieben war und dem Museum fruchtbar ist.

Verbindender Nenner der Ausstellung ist die Absicht der Künstler, bestehende globale (Un-)Ordnungen zu reflektieren und gegebenenfalls zu kritisieren. Auffälliger, rebellischer und durch Rezipienten höher frequentiert gelingt dies im öffentlichen Raum der Stadt.

„Urban Art“: Bis zum 30. August in der Weserburg.

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